• Martina Voss-Tecklenburg reist mit einem positiven Gefühl nach England.
  • Gleichzeitig fällt eine Bewertung des deutschen Teams vor dem Start der Europameisterschaft schwer.
  • Für die Bundestrainerin wird vor allem das Mittelfeld wichtig sein, um die üppig besetzte Offensive mit der schwer einzuschätzenden Defensive zu verbinden.
Eine Analyse
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"Wir haben das Gefühl, dass wir vieles richtig machen", lobte Martina Voss-Tecklenburg bei der letzten Pressekonferenz vor der Abreise zur Europameisterschaft nach England. Die Bundestrainerin wirkte gelassen, entspannt, beinahe ohne Sorgen, obwohl dieses auch für sie so wichtige Turnier nun bevorsteht.

Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, die sie im Laufe der letzten Monate getroffen habe, "noch mehr Freiheit zu geben, mehr Lockerheit reinzugeben, mich in gewissen Sachen auch komplett zurückzunehmen". Das habe ihr gutgetan, aber auch den Spielerinnen, "dass sie nicht das Gefühl hatten, die Martina steht da mit erhobenem Zeigefinger", führte sie aus.

Die Gestaltung des aus ihrer Sicht hervorragend geplanten und organisierten Trainingscamps in Herzogenaurach sei dennoch schwierig gewesen. "Wir haben Spielerinnen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gehabt und haben noch nicht alle bei 100 Prozent", erklärte die 54-Jährige: "Aber das wussten wir vorher und wir haben sowieso vor, mehr als drei Spiele zu machen. Wir sind der Überzeugung, dass wir gut geplant haben."

Marina Hegering: Ist sie bei der EM 2022 ein Schlüssel zum Erfolg?

Eine dieser Spielerinnen, bei der unklar ist, wie fit sie zum Turnierstart sein kann, ist Marina Hegering. Die Innenverteidigerin sagte im Gespräch mit unserer Redaktion zum Vorbereitungsstart auf die EM, dass es immer Ansichtssache sei, "wann und wie man 100 Prozent erreicht" habe. "Wenn man sich gut fühlt, ist man auch bereit dazu, über Grenzen zu gehen."

Gegen die Schweiz präsentierte sich die 32-Jährige in guter Form – zumindest angesichts der langen Verletzungshistorie. Sie ist wohl die wichtigste Spielerin im Defensivverbund, weil sie alles um sich herum zusammenhält. Sowohl im Aufbauspiel als auch gegen den Ball ist sie es, die Verantwortung übernimmt und ihre Mitspielerinnen anführt. Beim 7:0-Erfolg wurde das abermals deutlich.

Für Deutschland ging es gar nicht so sehr darum, vor dem Turnierstart auf hohem Niveau gefordert zu werden. Man habe sich aktiv dagegen entschieden, zwei oder drei Testspiele zu machen und stattdessen die Trainingszeit für Abläufe, Teambuilding und taktische Einheiten genutzt, erklärte die Bundestrainerin.

Einheiten, die dringend notwendig waren. Denn obwohl Deutschland die Europameisterschaft bereits achtmal gewinnen konnte, sind derzeit andere die Top-Favoritinnen auf den EM-Titel. Etwa die formstarken Schwedinnen, das dominante Spanien oder die Gastgeberinnen aus England.

DFB mit gutem Mix im Kader

Deutschland hat zwar einen guten Mix aus jungen Talenten und erfahrenen Spielerinnen im Kader. Doch das DFB-Team ist seit der Übernahme von Voss-Tecklenburg im Jahr 2018 immer auf der Suche. Nach einer stabilen Achse innerhalb des Teams, nach einer klaren fußballerischen Identität und somit vor allem nach sich selbst.

Das lag an Verletzungen, an der Corona-Pandemie, aber auch daran, dass die Bundestrainerin nie so richtig zufrieden zu sein schien. Erst jetzt ist zumindest intern ein gewisser Optimismus zu spüren. Inwiefern dieses Gefühl mehr ist als Zweckoptimismus, muss sich zeigen.

Viele Einblicke in ihre taktischen Gedanken ließ sich Voss-Tecklenburg zuletzt nicht entlocken – auch um den Gegnerinnen nicht zu viel zu verraten, wie sie erklärte. Man wolle aber dynamisch mit dem Ball agieren. "Wir sind alle aktiv, wir wollen uns viel zutrauen, wir wollen schnelles Kombinationsspiel haben, wir wollen die Tiefe bedrohen und wir wollen defensiv sehr aktiv sein", beschrieb sie ihre groben Ideen.

Bundestrainerin Voss-Tecklenburg hat viele Optionen

Es komme darauf an, flexibel und vor allem kreativ zu sein. Gilt die neue Lockerheit also auch für die taktische Marschroute? Sie glaube, dass sie "die eine oder andere unbewusst überfordert habe", sagte Voss-Tecklenburg selbstkritisch über ihren Umgang mit den Spielerinnen bei der WM 2019. Daran sei das Team "miteinander gewachsen".

Jetzt will sie es entspannter angehen lassen. "Kreativität" ist zu einem ihrer Lieblingswörter geworden. Mit Blick auf den Kader wird auch klar, warum das so ist. Im 4-3-3-System, das sie zuletzt häufig aufbot, starteten gegen die Schweiz Klara Bühl (links), Lea Schüller (zentral) und Svenja Huth (rechts) im Angriff. Es hätten auch Jule Brand, Tabea Waßmuth und Linda Dallmann starten können. Oder Nicole Anyomi, Alexandra Popp und Laura Freigang.

An Alternativen mangelt es nicht. Im Gegenteil: All diese Spielerinnen haben das Potenzial und die Qualität, auf höchstem Niveau zu bestehen. Vor allem aber bringen sie unterschiedliche Qualitäten und Stärken mit. Sydney Lohmann, Dallmann oder Freigang sorgen für Präsenz im Achter- und Zehnerraum sowie in den Halbräumen, Brand und Anyomi sind klassische Tempospielerinnen auf den Flügeln.

Auch im Sturmzentrum kann die Bundestrainerin zwischen klassischen Strafraumstürmerinnen wie Lea Schüller und Alexandra Popp und einer Tabea Waßmuth wählen, die häufig ausweicht und sich auch auf den Flügeln wohlfühlt.

Wie setzt die Bundestrainerin ihre Werkzeuge ein?

Insofern ist es nachvollziehbar, dass Voss-Tecklenburg hier auf Kreativität setzt. Gleichzeitig war sie immer bemüht darum, deutlich zu machen, dass ihr einstudierte Abläufe wichtig sind. Also doch keine ganz lockere Leine.

An Werkzeug wird es der Bundestrainerin jedenfalls nicht mangeln, wenn es darum geht, ganz unterschiedliche Gegnerinnen bei der Europameisterschaft zu knacken. Die Frage ist, wie sie es einsetzt.

Schon im ersten Gruppenspiel gegen Dänemark wird sich zeigen, wie weit das Team wirklich ist. In der jüngeren Vergangenheit hatte sich Deutschland zu oft darauf konzentriert, die ohnehin offensichtlichen Defensivschwächen durch eine zurückhaltende Ausrichtung auszugleichen – und sich so seiner Stärken in der Offensive teilweise beraubt.

Mittelfeld wird wohl entscheidend

Desto entscheidender wird das Mittelfeld sein, dem zwischen einem üppig besetzten Angriff und einer schwer einzuordnenden Defensive große Verantwortung zukommt. Dass dort mit Dzsenifer Marozsan und Melanie Leupolz zwei Schlüsselspielerinnen ausfallen, ist ein Problem. Beide waren in der Vergangenheit wichtige Führungsfiguren, die in schweren Spielphasen Verantwortung übernahmen.

Nun müssen Lina Magull und Sara Däbritz zeigen, dass sie ein Team ebenfalls anführen können. In ihren Klubs haben sie dahingehend schon Erfahrungen gesammelt, Magull führt den FC Bayern sogar als Kapitänin an.

Sportlich stehen ihre Qualitäten außer Frage. Die 20-jährige Lena Oberdorf hält als Taktgeberin, Spielgestalterin und Staubsauger vor der Viererkette den Rücken für Däbritz und Magull frei, die das Aufbauspiel schließlich mit der dynamischen Angriffsreihe verbinden sollen.

So zumindest stellt es sich Voss-Tecklenburg wohl vor. Gegen die Schweiz sah das im Kombinationsspiel mitunter gefällig aus. Die große Frage wird sein, ob es der DFB-Auswahl gelingt, das nun aufs höhere Niveau zu transferieren.

Was ist von Deutschland zu erwarten?

Im Idealfall nimmt die lange Suche nach sich selbst bei diesem so wichtigen Turnier in England ein Ende. Die Qualität unter den Teilnehmerinnen ist so hoch wie noch nie. Das erhöht einerseits das Risiko, dass die Deutschen früh ausscheiden. Auf der anderen Seite ist es eine große Chance, sich zu beweisen und mindestens das Halbfinale zu erreichen.

Die Qualität des Kaders ist in fast allen Bereichen enorm. Für Deutschland wird es darum gehen, die eigenen Stärken bestmöglich auf den Platz zu bringen – und die liegen klar im Spiel nach vorn. Dafür muss sich die Bundestrainerin nun als geschickte Puzzlerin beweisen und die einzelnen Kaderteile so miteinander verbinden, dass ein erfolgreiches Gesamtkunstwerk entsteht.

Ihre neue Lockerheit scheint dem Team jedenfalls zu helfen. "Wir haben den richtigen Weg zueinander gefunden", sagte etwa Kapitänin Popp in einer Medienrunde am Montag: "Wir haben es geschafft, näher zusammenzurücken." Der Optimismus ist da. Das Gefühl, vieles richtig gemacht zu haben, ebenfalls. Jetzt soll zum Auftakt gegen Dänemark die Gewissheit folgen.

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