Fritz Walter war so etwas wie der erste Star des deutschen Fußballs, dabei wollte er etwas ganz anderes sein: Ein Vorbild an Integrität, Bodenständigkeit und Bescheidenheit.

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Von den vielen Bildern, die es von Fritz Walter gibt, ist dieses eine wohl das einprägsamste: Wie er den Weltpokal entgegennimmt, gebeugt vor Jules Rimet, dem Erfinder der Fußball-Weltmeisterschaften und FIFA-Präsident. So, als müsse er sich entschuldigen für die größte Sensation in der Geschichte des Fußballs. Deutschland wieder ganz oben, an der Spitze der Welt - neun Jahre nach Kriegsende war das eine düstere Vorstellung für viele Menschen und sei es nur bei einem Fußballturnier.

Deshalb war diese Geste von Fritz Walter so wichtig, das Verhalten der deutschen Spieler und ihres Trainers Sepp Herberger beim WM-Triumph 1954 so elementar: Millionen Menschen auf der ganzen Welt wurde ein demütiges, bescheidenes, vielleicht auch reumütiges Deutschland präsentiert.

Schweizer Radiostationen steigen aus Live-Übertragung aus

Zumal als Gegensatz zu dem, was sich auf den Rängen abspielte. Beim Abspielen des Deutschlandliedes sangen einige Zuschauer die erste Strophe - offenbar in Unkenntnis, dass einige Monate zuvor der Text der dritten Strophe zur neuen Nationalhymne gemacht wurde. Schweizer Radiostationen stiegen daraufhin erbost aus ihrer Live-Übertragung aus.

Das sogenannte Wunder von Bern wird gerne zur heimlichen Geburtsstunde der neuen Bundesrepublik verklärt. Und tatsächlich schöpften die Menschen zu Hause neue Hoffnung, ein Gefühl der Aufbruchstimmung verstärkte sich und der Gedanke "Wir sind wieder wer". Aber in den frühen 50er Jahren war Deutschland schon auf einem guten Weg der Besserung, der Fußball damals ein beiläufiges Vehikel für eine überschaubare Gruppe der Bevölkerung.

Das Finale von Bern war den Mächtigen im Lande jedenfalls so wichtig, dass sie es nicht für nötig erachteten, dort auch Präsenz zu zeigen: Weder Bundespräsident Theodor Heuss noch Bundeskanzler Konrad Adenauer waren im Wankdorf-Stadion zugegen. Fritz Walter, der Kapitän der erfolgreichen Mannschaft, war deshalb der oberste Repräsentant der Bundesrepublik. Und bewusst oder unbewusst setzte Walter die richtigen Zeichen.

Fritz Walter, bodenständig und seriös

Fritz Walter war streng genommen der erste Star des deutschen Fußballs, nur wollte er nie einer sein. Einige seiner Mitspieler von damals konnten mit der Begeisterung der Leute und ihrem Ruhm nicht besonders gut umgehen. Final-Doppeltorschütze Helmut Rahn verfiel ebenso dem Alkohol wie Abwehrspieler Werner Kohlmeyer, der Haus, Arbeitsplatz und am Ende sogar den Kontakt zu seinen eigenen Kindern verlor und mittellos an Herzversagen starb. Mit nur 49 Jahren. Boss Rahn frönte gerne dem süßen Leben, der deutlich ältere Walter dagegen versuchte sich an einem seriöseren Lebenswandel. Vermutlich auch, weil er die Wirren des Krieges als Soldat an der Front mitbekommen hatte.

Als sich Walter zum Kriegsdienst meldete, war Rahn erst zehn Jahre alt. Im Frühjahr 1941 rückte Walter in Frankreich ein, später ging es weiter nach Sardinien. Und dazwischen noch ein Länderspiel im Spätherbst 1942. Zwei Jahre zuvor hatte Walter schon für Deutschland debütiert, in seinem ersten Spiel gegen Rumänien beim 9:3-Sieg drei Tore erzielt.

Eine Fügung des Schicksals

Sein Ziehvater Sepp Herberger versuchte aus der Ferne, seine Hand über Walter zu halten, schrieb ihm kurz nach dem letzten Länderspiel gegen die Slowakei, er solle "sich zurückhalten. Machen Sie sich selten und sorgen Sie dafür, dass Ihr Name in den nächsten Wochen nicht genannt wird." Herberger war es dann auch, der Walters Versetzung von der Infanterie zur Luftwaffe einfädelte. Beim Regiment der "Roten Jäger" gab es eine talentierte Fußballmannschaft, Walter wurde zu einem Teil davon.

Nach der deutschen Kapitulation war für ihn trotzdem der Transport in ein Gefangenenlager nach Sibirien vorgesehen. Walter litt zu diesem Zeitpunkt an einer Malaria-Erkrankung, die den angedachten Abtransport noch einmal verzögerte und ihm das wichtigste Spiel seines Lebens förmlich schenkte: Im Gefangenenlager entspann sich eine Partie kurz vor Walters Transport nach Russland, an der ein völlig ausgelaugter Gefangener teilnahm und einem Wachposten auffiel, der wiederum dem Kommandanten Bescheid gab, dass ein deutscher Nationalspieler unter den Gefangenen ist.

So endete der Krieg für Fritz Walter nicht wie für Hunderttausende andere Deutsche in einem der berüchtigten Lager in Sibirien, sondern über einige Umwege im heimischen Kaiserslautern.

Walter lehnt Atleticos Offerte ab

Beim 1. FC Kaiserslautern hatte Walter in der Saison 1937/38 im Seniorenbereich debütiert, hier fing er nach dem Krieg wieder an und führte seinen Klub an die Spitze des deutschen Fußballs. 1951 und 1953 holte der FCK die deutsche Meisterschaft mit einem überragenden Walter, der in einer Saison in der Oberliga Südwest als Mittelfeldspieler 38 Tore erzielte - obwohl er da schon 33 Jahre alt war.

Der Triumph von Bern ein Jahr später machte aus Fritz Walter die erste Ikone der jungen Bundesrepublik, ihm wurde mehrfach das Silberne Lorbeerblatt verliehen, das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik, Ehrenbürger der Stadt Kaiserslautern, Regional- und später ICE-Züge wurden nach ihm benannt, es gibt Fritz-Walter-Schulen und -Straßen nicht nur in Kaiserslautern und seit ein paar Tagen auch eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post.

Es ist die Bodenständigkeit und seine Geradlinigkeit, die ihn bei den Menschen so beliebt gemacht hat. Kurz nach dem Krieg heiratete Walter seine Partnerin Italia Bortoluzzi - eine Italienerin, die als Übersetzerin für die französischen Besatzer in der Pfalz arbeitete - und setzte sich damit auch über die gängigen Konventionen hinweg. Walter lag in dieser Zeit ein Angebot von Atletico Madrid vor: 10.000 D-Mark Monatsgehalt und ein einmaliges Handgeld über 250.000 D-Mark. Für damalige Verhältnisse ein Wahnsinn und nur zum Vergleich: Die Weltmeister von '54 erhielten 1000 D-Mark Prämie für den WM-Titel und für jeden Einsatz zusätzlich 200 D-Mark.

Italia Walter war es letztlich, die die Entscheidung gegen das viele Geld und für den FCK und damit auch den deutschen Fußball traf: Legionäre, und ein solcher wäre Walter mit einem Wechsel nach Madrid natürlich geworden, waren in der Nationalmannschaft damals nicht geduldet. Also spielte Walter weiter für den FCK und für 320 D-Mark im Monat.

Das war auch ein Signal an etliche andere Spieler und den "Amateurgedanken", den der Deutsche Fußball-Bund damals noch - zumindest offiziell - verfolgte. Von einem Fußball als Geschäftsmodell und einem DFB als undurchschaubaren Verband war das noch weit entfernt, im Rückblick aber eine der letzten Bastionen, ehe das große Geld Einzug hielt.

"Dem Fritz sei Wetter"

Sepp Herberger überredete Walter vier Jahre nach dem Triumph von Bern zu einem Comeback in der Nationalmannschaft, mit Walter als Opa der Kompanie wurde Titelverteidiger Deutschland in Schweden immerhin Dritter. Danach war nach 61 Länderspielen und 33 Toren Schluss, ein zweites Comeback für die WM 1962 in Chile lehnte Walter, schon 41 Jahre alt, ab.

Nach seiner aktiven Karriere trat der gelernte Kaufmannsgehilfe als Repräsentant des Sportartikelherstellers "Adidas" auf, er führte ein Kino, schrieb ein Buch und war in der einen oder anderen TV-Werbung zu sehen.

Die Einführung der Bundesliga 1963 und damit eine noch größere Bühne verpasste Walter deshalb, seiner Popularität tut diese ausgelassene Chance aber keinen Abbruch. Er ist bis heute der einzige Weltmeister, nach dem bereits zu Lebzeiten ein Stadion benannt wurde. Seit 1985 firmiert der Betzenberg als Fritz-Walter-Stadion. Und er ist der einzige Fußballspieler, dem sein eigenes Wetter zugerechnet wurde: "Dem Fritz sei Wetter".

Am Samstag wäre der erste Ehrenspielführer des DFB 100 Jahre alt geworden.

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Lebenslang ein Lauterer: An Fritz Walter biss sich Madrid einst die Zähne aus

Fritz Walter ist 33 Jahre alt, als er die deutsche Nationalelf als deren Kapitän am 4. Juli 1954 zum WM-Titel führt. Auf dem "Wunder von Bern" baut der ewige Ruhm eines Mannes auf, der in heutiger Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag kosten würde. Doch ihn reizte nicht mal ein Angebot von Atlético Madrid.