Das Finale der Europa League zwischen Chelsea und Arsenal findet Mittwochabend in Aserbaidschan statt. Fragen zum Austragungsort weicht die Uefa aus - ein Staatsunternehmen sponsert die EM.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

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Sechs Jahre lang hatte er als Nationaltrainer Entwicklungshilfe in Aserbaidschan geleistet. Als Berti Vogts 2014 überstürzt und enttäuscht nach einem 0:6 in Kroatien die Brocken hinwarf, fiel die Bilanz seines Lehrauftrags in der Hauptstadt Baku gemischt aus.

Einerseits feierte der frühere Bundestrainer den Aufstieg einer unbedeutenden Fußballnation von Weltranglistenplatz 147 auf 73. Andererseits desillusionierte ihn die Mentalität am Kaspischen Meer: "Die denken nur an ihre Kohle und tun nichts dafür", sagte er.

Nur an die Kohle denken: Von diesem Vorwurf dürfen sich die Uefa-Verantwortlichen freisprechen, seit sie vor zwei Jahren Baku zum Austragungsort für das Endspiel der Europa League 2019 wählten. Es ist das Ölvorkommen, das Aserbaidschan auf ihren Radar brachte.

Umstrittener Austragungsort

Sportlich gibt es jedenfalls keinen Grund, warum die beiden Londoner Klubs FC Chelsea und FC Arsenal am Mittwochabend ihren Sieger fast sechs Flugstunden entfernt in Baku ermitteln. Aserbaidschan spielt keine Rolle im internationalen Fußball - und wird es auch nie.

Jede Verbindung zwischen Sponsorentätigkeit und Spielort-Vergabe weist die Uefa weit von sich. Tatsächlich lief das Vergabeverfahren vergleichsweise transparent; die Kategorien zu Infrastruktur und Organisation waren nachvollziehbar. Ein Geschmäckle bleibt trotzdem.

Seit 2013 ist das Staatsunternehmen "Socar" mit seinen Öl-Millionen ein großzügiger Uefa-Sponsor und trat 2016 weltweit in Erscheinung, als seine Kernbotschaft “Energie aus Aserbaidschan” (Energy of Azerbaijan) die EM-Werbebanden schmückte.

Socar gewinnt an Einfluss bei der Uefa

Inzwischen sitzen zwei Aserbaidschan-Vertreter in hohen Uefa-Gremien. Der eine ist Mitglied der Beratungskommission für Marketingfragen. Der andere ist stellvertretender Vorsitzender - in der Kommission für Fairplay und Soziale Verantwortung.

Die Lobbyarbeit hilft offenbar. "Socar" bezuschusst auch die EM 2020 wieder. Und das, obwohl das autoritäre Regime des Präsidenten Ilham Alijew gegen so ziemlich alle Grundwerte verstößt, die von der Uefa in aufwändigen Werbespots proklamiert werden.

Die Journalisten-Organisation "Reporter ohne Grenzen" sieht Aserbaidschan auf Platz 162 von 180 Ländern bei der Pressefreiheit. Das Auswärtige Amt warnt Homosexuelle schriftlich vor der Einreise. Der frühere BVB-Profi Henrikh Mkhitaryan fürchtete sogar um sein Leben.

Henrikh Mkhitaryan verzichtet auf Final-Teilnahme

Weil sich Aserbaidschan in einem Konflikt mit seinem Heimatland Armenien befindet (es geht um die Region Bergkarabach), verzichtet der Arsenal-Star auf seine Finalteilnahme. Die Uefa konnte ihm - aus seiner Sicht - nicht ausreichend Sicherheitsgarantien geben.

"Das ist ein Skandal, dass er deswegen nicht spielen kann", sagte der deutsche Nationaltorhüter und Mitspieler Bernd Leno am Montag im "kicker". "Er arbeitet die ganze Saison hart und kann dann aus politischen Gründen nicht mit zu so einem Finale kommen."

Darf ein solches Regime ein Europapokal-Finale austragen? Die Uefa zuckte nicht lange, als Baku 2017 die Mitbewerber Sevilla und Istanbul ausstach. Auch bei der EM 2020 gehört die Stadt mit ihren 2,3 Mio. Einwohnern zu den privilegierten Austragungsorten.

Drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale finden in Baku statt. So viele wie in München, Rom und St. Petersburg. Und wichtigere EM-Spiele als in Glasgow, Budapest und Kopenhagen. Da fragt man sich schon: Was außer Öl-Millionen hat Aserbaidschan zu bieten?

Keine Einsicht bei Uefa-Präsident Ceferin

"Die Menschenrechtslage ist ein Problem", räumte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin diese Woche im Spiegel ein. "Aber das ist sie in anderen europäischen Staaten auch. Verdienen die Fans in Baku deswegen keinen Live-Fußball?"

Er mag nicht einsehen, dass Aserbaidschan kein geeigneter Endspielort ist, wenn offenbar der Flughafen die Einreisemöglichkeiten für englische Fans beschränkt. Nur jeweils 6.000 Fans bekommen Tickets für das 70.000 Zuschauer fassende Stadion in Baku.

"Soweit ich weiß, haben die Vereine sogar noch Tickets zurückgegeben, weil sie nicht alle verkauft bekommen haben", so Ceferin. "Übrigens wurde mir gesagt, dass Easyjet die Flugpreise angehoben hat. Fragt da irgendjemand nach? Immer soll es die Schuld der Uefa sein. Das ist populistisch."

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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