Die Pleite des FC Bayern in London ist vor allem eine taktische Niederlage Pep Guardiolas gegen Arsené Wenger. Doch wie stach der Franzose den Katalanen aus? Was muss sich der Starcoach vorwerfen? Aus diesen Gründen sind die Bayern eben doch nicht unschlagbar.

Das vermeintlich Unmögliche trat ein. Pep Guardiola wirkte ratlos. "Wir hatten unsere Torchancen, wir haben dominiert, mehr kann ich nicht sagen", sagte der Starcoach nach dem 0:2 des FC Bayern beim FC Arsenal. "In der Champions League muss man in jeder Hinsicht perfekt sein. Heute waren wir das in manchen Punkten nicht."

Sprach’s, ließ aber offen, was er damit meinte. Konkreter wurde TV-Experte Lothar Matthäus: "Der Trainerfuchs Arsené Wenger hat zugeschlagen. Er hat Bayern spielen lassen. Die Taktik von Wenger schlägt Guardiolas Taktik. Damit hat Guardiola nicht gerechnet, vor allem nicht in dieser Form", sagte der Weltmeister bei "Sky". Arsenal habe defensiver gespielt als sonst, meinte Matthäus. "Bayern dagegen hat kein Konzept gefunden. Der Ball wurde nur vom einen zum anderen geschoben." Auf den Punkt gebracht: die Münchner hatten im Emirates Stadium offenbar keinen Plan B. Wieso? Weshalb? Warum? Können die Bayern ihr Spiel nicht anpassen? Welche Schlüsse bietet die Niederlage?

Bayern-DNA funktioniert nicht

Der Sieg der Londoner war in der Tat ein Erfolg Wengers über Guardiola. Der Franzose ließ seine Mannschaft extrem tief in zwei dicht gestaffelten Viererketten stehen. Die Eigeninitiative beschränkte sich offensiv fast ausschließlich auf Konter. Zusätzlich verschob das Mittelfeld in diesen Ketten laufintensiv. Eine weitere Maßnahme: Francis Coquelin und Santi Cazorla gingen aus der Zentrale immer wieder nach Außen, um dort die extrem defensiv eingestellten Außenverteidiger zu unterstützen.

Umgekehrt halfen die Außenverteidiger dabei, die Mitte zuzumachen. Das Ergebnis: Die gefürchteten Diagonalbälle auf Douglas Costa hatten keinerlei Wirkung. Der Brasilianer vermochte trotz des viel langsameren Gegenspielers Hector Bellerin nicht an die Grundlinie vorzustoßen und seine gefährlichen Querpässe vor den Fünfmeterraum auf Robert Lewandowski und Thomas Müller zu schlagen. Es ist eine Angriffsvariante, die in dieser Saison wegen der Qualitäten Costas unwiderruflich Teil der Bayern-DNA wurde.

Guardiola reagierte nicht

Warum aber stellte Guardiola nicht um? Xabi Alonso und Philipp Lahm schlugen munter Diagonalbälle auf den 25-Jährigen. Durch das Zusammenwirken zwischen offensiven Halbpositionen und defensiven Außenspielern verhinderte Arsenal jedoch selbst ein vernünftiges Hinterlaufen von Juan Bernat. Die Passivität des Spaniers und wenig zielführende Alleingänge Costas in den Sechzehner verdeutlichten eines: Wie sehr Arjen Robben und Franck Ribéry gegen die Topteams Europas fehlen.

Es mangelte an Präzision, Entschlossenheit, gepaart mit Zielstrebigkeit und Cleverness. Eine Kombination, auf die Robben und Ribéry ein Patent beantragen könnten. Gefährlich wurde es fast ausschließlich, wenn Thiago, unterstützt von Passmaschine Arturo Vidal (Passquote 94 Prozent!), versuchte, über die Mitte durchzubrechen. Das Ergebnis: In der Zentrale war Xabi Alonso auf sich alleine gestellt.

Alonso ist zu langsam

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der 33-jährige Spanier zu langsam ist, um alleine Räume zu schließen und Konter zu unterbinden. Arsenals Regisseur Cazorla nutzte das geschickt aus, setzte wiederholt Tempodribbler Alexis Sanchez und den schnellen Theo Walcott in Szene.

Da Jerome Boateng seinen Job als Abwehrchef oft in der Hälfte der Londoner interpretierte, waren die Bayern völlig blank für Gegenstöße. Linksaußen war David Alaba derweil mit unendlichen Passstafetten und Ballbesitzphasen beschäftigt, so dass er Walcott leichtsinnig gewähren ließ. Doch Guardiola reagierte nicht. Was aber helfen dem Katalanen 70:30 Prozent Ballbesitz, wenn ein Chancen-Plus für den Gegner (acht zu sechs Torschüsse) bleibt?

Sturheit Guardiolas ist Schuld an der Pleite

Die taktische Sturheit des Katalanen ist neben dem Fehlen der Flügelzange "Robbery" die maßgebliche Ursache für die Pleite bei Arsenal. Trainer antworten auf die Frage, wie sie dem Gegner beikommen wollen, oft mit: Wir versuchen ihm unser Spiel aufzuzwingen. Diese Eigenschaft hat der Bayern-Coach quasi gepachtet. Meist mit Erfolg, gegen die Elite Europas aber eben nicht immer. Es ist die große Gefahr seines Selbstverständnisses.

Das 1:3 im Viertelfinal-Hinspiel der Königsklasse beim FC Porto in der vergangenen Saison war ein Beleg dafür. Und auch die Halbfinal-Pleiten gegen Real Madrid (2013/14) und den FC Barcelona (2014/15). Ein logischer Schluss wäre gewesen, umzustellen, selbst tief zu stehen, Arsenal kommen zu lassen, die Londoner dazu anzustiften, die Initiative zu übernehmen. Es wirkt aber, als ob die Bayern bei all ihrem Dominanzstreben dazu nicht bereit sind. Die Niederlage in London strafte dieses Verständnis ab. Guardiola dürfte dies nachhaltig zu denken geben.