Im dramatischen Pokalspiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern hat der Schiedsrichter eine Fülle von kniffligen Entscheidungen zu treffen. Nicht immer sieht er dabei glücklich aus. Vor allem ein zurückgenommener Elfmeter erhitzt die Gemüter der Gastgeber.

Alex Feuerherdt
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt

Spitzenspiele benötigen Spitzenschiedsrichter. Dass Felix Zwayer einer ist, hat er schon oft unter Beweis gestellt - auch bei einem Aufeinandertreffen von RB Leipzig und dem FC Bayern München: Am 16. Spieltag der vergangenen Saison pfiff er die Partie in der Münchner Arena. Seine Sache machte er damals vorzüglich.

Am Mittwochabend leitete der Berliner Referee ein weiteres Mal die Begegnung dieser beiden Teams, diesmal in der zweiten Hauptrunde des DFB-Pokals. Und man tut ihm sicherlich nicht Unrecht, wenn man festhält, dass er schon bessere Tage hatte.

Von Beginn an geht es auf dem Rasen zur Sache, schon nach wenigen Sekunden räumt Dayot Upamecano den Münchner Joshua Kimmich ab. Beide Teams spielen mit viel Tempo und großem Einsatz. Zwayer hat alle Hände voll zu tun, muss eine Vielzahl von grenzwertigen Zweikämpfen beurteilen.

Er hat Mühe, zu einer einheitlichen Linie zu finden, auch bei den persönlichen Strafen. Corentin Tolisso beispielsweise drängt sich gleich mehrfach für eine Gelbe Karte auf. Doch der Schiedsrichter lässt den Mittelfeldmann der Bayern mit Ermahnungen davonkommen. Naby Keita dagegen wird kurz vor der Pause für ein ähnliches Vergehen verwarnt.

Vidal gegen Forsberg: Elfmeter oder nicht?

Nach 34 Minuten dann die erste große Aufregung: Der Leipziger Emil Forsberg zieht unwiderstehlich davon, Arturo Vidal versucht, ihn zu bremsen. Erst durch einen Griff ans Trikot, dann durch eine Beinschere. Forsberg fällt schließlich, Zwayer pfeift - und zeigt auf den Elfmeterpunkt.

Doch der Unparteiische ist sich offenbar nicht sicher, dass das Foul wirklich innerhalb des Strafraums stattgefunden hat. Deshalb läuft er zu seinem Assistenten.

Der hat die Szene zwar aus deutlich größerer Entfernung beobachtet als der Referee, dafür aber aus besserer, weil seitlicher Perspektive.

Ein Video-Assistent steht Felix Zwayer nicht zur Verfügung, weil diese Helfer im DFB-Pokal erst ab dem Viertelfinale eingesetzt werden.

Aber selbst die Fernsehbilder liefern kein zweifelsfreies Ergebnis. Fest steht zwar, dass Vidals Halten gegen Forsberg vor dem Strafraum beendet war. Doch wo kam der maßgebliche und damit strafwürdige Kontakt durch Vidals Beinschere zustande? Gerade noch vor der Strafraumlinie? Oder schon auf ihr, sodass die Elfmeterentscheidung richtig ist?

Eine Zentimetersache. Zwayer nimmt den Strafstoß jedenfalls zurück und gibt stattdessen einen Freistoß für Leipzig. Verlangsamte Wiederholungen und Einzelbildschaltungen widerlegen ihn und seinen Assistenten zumindest nicht.

Warum Vidal nur Gelb sah

Außerdem sieht Vidal die Gelbe Karte. Manche Beobachter fragen sich, ob hier nicht sogar ein Feldverweis angebracht wäre, schließlich hat der Chilene seinen Gegner mit beiden Beinen von hinten gefoult.

Doch Tempo, Intensität und Dynamik der Aktion sind eher gering, Forsberg wurde nicht mit den Stollen voraus und nicht an einer empfindlichen Stelle getroffen.

Von Vidals Foul ging also keine Gesundheitsgefährdung aus. Deshalb genügte die Verwarnung. Eine "Notbremse" lag ohnehin nicht vor, weil Jérôme Boateng noch hätte eingreifen können.

Strafe für wütenden Rangnick?

Der Leipziger Manager Ralf Rangnick ist gleichwohl wütend. Nach dem Halbzeitpfiff will er zu Zwayer, um ihm auf seinem Smartphone zu zeigen, dass die Rücknahme des Elfmeters falsch war. Mats Hummels stellt sich ihm in den Weg, versucht, ihn zu beruhigen.

Nach dem Spiel sagt der Innenverteidiger der Münchner: "Es geht nicht, dass er mit dem Handy zum Schiedsrichter geht, um ihm Szenen zu zeigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das erlaubt oder gewollt ist. Sonst haben die Schiedsrichter demnächst in der Halbzeit nur noch Verantwortliche um die Ohren, die ihnen Szenen zeigen wollen. Ich habe Herrn Rangnick gesagt, dass er das nicht nötig hat und dass es unsportlich ist."

Der DFB-Kontrollausschuss hat am Donnerstag reagiert. Der Deutsche Fußball-Bund leitet gegen den 59-Jährigen ein Ermittlungsverfahren ein. Das bestätigte der DFB am Donnerstag auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Bei Gelb-Rot hat Zwayer keine Wahl

In der zweiten Hälfte wird die Aufgabe für Felix Zwayer nicht leichter. In der 51. Minute kommt der Leipziger Kevin Augustin nach einem Zweikampf mit Boateng im Münchner Strafraum zu Fall.

Der Nationalspieler hat zuerst den Ball gespielt, den Franzosen danach aber auch am Bein getroffen.

Wieder muss der Unparteiische eine knifflige Entscheidung treffen. Ein klarer Strafstoß ist das nicht, eher eine 50/50-Situation. Zwayer lässt weiterspielen.

Drei Minuten später hält der bereits verwarnte Keita an der Seitenlinie den davoneilenden Robert Lewandowski kurz am Trikot fest. Der Angreifer der Bayern bricht seinen Sturmlauf daraufhin ab.

Der Schiedsrichter hat keine andere Wahl, als auf Foulspiel zu entscheiden. Keitas Vergehen ist für sich genommen kein schwerwiegendes, aber ein taktisches, mit dem den Gästen eine gute Angriffsmöglichkeit genommen wurde. Die zwangsläufige Folge: Gelb-Rot für den Guineer.

Königin der Konzessionsentscheidungen?

Als 67 Minuten gespielt sind, gibt es schließlich doch noch einen Elfmeter für die Hausherren. Yussuf Poulsen hat den Ball an Boateng vorbeigelegt und ist dann genau auf der Strafraumlinie an dessen Bein hängen geblieben.

Als "Königin der Konzessionsentscheidungen" bezeichnet Mats Hummels diesen Pfiff später. Tatsächlich lässt sich ein Beinstellen von Boateng nicht feststellen, Poulsen hat den Kontakt eher von sich aus gesucht.

Die Bayern wissen aber auch, dass ein Schiedsrichter immer bemüht ist, in Grenz- und Zweifelsfällen nicht ausschließlich für die eine Mannschaft zu entscheiden, sondern die Balance zu wahren.

Um die Gelb-Rote Karte kommt Boateng herum, weil Zwayer das (vermeintliche) Foul als Aktion wertet, bei der der Ball nur knapp verfehlt wurde. Wird einem Angreifer auf diese Weise eine gute Torchance im Strafraum genommen, entfällt die Verwarnung. So, wie es analog nur Gelb statt Rot gibt, wenn eine herausragende Torchance im Sechzehnmeterraum durch ein ballbezogenes Vergehen vereitelt wird.

Zwayer mit uneinheitlicher Linie

In der Verlängerung haben die Münchner dann allerdings Glück, als Thiago bei seinem Versuch, den Ball zu spielen, Diego Demme mit dem Fuß im Gesicht trifft und dafür lediglich verwarnt wird. Zweifellos kein gewollt brutales Foul, andererseits ist es nicht so, dass der Spanier seinen Gegenspieler nicht kommen gesehen hat.

Insgesamt agierte Felix Zwayer in einem für ihn extrem schwierigen Spiel recht unglücklich und wenig souverän. In engen, grenzwertigen Situationen profitierten die Bayern häufiger von seinen Entscheidungen als die Gastgeber. Die Linie des Schiedsrichters war uneinheitlich.

Bei strittigen Zweikämpfen zeigte er sich mal streng und mal großzügig, auch bei den Karten passte nicht alles zusammen. Keitas erste Verwarnung etwa wurde für ein Foul ausgesprochen, das bei Tolisso lediglich zu einer Ermahnung geführt hatte. Javi Martínez kam für ein taktisches Foul ohne Gelbe Karte davon, während Keita die Gelb-Rote Karte sah. Beim zurückgenommenen Elfmeter bleiben Zweifel, beim gegebenen ebenfalls.

Zwayer hatte ungewohnt viel Mühe, Akzeptanz für seine Entscheidungen zu finden, bekam das emotionale Spiel nur schwer unter Kontrolle. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass er unverschuldet viele äußerst schwierige Entscheidungen im Grenzbereich zu treffen hatte, bei denen eine Mannschaft zwangsläufig immer unzufrieden sein musste. Da gerät auch ein Spitzenschiedsrichter bisweilen in Not.

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