Die EM 1992 begann eigentlich schon kurz nach den für Deutschland äußerst erfreulichen Welttitelkämpfen zwei Jahre zuvor in Italien.

Der DFB gab eine Pressekonferenz, in der der alte Teamchef Franz Beckenbauer abdankte und an seinen Nachfolger Berti Vogts übergab.

Zum Leidwesen von Vogts, dem Neuen, sagte Franz, der Alte, damals: "Es tut mir leid für den Rest der Welt. Aber wenn ich daran denke, dass bald auch noch die ganzen Spieler aus der ehemaligen DDR dazu kommen, wird Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar sein!" Selbst der Kaiser kann mal irren…

Im Vorlauf der EM in Schweden bereiteten die politischen Umwälzungen in Europa der UEFA einiges an Kopfzerbrechen. Aus der BRD und der DDR konnte der Verband noch schnell eine deutsche Mannschaft in der Quali-Gruppe 5 ins Rennen schicken.

Was aber mit den Satellitenstaaten der UdSSR? Einige neue Einzelstaaten waren zwischenzeitlich geboren, die Meldefrist konnten aber weder Estland, noch Litauen oder Lettland einhalten. So firmierte die ehemalige UdSSR als GUS, Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Der Start für die deutsche Mannschaft gestaltete sich sehr schwierig.

Gegen Fußball-Zwerg Luxemburg reichte es gerade so zu einem 3:2-Sieg, in Wales ging die Vogts-Elf 0:1 baden. Im entscheidenden Spiel gegen die Waliser in Nürnberg bot die DFB-Elf dann aber ihre beste Leistung und siegte 4:1. Zwei abschließende Siege gegen Belgien und Luxemburg sicherten das EM-Ticket.

Italien musste sich in Gruppe 3 der GUS deutlich geschlagen geben, während Frankreich ohne Punktverlust durch die Gruppe 1 marschierte. Österreich handelte sich beim 0:1 auf den Faröer Inseln die größte Schmach seiner Geschichte ein.

Vorher hatte Toni Polster, damals noch beim FC Sevilla unter Vertrag, den Feierabendkickern von der Schaaf-Insel eine 10:0-Packung prophezeit.

In der selben Gruppe setzte sich Jugoslawien knapp vor Dänemark durch. Auf Grund des schwelenden Balkan-Konflikts schloss die UEFA die Jugoslawen aber ein paar Wochen vor dem Turnier aus. Dänemark durfte nachrücken.

"Wir kommen hier quasi vom Strand oder aus dem McDonald’s und sollen jetzt Fußball spielen. Hoffentlich gehen wir nicht unter", sagte Flemming Poulsen nach der kurzfristigen Nominierung. Auch er sollte sich irren…

Am 10. Juni 1992 eröffneten Gastgeber Schweden und Geheimfavorit Frankreich das Turnier. In Gruppe 1 war es eng bis zum letzten Spieltag. England benötigte mindestens einen Punkt gegen Schweden – und verlor gegen den Gastgeber durch ein spätes Tor von Thomas Brolin sieben Minuten vor dem Schlusspfiff.

Zur gleichen Zeit war die Ausgangslage für Frankreich gegen Dänemark die selbe: Ein Punkt und das Semifinale wäre perfekt gewesen. Aber auch hier siegte der krasse Außenseiter und die Franzosen waren draußen.

Ähnlich spannend war es in der "deutschen" Gruppe 2 mit den Niederlanden, Schottland und der GUS. Die DFB-Elf stand gegen die Russen schon kurz vor einer Auftaktniederlage, ehe Thomas Häßler in der dritten Minute der Nachspielzeit einen Freistoß aus 20 Metern versenkte.

Trotzdem der Schock für die deutsche Elf: Torjäger Rudi Völler brach sich schon nach 20 Minuten den Unterarm und musste wieder abreisen.

Im zweiten Spiel gegen die Schotten steigerte sich Deutschland etwas und kam zu einem verdienten 2:0-Sieg. Karl-Heinz Riedle und Stefan Effenberg trafen für die Vogts-Elf. Da sich die GUS und die Niederlande 0:0 trennten, musste auch hier der letzte Spieltag die Entscheidung bringen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, musste Deutschland die Niederlande schlagen. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Der Titelverteidiger spielte den Weltmeister an die Wand und siegte hoch verdient mit 3:1.

Jetzt konnten nur noch die Schotten helfen. Und wie sie halfen! 3:0 besiegten die Bravehearts die GUS und verhalfen dadurch der DFB-Elf doch noch ins nicht mehr für möglich gehaltene Halbfinale. „Der Glückspilz heißt McBerti“, schrieb der "Berliner Kurier". Der Gegner im Semifinale hieß Schweden. Der Spieler des Spiels aber Thomas Häßler.

Icke wirbelte die Skandinavier nur so durcheinander und schoss einen Freistoß schon nach elf Minuten zur Führung ins Tor. Riedle erhöhte auf 2:0, ehe der Gastgeber durch einen Foulelfmeter von Brolin verkürzte. Jetzt warfen die Schweden alles nach vorne – bis Riedle eine der zahlreichen guten Konterchancen in der 88. Minute endlich zur Entscheidung nutzte. Kennet Anderssons 2:3 mit dem Schlusspfiff kam zu spät.

Einen Tag später erlebte dann Oranje sein blaues Wunder. Danish Dynamite nämlich, dessen Spieler sich auch während des Turniers immer noch auf Fritten und Big Macs schwörte, entzauberte den Titelverteidiger. Das Spiel war das beste des gesamten Turnier. Die Dänen führten zweimal, zweimal glich Holland aus.

In der Verlängerung retteten sich die völlig ausgelaugten Dänen ebenso noch ins Elfmeterschießen. Beim großen Showdown trafen alle – bis auf Marco van Basten. Der Superstar scheiterte mit dem zweiten Elfmeter an Peter Schmeichel. Kim Christofte verwandelte dann den fünften und letzten dänischen Elfmeter zur Entscheidung.

"Aus dem Notnagel wurde der Sargnagel – für die Holländer", schrieb "Die Presse" aus Österreich. 26. Juni 1992, Nya-Ullevi-Stadion zu Göteborg: Rund 15.000 Dänen hatten sich auf den Weg nach Schweden gemacht, um bei der bis dahin größten Sensation der EM-Geschichte live dabei zu sein.

Deutschland begann furios und hatte einige Chancen. Der Knackpunkt der Partie dann aber in der 18. Minute: Brehme verlor den Ball. Über Poulsen kam der Ball zu John Jensen, der Bodo Illgner aus 16 Metern keine Chance ließ. Deutschland rannte wütend, aber konzeptlos an. Elf Minute vor dem Ende besieglete Kim Vilfort aus 20 Metern das Schicksal des Weltmeisters.

Deutschland war geschlagen, Dänemark sensationell Europameister. "Wir kamen durch die Hintertür, schnappten den Favoriten das Hauptgericht vor der Nase weg und verließen das Ullevi-Stadion auf dem roten Teppich", schrieb die "Politiken" aus Dänenmark. Und wie sich Franz Beckenbauer geirrt hatte.