Mit eher mittelprächtigen Leistungen kehrt die deutsche Nationalmannschaft in den Spielbetrieb zurück. Der Erkenntnisgewinn bleibt überschaubar, die Spieler wirken gereizt, der Bundestrainer spielt auf Zeit.

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"Erkenntnis vor Ergebnis", das war zusammengefasst der ganz kleine Katechismus der deutschen Nationalmannschaft für die beiden Nations-League-Spiele gegen Spanien und die Schweiz. Joachim Löw hat die Botschaft in die Welt gesendet, offenbar wohl wissend, dass dieser neue Wettbewerb seiner Mannschaft immer noch nicht besonders liegt.

Jedenfalls bleibt die Sieglos-Serie der DFB-Auswahl auch nach den Spielen fünf und sechs bestehen, womit sich Deutschland in ziemlich ungewohnter Gesellschaft befindet: Auch Lettland, Litauen, Irland, Malta, Andorra und San Marino warten nach sechs oder mehr Spielen ebenfalls noch auf den ersten Sieg.

Weil Löw die Nations League aber weniger als Turnier denn als Testspielreihe mit Wettkampfcharakter definiert und ja ohnehin einen mittelschweren Umbruch moderieren und anleiten muss, waren die beiden Remis gegen die Spanier und Schweizer auf ihre Weise zwar ärgerlich, aber vielleicht noch zu verkraften. Was man vom eher überschaubaren Erkenntnisgewinn aus beiden Partien aber nicht behaupten kann.

Die Mannschaft braucht die (Test-)Spiele

Löw und seine Mannschaft haben dieses eine Jahr wegen der Coronakrise ja noch "geschenkt" bekommen. Die Europameisterschaft im kommenden Sommer gilt als Stichtag für das schwierigste Unterfangen des Bundestrainers in dessen mittlerweile schon mehr als 14-jährigen Amtszeit: Noch so eine Enttäuschung wie zuletzt bei der WM in Russland kann sich Löw nicht mal im Ansatz leisten, weshalb jedes zusätzliche Spiel zu Testzwecken eigentlich ein Segen sein sollte.

Umso erstaunlicher, dass er sich in seiner nach dem Spanien-Spiel klar formulierten Kritik an der zu hohen Belastung der Spieler eher gegen die vielen Spielansetzungen aussprach. Wie notwendig aber jede einzelne dieser Partien noch sein wird, hat der Doppelpack gegen Spanien und die Schweiz eindrucksvoll belegt.

Löw hat mal wieder die Dreier- beziehungsweise Fünferkette probiert und gegen die Schweiz sogar in einer Art Manndeckung über das gesamte Feld verteidigen lassen. Ein Experiment, das gegen Gegner der Kategorie Schweiz vielleicht noch gerade so umsetzbar ist, gegen die besten Mannschaften des Kontinents aber in einem mittelschweren Fiasko enden könnte. Auch gegen die Spanier gab es vereinzelte Sequenzen mit klaren Mannorientierungen, aber nicht so flächendeckend und aggressiv aufgeführt wie im zweiten Spiel am Sonntag.

Die Löcher in der deutschen Defensive waren nach nur einem verlorenen Zweikampf oder einer zurückfallenden Bewegung etwa von Breel Embolo eklatant groß und gewährten dem Gegner deutlich zu viele hochkarätige Chancen. Die Kreisliga-Manndeckung-Taktik dürfte auf diesem Niveau schwer umzusetzen sein, immerhin das kann man nach den beiden Spielen festhalten.

Keiner drängt sich im DFB-Team auf

Aber auch im eigenen Ballbesitz waren einige (alte) Probleme zu erkennen. Sobald der Gegner selbst früh attackiert, stottert der deutsche Spielaufbau. Dafür sind die Innenverteidiger unter Druck nicht ballsicher genug, dazu kommen mit Thilo Kehrer und Robin Gosens zwei solide, aber nicht überragende Schienenspieler auf den Außenbahnen. So recht wollte das taktische Konstrukt nicht zum Personal passen - was natürlich auch damit zusammenhing, dass der Block der Bayern-Spieler mit Ausnahme von Niklas Süle noch im Urlaub weilt.

Überhaupt die Bayern: In deren Abwesenheit hätte sich nun - mal wieder - die Chance für andere Spieler ergeben, sich zu zeigen. Spieler aus der zweiten oder dritten Reihe, die irgendwie immer mit dabei sind, aber nie so richtig wichtig. Julian Draxler ist so ein Spieler, Julian Brandt auch. Draxler spielte in beiden Spielen von Beginn an, Brandt bekam nur eine Halbzeit gegen die Schweiz. Aber beide erweckten nicht den Anschein, als würden sie mit aller Macht auf sich aufmerksam machen wollen.

Draxlers Teilnahmslosigkeit in einigen Szenen ist frappierend, was umso ärgerlicher ist, weil der Spieler grundsätzlich alles mitbringt, was auf diesem Niveau nötig ist. Es ist wohl kein Zufall, dass er und Brandt am leichten Ballverlust beteiligt waren, der Sekunden später zum Schweizer Gegentor führte. Draxler zeigte einen Laufweg an und blieb dann doch stehen, Brandt spielte den Fehlpass direkt hinein in zwei Schweizer Abwehrbeine.

Gündogan: "Das geht mir richtig auf den Sack"

Nach dem Spiel war oft genug von "zu vielen leichten Ballverlusten" in der Offensive die Rede, Ilkay Gündogan und Toni Kroos monierten dies fast wortgleich.

Der beste deutsche Feldspieler Gündogan, an sich ein eher ruhiger Vertreter auch außerhalb des Platzes, formulierte seine Kritik dieses eine Mal erstaunlich offen und schonungslos. "Ich bin etwas angepisst! Wir haben vorne schon in der ersten Halbzeit Bälle unnötig verloren - Bälle, die wir eigentlich fest machen müssen. Wir dominieren das Spiel und hätten uns noch mehr gute Chancen herausarbeiten können. Vor dem Gegentor spielen wir unbedrängt einen Fehlpass und laufen in einen Konter. So etwas darf auf diesem Niveau nicht passieren", sagte er im "ZDF". Ein richtig ärgerliches Spiel sei das gewesen, "das geht mir richtig auf den Sack".

Es sind die einfachen Dinge, die einmal mehr nicht funktioniert haben bei der DFB-Auswahl: in hektischen Phasen wieder Ruhe zu erlangen durch ein sauberes Passspiel, widerstandsfähiger zu sein als der Gegner, einen Vorsprung auch mal konzentriert über die Zeit zu spielen. "Wenn es einmal etwas schwieriger ist und der Gegner höher anläuft müssen wir mehr Lösungen haben", sagte Kroos. "Daran müssen wir arbeiten. Jeder muss den Ball wollen - nicht nur in den Phasen, in denen es gut läuft. Wir müssen es insgesamt hinten raus besser machen."

Wo ist die Euphorie?

Der Auftakt in die Post-Corona-Phase und damit auch in die Vorbereitung auf die EM im kommenden Jahr ist nicht nur wegen der eher mageren Ergebnisse misslungen. Auch zwei Jahre nach dem Debakel von Russland fehlt weiter diese spezielle Euphorie, die Länderspiele früher immer umgeben hatte. Zehn Monate hatte die Nationalmannschaft kein Spiel mehr bestritten, eine elendig lange Zeit. Die Fans waren regelrecht ausgehungert gewesen, das Verlangen nach einem Spiel der wichtigsten Mannschaft der Nation enorm. Stattdessen liegt immer noch ein bleierner Schleier um die DFB-Elf.

Das ist die vielleicht ernüchterndste Erkenntnis der letzten Tage. Das mag auch an den fehlenden Fans liegen und den absenten Bayern-Spielern, die ziemlich sicher einen ganz an deren Zug reingebracht hätten. Es liegt aber auch daran, dass immer noch nicht zu erkennen ist, wohin Löw mit dieser Mannschaft denn nun will. Die vielen Versatzstücke sind zu erkennen, ein Gesamtbild aber noch lange nicht. Womöglich war auch deshalb die Stimmung bei den Spielern eher gereizt als locker.

Im Oktober geht es schon weiter, dann mit einem Dreierpack gegen die Türkei (Testspiel), die Ukraine und die Schweiz (beides Nations League). Im November folgen dann erneut gleich drei Partien. "Im Oktober werden wir wieder richtig angreifen", verspricht der Bundestrainer im "ZDF", der jetzt immerhin ganz schnell die Möglichkeit bekommt, es mit seiner Mannschaft besser zu machen. Es ist also doch ganz gut, dass noch einige Spiele zu absolvieren sind. Vor der deutschen Nationalmannschaft liegt schließlich noch ein sehr langer Weg.

Verwendete Quelle:

  • zdfsport.de: Löw: "Im Oktober greifen wir richtig an"
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Diese Nationalspieler dienten unter Joachim Löw aus

Kein Nationaltrainer weltweit ist länger im Amt als Joachim Löw. 2004 als Assistent Jürgen Klinsmanns angetreten, amtiert Löw seit 2006 als dessen Nachfolger. In dieser Zeit mischte Löw sein Personal mehrmals durch. Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller sind in dieser Reihe nur die jüngsten "Opfer".