Kürzlich noch tönte Thomas Müller, er würde jeden unberechtigten Elfmeter am Tor vorbeischieben. Als es darauf ankam, nur Tage später Wort zu halten, ließ er seinen Bayern-Kollegen Robert Lewandowki einen unberechtigten Elfmeter zum 3:2 bei Werder Bremen verwandeln.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Durch dieses Siegtor im Halbfinale zieht der FC Bayern ins Pokal-Endspiel ein. Seine Heuchelei versteckte Thomas Müller in einer Wolke dubioser Worte, die erklären sollten, warum der harmlose Rempler von Theodor Gebre Selassie gegen Kingsley Coman doch strafstoßwürdig gewesen sei.

"Für mich war das aus dem Spiel heraus absolut ein Elfmeter", sagte Müller allen Ernstes in die TV-Kamera. "Durch den Videobeweis bekommt der Schiedsrichter ja mit, ob es elfmeterwürdig ist." Hier entlarvt sich die Schwäche beim Videobeweis komplett.

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Schiedsrichter Daniel Siebert aus Berlin war entweder nicht willens, seinen spontanen und spielentscheidenden Pfiff auf dem Monitor zu überprüfen oder bekam keinen energischen Hinweis vom zuständigen Video-Assistenten Robert Kampka im Kölner Keller. Fatal war beides für Werder.

Manuel Gräfe, einer der drei besten deutschen Schiedsrichter, hat den Sinn des Videobeweises so erklärt: Ein Seiltänzer kann entscheiden, ob er mit oder ohne Sicherheitsnetz aufs Seil steigt. Bestenfalls passiert nichts. Wenn aber was passiert, ist man für das Fangnetz unterm Seil sehr, sehr dankbar.

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Man will maximale Gerechtigkeit

Beim Pokalspiel in Bremen hat sich Schiedsrichter Daniel Siebert gegen das Sicherheitsnetz entschieden. Das ist nachlässig bis dumm, weil konterkariert wird, wofür der Videobeweis eingeführt und seit Pokal-Viertelfinale nutzbar ist: Man will im Fall der Fälle maximale Gerechtigkeit.

Nun erbringt Daniel Siebert den Beweis, dass der deutsche Fußball nicht bessere Videobeweis-Technik braucht, sondern bessere Schiedsrichter. Was nützt ein hochkomplexes System, wenn das Personal aus Hochmut oder aus Inkompetenz nicht zur Bedienung in der Lage ist?

Es ist jedenfalls niemandem gedient, wenn Spieler wie Max Kruse regelmäßig sagen können: "Das ist lächerlich. Wenn das ein Elfmeter ist… Wozu haben wir den Videobeweis? Wenn er das nicht sieht, können wir ihn wieder abschaffen." Man kann dem Werder-Profi nicht widersprechen.

Das Videobeweis-System kostet zig Millionen. Das Geld wäre vermutlich besser in die Ausbildung, in das Talentescouting oder in die Umstellung zur Professionalität des Schiedsrichterwesens geflossen. Wenn solche Szenen wie in Bremen noch immer möglich sind, ist der Videobeweis überflüssig.

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de
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