Lange dachte man, sie seien ein Phänomen der Vergangenheit: Hooligans. Bei der Fußball-EM 2016 in Frankreich haben sie sich auf öffentlicher Bühne zurückgemeldet. Die Bilanz: Fünf Schwerverletzte und ein enormer Imageschaden für den Fußball.

"Hurra, Hurra, die Deutschen, die sind da", "Deutschland ist die Nummer eins der Welt": Die Fangesänge, die am Sonntag die Altstadt der nordfranzösischen Stadt Lille beschallten, hatten einen bedrohlichen Charakter. Genau wie die Menschen, die die Parolen grölten. Rund 50 deutsche Hooligans gingen nur einen Tag nach den schweren Ausschreitungen russischer und englischer Fans in Marseille auf Anhänger der Ukraine los.

Die flüchteten panisch in Seitengassen - wenn sie schnell genug waren. Wenn nicht, hagelte es Schläge und Tritte. Es soll mehrere Verletzte gegeben haben. Vereinzelt zeigten die Krawallmacher den Hitlergruß, an dem Menüschild eines Restaurants befestigten sie eine Reichskriegsflagge.

Polizei war nur spärlich anwesend, Verstärkung traf wegen eines Staus viel zu spät ein. Wie konnte es zu den Krawallen kommen? Haben die französischen Sicherheitsbehörden versagt? Erlebt die Hooligan-Bewegung ein generelles Comeback?

Bis zu 5.000 Personen bei HoGeSA

Talk nach Deutschland-Sieg kommt bei den Zuschauern gar nicht gut an.

"Die Hooligans waren nie von der Bildfläche verschwunden", sagt der Hannoveraner Fanforscher Robert Claus im Gespräch mit unserer Redaktion. "Eher das Gegenteil: Sie haben in den vergangenen Jahren ein Revival erlebt."

Nach ihrer Hochphase in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren hatten sich die Schläger aufgrund gestiegener Sicherheitsvorkehrungen und Kameraüberwachung in den Stadien mehr und mehr auf Straßen oder Äcker zurückgezogen, um ihrem Hobby nachzugehen.

Allerdings haben in den vergangenen Jahren rechte Hools in zahlreichen deutschen Stadien zunehmend linke Ultra-Gruppierungen angegriffen oder sogar aus den Fankurven gedrängt. Siehe Alemannia Aachen. Selbst Borussia Dortmund bekommt sein Problem mit den rechten Schlägern nicht vollends in den Griff.
2014 sorgten die Ausschreitungen der "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) in Köln, an der 3.000 bis 5.000 Personen teilnahmen, für Schlagzeilen. Auch im Umfeld der Pegida-Bewegung und ihrer Ableger sind zahlreiche Hooligans aktiv.

Im Januar dieses Jahres attackierten rund 200 rechte Schläger den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz, darunter das Vereinslokal eines linken Fußballklubs. Und selbst im Krieg zwischen Russland und der Ukraine haben Hooligans auf beiden Seiten gekämpft. Die Europameisterschaft bringt sie nun alle zusammen.

EM als "Abschiedsparty" für die Hools

Ein deutscher Polizist, der mit der Aufklärung von Fußballgewalt betraut ist, sagte Spiegel Online, die EM sei eine Art "Abschiedsparty" für viele Hooligans Europas. Eine letzte Chance, vor einer großen Öffentlichkeit "noch mal richtig auf den Putz zu hauen".

Bei der WM 2018 werde es aufgrund der rigide durchgreifenden russischen Sicherheitsbehörden und der scharfen Gesetze im Land keine größeren Randalen geben. 2020 finde die EM über ganz Europa verteilt statt, was Ausschreitungen erschwere. Und die WM 2022 in Katar werde wohl das "massivste Sicherheitsereignis der Neuzeit" sein.

Ein Fan der nordirischen Nationalmannschaft ist am Rande der EM 2016 in Nizza verstorben. Der Mann stürzte offenbar von einem sieben bis acht Meter hohen Geländer in den Tod.


Dagegen finden die Krawall-Touristen aktuell ideale Bedingungen vor: Die französischen Sicherheitsbehörden haben den Fokus nach den Pariser Anschlägen im Dezember 2015, bei denen islamistische Terroristen auch vor dem Stade de France ihre Bomben zündeten, auf den Terrorismus gerichtet.

Polizisten konzentrieren sich eher auf Ziele wie Bahnhöfe, Flughäfen oder große öffentliche Plätze wie die Fan-Zonen. Orte, die nicht so stark überwacht sind, wie der Hafen oder der Marktplatz von Marseille, wurden so leicht zu Kampfschauplätzen verfeindeter Schlägertruppen.

Spielplan der Fußball-EM 2016 in Frankreich

Aber auch präventiv hätte mehr getan werden müssen, moniert Fanforscher Claus.

"Die französische Polizei hat die Lage falsch eingeschätzt und sich viel zu wenig mit den Fanszenen aus den jeweiligen Ländern beschäftigt."

Der Kontakt zu den friedlichen Fans sei "viel zu wenig gesucht" und "teilweise sogar blockiert" worden. Auch der russische Verband habe in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich der Gewaltprävention "sehr wenig" getan, bemängelt der Experte.

150 polizeibekannte Gewalttäter in Lille

Rund 150 polizeibekannte "Gewalttäter Sport" aus Deutschland sind offenbar nach Lille gereist. Bei den Krawallen sollen Fans von Zweitligist Dynamo Dresden und Regionalligist Lok Leipzig besonders aggressiv aufgetreten sein, wie Spiegel Online berichtete. Beide Klubs verfügen über eine berüchtigte Hooliganszene, von der Teile zum rechtsextremen Spektrum zugerechnet werden.

Auch Gewalttäter aus Braunschweig, Duisburg oder Pforzheim zog es nach Lille. Die Szene ist bestens organisiert. "Sie kommunizieren verschlüsselt über ihre Smartphones, haben eine klare Führungsstruktur und sind europaweit vernetzt", erklärt Robert Claus.

Im Vorfeld hatten die deutschen Sicherheitsbehörden durch sogenannte Gefährderansprachen versucht, gewaltbereite Personen an der Reise nach Frankreich zu hindern.

So wurden gut zwei Dutzend Fußballfans in Sachsen-Anhalt und Thüringen nach Angaben des MDR von der Polizei kontaktiert. Da die Verantwortlichen keine Pass- und Meldeauflagen verhängt hatten, war die Fahrt zur EM dennoch möglich.

Bei verstärkten Kontrollen vor dem deutschen EM-Auftakt am Sonntag konnte die Bundespolizei an der Grenze immerhin 21 Hooligans aus Dresden und Kaiserslautern stoppen. Feste Grenzkontrollen sind zur EM nicht geplant.

Die Krawalle sind ohnehin kaum zu verhindern. Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Wenn sich Hooligans prügeln möchten, dann finden sie fast immer eine passende Gelegenheit. Leider haben sie sich die EM ausgesucht.