Die fünfte Pleite im sechsten Spiel gegen einen großen Gegner lässt bei den Bayern die Alarmglocken schrillen. Die Bosse und der Trainer sind besorgt, die Mannschaft wirkt müde und ratlos wie selten.

Der FC Bayern München wird auch in der anstehenden Saison nicht absteigen. Ganz so schlimm ist die "Krise" des Rekordmeisters dann doch nicht. Zumal wir uns noch in der Vorbereitung befinden, und da sind Ergebnisse von untergeordnetem Rang.

So ist das bei normalen Profimannschaften. Aber der FC Bayern unterhält nun mal keine normale Mannschaft, sondern eine, die zum Siegen verdammt ist. Völlig egal, ob es im Paulaner-Cup gegen eine Fanklub-Auswahl geht oder in der Champions League gegen Real Madrid.

Insofern bieten die vergangenen Wochen genug Grund zur Aufregung. Die Bayern verlieren nicht ein oder zwei Spiele innerhalb weniger Tage, sondern gleich fünf. Und ein einziges haben sie in diesem Zeitraum nur gewonnen.

Nun hat sich Uli Hoeneß unlängst über die sehr speziellen Umstände der Asienreise seiner Mannschaft mokiert, er hat sich über die überzogenen Strapazen aufgeregt und dass ein Trip in der Art demnächst gründlicher zu überdenken sei.

Das besonders schwache Auftreten der Mannschaft beim eigenen Audi Cup - die Bayern wurden Letzter - erklärt oder entschuldigt der jüngst beendete Ausflug in den fernen Osten aber nicht. Das 0:3 gegen den FC Liverpool war nicht nur eine deftige Ohrfeige vor eigenem Publikum. Es war auch ein Zeichen dafür, dass derzeit ein bisschen zu viel zu schief läuft beim verwöhnten Ensemble.

Karl-Heinz Rummenigge mahnt

"Ein 0:3 fühlt sich selten gut an. Es ist alles andere als optimal gelaufen. Wir haben es nicht geschafft, als Einheit kompakt aufzutreten. Liverpool hat uns an der Nase herumgeführt. Der Stachel sitzt tief", raunzte Thomas Müller ins ARD-Mikrofon.

Uninspiriert, lethargisch und fahrig präsentierte sich Müllers Mannschaft und konnte am Ende froh sein, dass es gegen schnelle, frische und eingespielte Engländer kein Debakel mit vier oder fünf Gegentoren setzte. So wie neulich schon gegen den AC Milan.

"Wir haben fünf Spiele gemacht und vier davon verloren. Wir müssen schnell die Kurve kriegen", hatte Karl-Heinz Rummenigge noch am Dienstag gemahnt - und sich im Spiel um Platz drei am Mittwochabend gegen Napoli eine andere Leistung erbeten als in den vergangenen Partien.

Das 0:2 gegen Neapel mit einem Nachwuchsteam ist zwar leichter zu verkraften als die 0:3-Klatsche gegen Liverpool, die Pfiffe der Fans im Heimstadion vermutlich weniger.

Selbst Trainer Carlo Ancelotti, ansonsten allenfalls unbarmherzig gegen sein Kaugummi und ein Stoiker von Weltformat, hielt sich in seinen jüngsten Analysen mit harscher Kritik nicht zurück.

"Wir müssen unsere Einstellung ändern, unseren Teamgeist. Wenn man körperlich nicht so gut drauf ist, muss man das über Einstellung und Spirit ausgleichen. Das haben wir nicht gemacht", sagte der Italiener nach der Pleite gegen Liverpool. "Wir hatten keine gute Balance, konnten die Konter nicht unterbinden. Wir sind besorgt."

Was ist mit Robert Lewandowski los?

In wenigen Tagen steigt gegen Borussia Dortmund das erste Pflichtspiel der Saison. Zwar ist der BVB, der eine Testspielniederlage nach der anderen einfährt, derzeit auch nicht besonders furchterregend unterwegs.

Aber gegen Bayern in der Form des Liverpool-Spiels dürfte selbst die neu eingestellte Borussia im Supercup triumphieren.

Natürlich sind die Münchener nach einem kräftezehrenden Trip nach Asien müde und vielleicht erwischte der "Tote Punkt" die Mannschaft ausgerechnet am Dienstagabend zur besten Sendezeit. Trotzdem darf man sich als FC Bayern in der heimischen Arena nicht so willen- und teilweise auch lustlos präsentieren.

Robert Lewandowski schlich gegen Liverpool nur so übers Feld, offenbar unfähig zu jeglicher Emotion. Wie eine schlechte Karikatur seiner selbst.

Der Pole ist ein Sinnbild der derzeitigen Verfassung der kompletten Mannschaft. Seine beste Szene hatte er nach dem Schlusspfiff, als er ein wenig mit Ex-Coach Jürgen Klopp feixte.

Führungslose Mannschaft

Der wiederum goss quasi unfreiwillig noch Öl ins Feuer. Klopp hatte kein besonders gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen. Zu wenig dominant seien seine Spieler aufgetreten, sie wollten den Ball zu selten haben.

Das muss man sich erstmal trauen als gegnerischer Trainer nach einem Spiel in München: Dominanz und Ballbesitz einfordern. Und dann noch 3:0 zu gewinnen.

Die Bayern jedenfalls wirken derzeit kopf- und führungslos. Kapitän Manuel Neuer ist immer noch verletzt, Abwehrchef Jerome Boateng und Gallionsfigur Arjen Robben auch.

Anführer wie Mats Hummels oder Müller waren nicht auf der Höhe, Arturo Vidal saß lange auf der Bank. Und die letzten echten Granden der Mannschaft, Philipp Lahm und Xabi Alonso, sind längst im Ruhestand.

Derzeit drängt sich noch kein Spieler auf, die Lücke der beiden Großkopferten zu schließen. Auf dem Transfermarkt haben die Bayern ohne Frage spielerische Qualität zugekauft. Die Frage ist, wann Corentin Tolisso oder James Rodríguez diese auch mal abrufen wollen. Zumal James den Bayern mehrere Wochen fehlen wird: Er laboriert an einer Muskelverletzung im rechten Oberschenkel.

Und Niklas Süle und Sebastian Rudy können wegen ihres Trainingsrückstands von der Bank aus auch schlecht Einfluss nehmen.

Rummenigge: "Noch genug Arbeit da"

Von den bisherigen Transfers, und laut Rummenigge werden ziemlich sicher auch keine weiteren mehr dazu kommen, sind keine Akzente in der Führungsstruktur der Mannschaft zu erwarten.

So sehr die Spieler fußballerisch weiterhelfen können, so wenig werden sie Einfluss nehmen auf die Hierarchie. Da haben sich die Bayern ein paar Indianer zugelegt, aber keine Häuptlinge. Der letzte extern zugeführte Führungsspieler ist immer noch Mats Hummels.

Das Spiel am Wochenende gegen Dortmund wird die Richtung vorgeben für die kommenden Wochen. Vor allen Dingen die Art, mit der die Bayern dann auftreten, wird entscheidend sein.

"Es sind noch zweieinhalb Wochen bis zum Saisonstart, aber die sind auch schnell vorbei", mahnt Rummenigge. "Es ist noch genug Arbeit da."

Die Bayern sind noch lange nicht in Aufruhr, aber sie sind gewarnt. Und wer die Bayern kennt, der weiß: Mit dem Rücken zur Wand und unter Druck sind sie auf einmal wieder zu ganz anderen Leistungen imstande.

Bundesliga-Auftaktgegner Bayer Leverkusen sollte sich also noch nicht zu früh freuen.