Franz Beckenbauer wird 75: Die Facetten des Fußball-Kaisers

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Spieler, Trainer, Funktionär: Was Franz Beckenbauer anpackte, funktionierte. Das Fußball-Denkmal bekam erst Risse, als der Skandal um die Vergabe der WM 2006 aufgedeckt wurde. Was trotzdem bleibt, ist die beispiellose Karriere und Erfolgsgeschichte eines Buben aus München-Giesing. © 1&1 Mail & Media/spot on news

Als 13-Jähriger wechselte Franz Beckenbauer vom SC 1906 München zum FC Bayern. Am 6. Juni 1964 lief der damals 18-Jährige zum ersten Mal mit der ersten Mannschaft auf. In der Aufstiegsrunde zur Bundesliga traf Beckenbauer beim 4:0 beim FC St. Pauli auf Anhieb zum 3:0.
1965 lief Beckenbauer im entscheidenden Qualifikationsspiel zur WM in Schweden erstmals im Nationaltrikot auf. Bei der WM im Jahr darauf brillierte er in England: Im ersten Spiel gegen die Schweiz, im Bild, schoss der 20-Jährige zwei Tore. Am Ende des Turniers waren es vier und Defensivspieler Beckenbauer Dritter der Torschützenliste. Fast zwangsläufig hieß 1966 Deutschlands Fußballer des Jahres erstmals Beckenbauer.
Auch abseits des Platzes wurde Beckenbauer immer bekannter: Er warb für Suppe und nahm sogar eine Platte auf. "Gute Freunde kann niemand trennen" wurde zum Evergreen. Mit der Nationalmannschaft entstanden später weitere Lieder, wie hier vor der Heim-WM 1974 der Hit "Fußball ist unser Leben".
Beckenbauer wurde zum Popstar der Branche. Werbepartner adidas widmete ihm sogar einen eigenen Schuh. Der Superstar brachte durch TV-Spots und Plakate aber auch Weißbier und Autos an den Mann, pries Baumärkte und Tütensuppen und vieles mehr an. Bis zu sieben Werbeverträge gleichzeitig sollen so zusammengekommen sein. "Ja is‘ denn heut scho‘ Weihnachten?" - Beckenbauers Slogan für einen Telekommunikationsanbieter - wurde zum geflügelten Spruch.
Auch dank des legendären Trios Beckenbauer, Maier (r.) und Müller (m.) stieg der FC Bayern von der Nummer zwei in seiner Stadt zum dominierenden Verein in Europa auf. 1969 feierte der FC Bayern seine erste Meisterschaft in der Bundesliga und erst die zweite nach 1932. Im selben Jahr gelang auch der Sieg im DFB-Pokal und damit das erste Double in der Geschichte der Roten.
Bei der WM 1970 in Mexiko verletzte Beckenbauer sich im Jahrhundertspiel gegen Italien im Halbfinale nach einem Foul. Er erlitt beim Sturz eine schwere Schulterverletzung, hielt aber mit angebundenem Arm durch. Deutschland hatte nach einer atemberaubenden Verlängerung trotzdem mit 3:4 das Nachsehen und wurde WM-Dritter.
1972 führte der Münchner Deutschland als Kapitän zum Sieg bei der EM in Belgien und freute sich nach der Siegerehrung mit Bundestrainer Helmut Schön (re.). Im Endspiel gelang der vielleicht spielstärksten Nationalmannschaft der DFB-Geschichte ein ungefährdeter 3:0-Sieg gegen die Sowjetunion. Beckenbauer wurde anschließend erstmals zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.
Zwischen 1972 und 1974 gewannen Beckenbauer und der FC Bayern drei Meistertitel in Folge. Dies war vorher keinem deutschen Verein gelungen. 1974 setzten die Bayern unter Führung Beckenbauers noch einen drauf: Als erste deutsche Mannschaft gewannen sie den Europapokal der Landesmeister. Die Fans auf dem Münchner Marienplatz bejubelten ihre Helden.
1974 war das aufregendste Jahr in Beckenbauers Karriere und sportlich sein erfolgreichstes: Nach dem vierten Meistertitel und dem Europapokal krönte der "Kaiser" mit der Nationalmannschaft am 7. Juli daheim in München mit dem WM-Sieg über die Niederlande die Saison.
Die Saison 1976/77 war Beckenbauers letzte bei den Bayern. Der Sieg im Landesmeister-Wettbewerb und der Weltpokalsieg im Jahr 1976 waren die letzten Titel, die Beckenbauer mit dem Verein holte. Nach 396 Bundesligaspielen für den FC Bayern in 22 Jahren verabschiedete der Münchner sich nach Übersee.
In den Vereinigten Staaten wollte Beckenbauer bei Cosmos New York an der Seite Pelés seine Profikarriere ausklingen lassen. Auch private Gründe sorgten für den Wechsel. Die Boulevardmedien schlachteten in Deutschland seine außereheliche Affäre mit der Fotografin Diana Sandmann aus. Dazu kamen Steuerschulden. 1977, 1978 und 1980 feierte Beckenbauer die Meisterschaft in der NASL in den USA.
1980 kam es zur sensationellen Rückkehr in die Bundesliga. HSV-Manager Günter Netzer überzeugte seinen früheren Nationalmannschaftskollegen, mit 35 Jahren noch höchsten Ansprüchen zu genügen. 1982 holte Beckenbauer in Hamburg seinen fünften Meistertitel. Danach war Schluss: nach 424 Bundesligaspielen und 103 Länderspielen, zwischen 1977 und 1993 DFB-Rekord.
Aus dem Spieler Beckenbauer wurde nach der EM-Blamage 1984 der Teamchef Beckenbauer. "Mit dem letzten Schrott", so Beckenbauer über sein WM-Aufgebot 1986, kehrte er aus Mexiko als beachtlicher WM-Zweiter zurück. Nach dem Halbfinal-Aus bei der Heim-EM 1988 folgte 1990 der große Wurf. Anders als 1986 gelang der Endspielsieg über Argentinien. Beckenbauer, im Bild auf dem Frankfurter Rathausbalkon, wurde - wie zuvor nur der Brasilianer Mario Zagallo - auch als Trainer Weltmeister.
Anschließend, in der Saison 1990/91, wagte Beckenbauer einen Ausflug in den Vereinsfußball und ließ sich vom damaligen Präsidenten Bernard Tapie zu Olympique Marseille locken. Der Erfolg blieb dem "Kaiser" treu. Erst im Finale des Europapokals der Landesmeister unterlagen die Süd-Franzosen Roter Stern Belgrad mit 3:5 nach Elfmeterschießen.
Rückkehr in die Heimat und Beginn der dritten Karriere, der als Funktionär: 1994 wurde Beckenbauer zum Präsidenten des FC Bayern ernannt – er blieb es bis 2009. Mit dem Ex-Kollegen und Manager Uli Hoeneß (l.) und dem Ex-Kollegen und Vize-Präsidenten Karl-Heinz Rummenigge (m.) führte er den Klub ins neue Jahrtausend. Nebenher holte Beckenbauer als Interimstrainer 1994 die Meisterschaft und 1996 den UEFA-Cup.
Weltmeister 1974 und 1990, WM-Organisator 2006: "Glückskind" Beckenbauer glänzte auf der nächsten Bühne. Um die WM nach 1974 wieder nach Deutschland zu holen, flog die Legende unentwegt um den Globus. Mit Erfolg: Das "Sommermärchen" fand zu Hause statt, Beckenbauer begleitete es im Helikopter, um möglichst viele Spiele live zu sehen. Für den Gastgeber reichte es am Ende aber nur für den dritten Platz.
2009 endete Beckenbauers Ära als Präsident des FC Bayern München, dessen Ehrenpräsident er seitdem ist. Uli Hoeneß stieg als Nachfolger vom Manager zum obersten Repräsentatnten des Rekordmeisters auf.
2015 bekam das Denkmal sichtbare Risse, um die Lichtgestalt legte sich der Schatten des WM-Skandals. Es kam heraus, dass im Zuge der WM-Vergabe, die im Jahr 2000 erfolgt war, Schmiergelder geflossen sein sollen. Die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelte, und die FIFA-Ethikkommission sprach Bestrafungen aus.
Der inzwischen 73-jährige Beckenbauer aber entging durch die Vorlage ärztlicher Atteste im Sommer 2019 einer Anklage. So feiern die meisten Deutschen ihren Fußball-"Kaiser", trotz angeschlagenen Images, bis heute. 2018 wurde der Giesinger als Gründungsmitglied der "Hall of Fame des deutschen Fußballs" gewählt.
Der Tod seines Sohnes Stephan im Jahr 2015 setzte und setzt Beckenbauer indes sichtlich zu. Er bezweifelt, sich je von diesem Schicksalsschlag zu erholen. Stephan erlag im Alter von 46 Jahren einer Krebserkrankung. Auch sein Vater kämpft mit gesundheitlichen Problemen. Beckenbauer überstand in den letzten Jahren zwei Herz-OPs, einen schweren Augeninfarkt und beklagt Hüftprobleme.