Borussia Dortmund geht als haushoher Favorit in das Europa-League-Duell mit dem Wolfsberger AC. Aber trotz einer erstaunlich starken Vorbereitung und frischem Fußball lauern in der Kärntner Provinz auch Gefahren für den BVB. Der neue Trainer Thomas Tuchel warnt - aus gutem Grund.

Borussia Dortmund wartete erst kürzlich mit einer beeindruckenden Leistung auf. Gegen Juventus Turin, an dem der BVB im Frühjahr in zwei Spielen der Königsklasse noch klar gescheitert war, zeigte die Mannschaft eine 90-minütige Dominanz, die beinahe schon erschreckend war.

Selbst einige Dortmunder Spieler wollten es offenbar gar nicht wahrhaben, wie leicht und unbeschwert ihr Team über das des Champions-League-Finalisten hinweggefegt war und die Alte Dame auseinanderspielen konnte.

Nun war dieser letzte Härtetest für den BVB mitsamt seinem neuen Trainer Thomas Tuchel nur der Höhepunkt einer an positiven Überraschungen nicht eben armen Vorbereitungsphase - das unglückliche 1:2 beim VfL Bochum, der zum Zeitpunkt der Partie kurz vor dem Start in seine Spielrunde stand und deshalb schon einige Schritte weiter war, mal ausgenommen.

Thomas Tuchel lässt einen anderen Fußball spielen als Jürgen Klopp

Es ist viel geschrieben und gemutmaßt worden vor Tuchels Amtsantritt beim BVB. In den vergangenen Wochen hat sich sehr schnell eine streng überarbeitete Version der Borussia herauskristallisiert, mit einer anderen Art des Fußball, mit einem neuen Geist innerhalb der Truppe, mit frischen Ideen und mehr Akribie statt nur noch der etwas eingerosteten Emotionalität unter Tuchels Vorgänger Jürgen Klopp.

Der kleine Wolfsberger AC wird jetzt der Klub sein, der die neue schwarz-gelbe Welt auf ihre Beständigkeit im Wettkampf prüft. Ein 25.000-Einwohner-Nest aus dem Kärntner Hinterland mit einem Stadion, das lediglich gut 8.000 Fans Platz bietet. Allein rund 6.000 haben sich aus Dortmund angemeldet. Deshalb ist der WAC für das größte Spiel des Jahres, vielleicht sogar seiner bisherigen Klubhistorie, umgezogen ins benachbarte Klagenfurt. Das Wörtherseestadion dort bietet 30.000 Plätze. Es wird die höchste Einnahme der Vereinsgeschichte.

Für Wolfsberg ist das Erreichen der dritten Runde der Europa-League-Qualifikation eine kleine Sensation. "Zwischen Dortmund und uns liegen Welten. Die Borussen thronen hoch über uns!", sagt Wolfsbergs Trainer Didi Kühbauer. Niemand wird ihm da widersprechen, wenngleich die Worte des 44-Jährigen reines Kalkül sind. Hier der unscheinbare Underdog, da der übermächtige Riese. Diese Gemengelage gefällt den Österreichern. Und sie missfällt dem BVB.

"Dass wir die Favoritenrolle haben, ist eine Widrigkeit", hat Tuchel auf der Pressekonferenz vor dem Spiel behauptet. "Wir haben viel zu verlieren, Wolfsberg kann alles gewinnen." Es sind die pflichtschuldigen Aussagen eines Trainers, der seine Mannschaft öffentlich vor dem Gegner warnen möchte. Oder steckt mehr dahinter?

Borussia Dortmund ist frühzeitig in Topform

Ihren besonderen Reiz zieht die Partie aus der David-gegen-Goliath-Konstellation. Und daraus, dass selbst in der erstaunlich guten Vorbereitung der Borussia immer wieder alte Muster durchschimmerten. Solche, die auch Tuchel mit seiner neuen Spielphilosophie noch nicht in den Griff bekommen hat. In der Abwehr bleiben einige Abstimmungsprobleme - und das nicht nur, wenn Innenverteidiger Mats Hummels die rechte statt wie bisher die linke Position im Abwehrzentrum einnimmt.

Die Spielsysteme, besonders das 4-1-4-1, funktionieren in der Offensivbewegung sehr gut, das Spiel aus dem Zentrum auf die Flügel ebenfalls. Größen wie Henrikh Mkhitaryan oder Ilkay Gündogan haben plötzlich wieder die Freude am Spiel entdeckt, Hummels ist im Vergleich zur miserablen Vorsaison kaum wiederzuerkennen. Der BVB ist in toller Frühform.

Aber Wolfsberg kann sich sehr wahrscheinlich auch auf einen ziemlich verlässlichen Wegbegleiter der Dortmunder stützen: die immer noch katastrophale Chancenverwertung. In sieben Jahren unter Klopp war dies ein sehr spezielles und dauerhaftes Thema bei den Schwarz-Gelben. Hartnäckig hielt sich die Ineffizienz vor dem gegnerischen Tor und sie ist auch jetzt noch nicht verschwunden. Das kann gerade in einem Spiel mit großem Pokalcharakter nervtötend sein.

Das weiß auch Tuchel, der als Trainer gewissermaßen Neuland betritt. In Mainz jedenfalls hat er nicht mit so einer Vielzahl an Stars arbeiten können und auch die Rolle der überdimensionierten Favoriten ist ihm neu. Deshalb bleibt er sachlich-nüchtern in seiner Erwartungshaltung für die Partie und verweist auf das, was er und seine Spieler in erster Linie beeinflussen können. "Unsere Aufgabe ist es, uns diesen Widrigkeiten zu stellen, sie zu überwinden, die Rolle anzunehmen und mit aller Macht zu versuchen, unser Spiel durchzubringen."

Die Borussia ist in und gegen Wolfsberg auf einer ungewohnten Mission, das könnte gefährlich werden. Immerhin, und das ist besonders für ihren Trainer ein solider Vorteil, hat sie es nicht mit einem völlig unbekannten Gegner zu tun. Die Mannschaft Wolfsbergs ist ebenso bekannt wie die Spielrunde in Österreich.

Thomas Tuchels letzte Qualifikationsrunde für die Europa League ist zwar schon ein paar Jahre her - im Gedächtnis des Trainers haben sich die Ereignisse damals aber eingeprägt. Mit Mainz musste Tuchel damals gegen den rumänischen Vertreter Gaz Metan Medias ran, natürlich war der Bundesligist gegen die No-Name-Truppe aus Osteuropa klarer Favorit. Doch am Ende scheiterte Mainz im Elfmeterschießen ...