Die Niederlage gegen Paris St. Germain hat die Probleme des FC Bayern schonungslos offen gelegt. Vor allem ein statistischer Wert zeigt die ganze Hilflosigkeit der Münchner.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

Der FC Bayern ließ sich am Mittwochabend in der Champions League von Paris Saint Germain vorführen. Mit 0:3 verlor der Rekordmeister gegen das Star-Ensemble aus Paris, das sich dabei noch nicht einmal völlig verausgaben musste. Der Abstand zur europäischen Spitze scheint im Moment riesig. Weder individuell noch taktisch sind die Münchner derzeit einem Team wie Paris gewachsen.

Bayern-Coach Carlo Ancelotti die Formation und setzte auf ein 4-3-3 ohne echten Flügelstürmer. Die Idee war gar nicht mal schlecht. Thomas Müller und James Rodriguez sollten immer wieder in die Mitte ziehen und dort Überzahl in Strafraumnähe herstellen.

Gleichzeitig wurde so auf dem Flügel Platz geschaffen für die sehr offensiv ausgerichteten Außenverteidiger David Alaba und Joshua Kimmich, die gegen die defensiv manchmal lauffaulen Neymar und Kylian Mbappé in der Tat große Freiräume bekamen.

FCB agiert erschreckend hilflos

Immer wieder wanderte der Ball auf die Außenposition. Und dann? Es war erschreckend, wie hilflos die Münchner ab dann agierten. Schon lang wird in München darüber gesprochen, dass Carlo Ancelotti im Training zu lasch und zu wenig detailorientiert arbeitet.

"Wie soll ein Spieler Automatismen entwickeln, wenn er nicht die Situationen trainiert, die er im Spiel immer wieder vorfindet?", sagte mir mal einer, der Ancelottis tägliche Arbeit an der Säbener Straße hautnah verfolgt.


In der Tat: Egal, wer gegen Paris auf der Außenbahn freigespielt wurde - ob Kimmich, James, Müller, Alaba oder später Robben oder Coman -, alle schlugen den Ball regelmäßig aus weiter Entfernung in den Strafraum.

53 (!!!) Flanken waren es am Ende. Davon 35 aus dem Spiel heraus und 25 von außerhalb des Strafraums.

Kimmich schlug 20, James 9 (in 45 Minuten), Alaba 5. Nur von Süle und Tolisso kamen keine.

Von zwei Szenen abgesehen, entstand durch all die Hereingaben keine Torgefahr. Im Gegenteil. Weil auch das Gegenpressing bei abgewehrten Flanken nicht griff, wurden reihenweise gute Feldpositionen einfach verschenkt.

Die Anzahl der Flanken ist zu hoch

Dieses Problem ist nicht neu. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Qualität des Münchner Spiels häufig schon allein an der Anzahl der Flanken zu erkennen ist.

Bei der 0:2-Niederlage gegen Hoffenheim waren es 44. Beim spielerisch schwachen Sieg gegen Anderlecht 33. Bei den überzeugenden Siegen gegen Mainz und Schalke nur um die 20. Die Ecken rausgerechnet sogar deutlich drunter.

Natürlich ist es schwer, gegen eine dicht gestaffelte Defensive am Sechzehner durchzubrechen. Und natürlich kann eine Flanke auch ein legitimes Stilmittel sein. Vor allem von der Grundlinie aus. Aber doch bitte so gut wie nie aus dem Halbfeld. Und schon gar nicht bei personeller Unterlegenheit im gegnerischen Strafraum.

Unter Ancelotti regiert die Planlosigkeit

In den besten Phasen der Guardiola-Ära brannte der FC Bayern ein variables Offensivfeuerwerk ab. Vorderlaufen, Hinterlaufen, Dribblings, flache Hereingaben, hohe Hereingaben, Chips in den Rücken der Abwehr, Doppelpässe mit einem Wandspieler im Sturmzentrum.

Der Katalane gab seinen Spielern unterschiedlichste Lauf-und Passwege in den Strafraum an die Hand. Das ist für einen Bayern-Trainer, der häufig gegen tiefstehende Gegner agiert, so etwas wie die Königsaufgabe.

Unter Ancelotti regiert dagegen seit längerem eine gewisse Hilf- und Planlosigkeit in Strafraumnähe. Wenn dann auch noch Probleme im defensiven Umschaltspiel hinzukommen wie gegen Paris, wirkt der FC Bayern so weit von der europäischen Spitze entfernt wie seit Jahren nicht mehr.

Ancelotti sollte das sehr ernst nehmen und gemeinsam mit Co-Trainer Willy Sagnol endlich gegensteuern. Ansonsten wird es sehr schnell sehr brenzlig für den Italiener.