Kurz vor Saisonstart hat die Euphorie beim FC Augsburg nach dem Ausscheiden gegen Regionalligist Magdeburg im DFB-Pokal einen herben Dämpfer bekommen. Dennoch freut sich Kapitän und WM-Dritter Paul Verhaegh auf die neue Saison. Im Interview erklärt der Niederländer exklusiv, was den Erfolg beim FCA ausmacht und warum in Augsburg niemand auf die Straße pinkeln muss.

Bei anderen Vereinen gibt es immer mal den einen oder anderen Skandal. Irgendjemand pinkelt irgendwo hin, oder singt Schmähgesänge über andere Vereine. Beim FC Augsburg hört man in diese Richtung gar nichts. Sind Sie alle einfach wahnsinnig nett oder woran liegt das?

Paul Verhaegh: (lacht) Ja, anscheinend sind wir wirklich so nett. Ich lese das ja auch manchmal im Internet, was bei anderen Vereinen so passiert. Aber so etwas ist bei uns noch nie vorgefallen. Und das behalten wir aber auch bitte so bei.

Ist das Augsburger Nachtleben einfach nicht so aufregend?

Ja, wahrscheinlich. Hier muss niemand auf die Straße pinkeln. Hier sind alle ganz normal. Skandale gehören bei uns einfach nicht dazu.

Ist diese Ruhe das Erfolgsrezept des FC Augsburg, das ja in der vergangenen Saison sehr gut aufgegangen ist?

Ja, ich glaube, wir wissen, wie der Erfolg zustande kommt. Wir sind eine gute Mannschaft. Jeder hat Ambitionen, Ziele. Jeder versucht dem anderen zu helfen - nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb. Wenn das alles passt, ist man auch in der Lage, gute Leistung zu bringen - als Mannschaft. Denn das bleibt am Ende das Wichtigste, dass die Mannschaft funktioniert. Und dazu muss jeder seinen Teil beitragen.

"Vielleicht schieße ich mehr Tore"

Vor Saisonbeginn sind viele Fans dabei, ihre Mannschaften für verschiedene Managerspiele aufzustellen. Würden Sie sich selbst ins Team nehmen?

Nein. (lacht) Ich glaube, bei diesen Managerspielen braucht man Leute, die viele Tore schießen, und das bin ich eher nicht. Aber vielleicht schieße ich ja in der neuen Saison wieder ein paar. Vergangene waren es drei Tore, jetzt will ich mich natürlich verbessern. Man muss ja immer Ziele haben.

Gibt es einen Geheimtipp in der Augsburger Mannschaft, von dem Sie glauben, dass er in der neuen Saison durchstarten wird?

Das ist schwierig einzuschätzen. Ich bin erst kurz wieder im Training, aber bisher habe ich einen sehr guten Eindruck von allen Spielern bekommen. Sowohl von denen, die schon da waren, als auch von den Neuen. Aber wie gut Andre Hahn vergangene Saison gespielt hat, das war ja auch nicht vorauszusehen. Ich hoffe, dass jeder Spieler im Kader eine gute Saison spielt, möglichst verletzungsfrei bleibt und wir an die letzte Saison anknüpfen können. Das ist unser Ziel, einfach so schnell wie möglich so viele Punkte wie möglich zu sammeln.

In der Nachbarschaft des FCA hat man beim TSV 1860 München den 18-jährigen Julian Weigl zum Kapitän gemacht und ihm nach einer Partynacht die Binde gleich wieder entzogen. Sie haben ja bereits einige Jahre Erfahrung als Kapitän einer Mannschaft. Halten Sie es für sinnvoll, einen so jungen Spieler schon mit einer solchen Verantwortung zu belasten?

Ich kann die Situation bei 1860 nicht einschätzen, aber aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen, das ist nicht sinnvoll. Ein 18-Jähriger steht am Beginn seiner Karriere. Er muss den Fokus auf sich selbst richten und braucht dieses ganze Drumherum, das mit der Kapitänsbinde kommt, nicht. Normalerweise würde ich das also nicht empfehlen.

"Ich bin kein Vorbereitungstyp"

Wie definieren Sie die Rolle als Kapitän?

Man steht natürlich im Fokus, hat einen guten Draht zum Trainer. In Phasen, in denen es weniger gut läuft, muss man helfen, die Wende herbeizuführen. Man hat das große Ganze im Blick, wie funktioniert die Mannschaft, wie können wir uns verbessern. Das kommt alles dazu - ganz davon abgesehen, dass ich persönlich auch meine Leistung bringen muss. Und natürlich hat man öfter mit den Medien zu tun.

Als WM-Dritter werden Sie sicher noch öfter für Interviews angefragt, oder?

Ja, ich war in den letzten Wochen schon sehr beschäftigt. Aber auch wenn ich lieber auf dem Platz stehe als im Presseraum zu sitzen, mach ich das gerne. Das gehört eben zum Job dazu.

Also wird es Zeit, dass die Saison beginnt ...

Eigentlich schon. Die meisten sind jetzt fünf bis sechs Wochen in der Vorbereitung - ich ja ein bisschen kürzer. Aber ich bin ohnehin kein "Vorbereitungs-Typ". Ich muss in der Liga drin sein. Deshalb freu ich mich schon, dass die Saison wieder losgeht.

Es wurde viel diskutiert, dass die Regenerationszeit zwischen WM und Ligabeginn zu kurz sei. Wie empfinden Sie das?

Wichtig ist es besonders, den Kopf wieder freizubekommen. Es war ein langer Sommer für viele Jungs. Körperlich fühle ich mich gut. Ich habe in den drei Wochen gut abschalten, die Zeit mit der Familie genießen können. Deshalb beschwere ich mich nicht. Ich fühle mich gut, aber man wird natürlich im Laufe der Saison sehen, wie lange das hält. (lacht)

Auch in der Bundesliga soll jetzt das Freistoßspray eingesetzt werden. Sie haben es bei der WM erlebt. Wie finden Sie den Schaum?

Das war am Anfang schon ein bisschen komisch. Aber irgendwie ist es auch gut. Man hält jetzt einfach den Abstand zum Ball, der fair ist. Ich glaube, es ist vor allem für die Schiedsrichter gut, die jetzt die Mauer besser im Griff haben. Ich störe mich nicht dran und ich habe nichts Negatives darüber gehört.

Viele Bundesligisten haben in der Vorbereitung etwas geschwächelt. Ist die Liga tatsächlich schlechter geworden, wird Bayern vielleicht nicht Meister - oder wie viel sagen solche Testspiele eigentlich aus?

Ich glaube schon, dass Bayern wieder oben stehen wird. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es ein bisschen enger wird an der Spitze mit Borussia Dortmund. Aber es wird in jedem Fall wieder eine enge Saison. Viele Mannschaften stehen eng zusammen. Jeder kann jeden schlagen. Die Vorbereitungsspiele sagen da gar nicht so viel aus, weil die Trainer natürlich noch viel ausprobieren und durchwechseln. Deshalb ist das alles unwichtig. Ziel der Vorbereitung ist, fit zu werden. Was zählt, ist in der Liga. Lieber verlieren wir alle Vorbereitungsspiele und gewinnen in der Liga als andersrum.

Gibt es eine Schlagzeile, die Sie sich für die nächste Saison wünschen? "Der FC Augsburg ist Meister" zum Beispiel?

(lacht) Nein, da sind wir ganz realistisch. Unser Ziel ist weiterhin, dass drei Mannschaften nach 34 Spieltagen hinter uns stehen. Klar hat man Ambitionen. Wir können nicht in die Saison gehen und sagen, wir wollen es schlechter machen als in der vergangenen. Aber das erste Ziel heißt trotzdem: Klassenerhalt. Und dazu müssen wir einen guten Start hinlegen.