Gerade eine Woche ist es her, dass der FC Bayern München die Champions League gewonnen hat. Das müssen die Helden von Wembley jetzt mal kurz wieder vergessen. Denn es steht das DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart an. Und der Rekordmeister hat nur ein Ziel: das Triple zu holen. Vor allem für einen. Für Jupp Heynckes.

Es ist schon verblüffend. Eigentlich hat Jupp Heynckes alles gewonnen, was es im europäischen Vereinsfußball so zu gewinnen gibt. Nur einen klitzekleinen Schönheitsfehler gibt es in der Vita des Bayern-Trainers: Der DFB-Pokal ist ihm bisher immer durch die Lappen gegangen. Wäre Heynckes' Karriere ein gut gefüllter Eisbecher, ein Sieg über den VfB Stuttgart im Pokalfinale (Samstag, 20:00 Uhr Live bei ARD und bei uns im Live-Ticker) wäre die Sahne. Und das damit einhergehende historische Triple die Kirsche oben drauf - auch wenn Heynckes' Karriere, glaubt man den Gerüchten um Real Madrid, vielleicht doch nicht beim FC Bayern endet.

Ob "Don Jupps" Weg tatsächlich nach Madrid führt oder nicht - der Abschied vom FC Bayern steht ohnehin an. Und es soll ein besonderer werden. "Es ist eine zusätzliche Motivation, ihm einen besonderen Abschluss zu schenken", lässt Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger keinen Zweifel daran, wem ein möglicher Sieg gewidmet würde. Und Torhüter Manuel Neuer findet: "Dieser Titel steht Jupp Heynckes einfach zu." Aber bevor es Eis mit Sahne und Kirschen gibt, gilt es erst einmal den VfB Stuttgart zu bezwingen.

Schwadronierte Karl-Heinz Rummenigge im Freudenrausch des gewonnen Champions-League-Finales noch darüber, "auch mit 1,8 Promille eine Chance" gegen die Schwaben zu haben, so hört sich das inzwischen ganz anders an. "Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu glauben, der Pokal ist schon gewonnen. Stuttgart wird nicht die weiße Flagge hissen, sondern Vollgas geben", warnt der Bayern-Vorstand seine Mannen vor dem Schlendrian. Doch für solcherlei Kindereien ist die Mannschaft viel zu diszipliniert. "Es wird keiner mit annähernd Alkoholgehalt auf dem Platz stehen", beruhigt Neuer seinen Sport-Vorstand.

Auch ohne Promille: Felix Magath - der Mann, der es wissen muss, schließlich trainierte er bereits beide Mannschaften - räumt den Stuttgartern dennoch eine Chance ein, den so übermächtig wirkenden FC Bayern zu bezwingen "Das ist so ähnlich wie mit meinen Kindern: wenn die Kleinen schon fünf Kugeln Eis bekommen haben, essen sie die sechste zwar auch noch gerne - allerdings nicht mehr mit der gleichen Gier. Das ist die Chance des VfB."

Labbadia gratuliert dem FC Bayern

Es wäre eine gute Metapher, wenn der FCB in dieser Saison nicht schon ziemlich oft bewiesen hätte, dass er sehr viel Eis verträgt. Vor diesem Hunger verneigt sich auch die Konkurrenz, dieses Mal in Gestalt von VfB-Coach Bruno Labbadia: "Ich will Jupp und der Mannschaft zu einer fantastischen Saison gratulieren." Das ist sehr nett. Noch netter ist allerdings, dass Heynckes das Kompliment postwendend zurückgibt und auch Labbadia und dessen Mannen lobt. Der VfB-Trainer wirkt sehr gelassen vor diesem bisher größten Spiel seiner Karriere, seine Wutrede nach dem Halbfinale ist längst vergessen.

Überhaupt wäre die deutsche und vor allem die bayerische Fußballwelt schrecklich in Ordnung vor diesem DFB-Pokalfinale, würde nicht der brasilianische Fußballverband den Spielverderber vom Dienst mimen. Bayerns Abwehrchef Dante und Martínez-Vertreter Luiz Gustavo werden beide beim Pokalfinale nicht dabei sein, weil der Verband auf ihre Anwesenheit bei der brasilianischen Nationalmannschaft besteht. Da half auch kein Bitten und Betteln.

"Ich habe selten Spieler gesehen, die so enttäuscht waren, die so um Fassung gerungen haben", sagte Jupp Heynckes. "Die Spieler haben das ganze Jahr für Meisterschaft, Champions League und Pokal gearbeitet und danach gelebt - und plötzlich sagt man ihnen, nein, das geht nicht, du musst in dein Heimatland reisen, um an einem unwichtigen Vorbereitungsspiel teilzunehmen. Ich habe da überhaupt kein Verständnis für. Das habe ich auch Felipe Scolari gesagt."

Nicht einmal der VfB Stuttgart freut sich

Vor allem Dante gilt als Garant für die bayerischen Erfolge in dieser Saison. Doch nicht einmal in Stuttgart freuen sie sich über das Fehlen des brasilianischen Abwehrchefs, und einen Vorteil sehen sie darin schon gar nicht. "Was das Spiel betrifft, macht das keinen Unterschied für uns, weil die Bayern auf jeder Position zwei- oder sogar dreifach gut besetzt sind", erklärte Labbadia. "Ich finde es sehr schade, dass den beiden das tolle Erlebnis Pokalfinale in Berlin genommen wird. Eine für mich völlig unverständliche Entscheidung des brasilianischen Verbandes."

Besonders bitter für Dante, das Feierbiest: Am Sonntag will der FC Bayern noch einmal mit den Fans in der Münchner Innenstadt feiern, und zwar am liebsten das Triple. Heynckes liefert immerhin einen schwachen Trost für Dante und Gustavo: "Wir machen eine Direktübertragung nach Rio, und dann werden wir mit den beiden zusammen feiern." Während des Finales wollen sich die Bayern von dieser Lästigkeit jedoch nicht irritieren lassen.

Überhaupt wollen sie sich von gar nichts irritieren lassen. Und wenn es die Stuttgarter, dann doch mal mit leichten Drohungen versuchen (Serdar Tasci: "Wir wollen ein perfektes Spiel liefern"), dann reagieren die Bayern mit ihrer ganz eigenen Coolness. "Irgendwas müssen die Stuttgarter ja auch sagen", meint da die personifizierte Schlitzohrigkeit Thomas Müller und lächelt. Vielleicht wird er sich nach dem Pokalfinale ein Eis gönnen. Mit ordentlich Sahne und einer Kirsche oben drauf.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

FC Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, van Buyten, Alaba - Martínez, Schweinsteiger - Robben, Müller, Ribéry - Mandzukic

VfB Stuttgart: Ulreich - Sakai, Tasci, Niedermeier, Molinaro - Gentner, Boka - Harnik, Traoré - Maxim -Ibisevic