Ein Paukenschlag in Fußballeuropa: Die EM 2020 wird in mehreren Ländern ausgetragen. Doch ist die Reformidee des Uefa-Präsidenten Michel Platini wirklich gut oder macht sie das eigentliche Turniererlebnis kaputt? Redakteur Marcel Engels und Volontärin Sabrina Kammerer sind da sehr unterschiedlicher Meinung:

Man stelle sich vor, alle Ideen von Uefa-Präsident Michel Platini würden in die Tat umgesetzt. Die Europa-League wäre abgeschafft, die Champions-League auf 64 Teams aufgebläht und die Weltmeisterschaft würde – je nach Ausrichterland – mal im Sommer und mal im Winter ausgetragen.

Mit den Wünschen von "Otto Normal-Fußballfan" und den Interessen der Vereine haben diese Pläne wenig zu tun. Der neue Geistesblitz des ehemaligen Weltklasse-Spielmachers ist aber endlich einmal eine gute Idee: Eine Europameisterschaft, die quer über den ganzen Kontinent ausgetragen wird, verdient endlich ihren Namen.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es unrealistisch, einem oder zwei Ländern die gigantische finanzielle Last für ein Event dieser Größenordnung aufzubürden. Ganz davon abgesehen, dass nur die großen Länder mit ihren glamourösen Ligen über zehn EM-Stadien nach dem Turnier weiternutzen können. Da sich die Zahl der Spiele durch die Erweiterung auf 24 Teilnehmer ab 2016 drastisch erhöhen wird, reichen acht bis zehn Spielstätten aus organisatorischer Sicht nicht mehr aus. Somit müsste immer öfter auf zwei Gastgeberländer gesetzt werden, Streitereien und Probleme wie 2012 zwischen Polen und der Ukraine inbegriffen.

Champions-League als Vorbild

Warum also diese Situation nicht gleich ganz aufbrechen? Die Champions-League ist das beste Beispiel für einen faszinierenden Wettbewerb, der in ganz Europa stattfindet. Mit einer starken Inszenierung, also Hymne, Spielball, Design und einheitlicher Präsentation, ergibt sich die Turnierstimmung praktisch von selbst.

Und im Sinne des Erfinders wäre die EM mit dem neuen Modus auch wieder: In den Anfangszeiten des Turniers, als es noch "Europapokal der Nationen" hieß, gab es ebenfalls keinen Einzelausrichter. Wenn dieses Argument bei Fußball-Traditionalisten nicht zählt ...

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was gegen die beschlossene EM-Reform spricht.

Sogar Michel Platini muss zugeben, dass es eine "verrückte Idee" ist, die er da zusammen mit der Uefa in die Welt gesetzt hat. Einmal ganz davon abgesehen, dass Platini selbst noch nicht weiß, wie sich dieses paneuropäische Turnier organisieren soll, wird die EM 2020 mit großer Sicherheit nicht "die größte Party, die je bei einer Europameisterschaft gefeiert wurde" (Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino).

Für viele Fans dürfte die EM-Reform einer kleinen Katastrophe gleichkommen. War es bisher schon teuer, einem großen Turnier beizuwohnen, wird es dank Platinis "verrückter Idee" 2020 für den "Otto Normal-Fußballfan" fast schon ein Ding der Unmöglichkeit, mehr als ein Spiel live im Stadion zu erleben. Denn wer kann es sich schon leisten, in einem Zeitraum von knapp vier Wochen zwischen bis zu 13 Ländern hin und her zu jetten? Und da hilft auch Platinis wohlmeinender Ratschlag vom Juli wenig: "Sie wissen, es gibt Billigflieger."

Vieles bleibt auf der Strecke

Freuen können sich freilich diejenigen, deren Heimatstadt zu einem der Austragungsorte auserkoren wurde. Sie können zuhause bleiben, sparen sich die Reisekosten und sind trotzdem mittendrin im EM-Geschehen. Dabei geht allerdings eine ganz entscheidende Komponente einer schönen Turniererfahrung verloren: Bisher waren Europameisterschaften auch immer eine Möglichkeit für Fans, ein Land näher kennenzulernen, das sie ohne den Fußball vermutlich nicht bereist hätten. Bei der EM 2020 allerdings werden sich vor allem die Bewohner der "großen" Nationen wie Deutschland, Frankreich oder England nicht einmal außer Landes wagen müssen, um ein Spiel zu sehen. Denn dort kann man sich der ein oder anderen Spielstätte fast schon sicher sein, während kleinere Nationen auf der Strecke bleiben.

Fußballeuropa wird also unnötigerweise in mehrere Einzelteile zerlegt. Anstatt die Fans in ein oder zwei Ländern zusammen zu bringen und ihnen die Möglichkeit zum Austausch zu geben, bleiben einfach alle da, wo sie sind. Vielleicht ist es hoffnungslos romantisch, doch Fußball hat schon immer Menschen unterschiedlichster Nationen in ihrer Leidenschaft für "the global game" vereint. Dieser großartige Aspekt des Sports wird mit der EM-Reform unnötig aufs Spiel gesetzt.