Die Euphorie beim FC Bayern kommt zu früh. Erst in drei Wochen ist klar, wo die Mannschaft steht.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

Zwei Spiele. Acht zu null Tore. Zwei souveräne Siege. Viel besser hätte der Neustart unter Jupp Heynckes beim FC Bayern wohl nicht laufen können.

Und es sind gewiss nicht nur die reinen Ergebnisse, die die Stimmung rund um den Rekordmeister innerhalb von wenigen Tagen um 180 Grad gedreht haben. Die Münchner wirken befreit. Und hungrig.

Spieler sind froh über intensiveres Training

Heynckes und sein Team arbeiten intensiv im Training. Positionsspiel, Beweglichkeit, Pressing. Heynckes hat die Zügel im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich angezogen und sein Team scheint es zu genießen.

Schon gegen Freiburg war zu erkennen, wie sehr die Mannschaft bemüht war, den Ball nach Ballverlust schnell zurückzuerobern. Dieses Gegenpressing, das Heynckes in seiner Triple-Saison und später auch Guardiola zu einem Wesenszug des Bayern-Spiels machten, war unter Ancelotti vernachlässigt worden.

Dabei kann ein gut ausgeführtes Pressing viele Dinge im Offensivspiel erleichtern, weil ein hoher Ballgewinn Räume öffnet und den Weg zum gegnerischen Tor deutlich verkürzt.

Der Italiener hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass es ihm wichtiger sei, sich nach Ballverlust zurückzuziehen. Trotzdem war immer wieder zu erkennen, wie Müller oder Lewandowski in vorderster Reihe bemüht waren, die schnelle Balleroberung zu provozieren.

Wenn dabei aber nicht alle mitmachten, entstanden Lücken, die zum Beispiel Paris Saint Germain schonungslos offen legte. Gegen Freiburg und auch gegen Celtic Glasgow war das besser. Ein Verdienst von Heynckes und seinem Co-Trainer Peter Hermann.

Heynckes streichelt seine Stars

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Ruhe und Klarheit Heynckes von der ersten Minute seines Comebacks an agiert. Würde man es nicht besser wissen, könnte man meinen, er hätte sich seit Wochen darauf vorbereitet. Er benennt die Schwachstellen und Defizite, streichelt die Seele seiner Stars und arbeitet mit den jungen Spielern an Details. "Ich habe Kingsley gesagt, er muss Tempo rausnehmen, bevor er flankt und den Kopf hochnehmen", sagte Heynckes über Flügelstürmer Coman, der durch Ribérys Verletzung eine riesige Bewährungschance bekommen hat.

In den ersten beiden Spielen unter Heynckes war der junge Franzose an mehr Toren beteiligt als in der gesamten bisherigen Saison zusammen (3). Nicht nur er, sondern auch Thomas Müller wirkt unter Heynckes wie ausgewechselt.

Und doch kommt die Euphorie, die sich nun breit macht, etwas zu früh. Mit Verlaub: Zwei Heimspiele gegen deutlich unterlegene Mannschaften wie Freiburg oder Glasgow können noch keine Trendwende sein. Die ganz großen Aufgaben stehen unmittelbar bevor.

Knallerduelle in der Liga und im Pokal

Innerhalb der kommenden drei Wochen spielen die Münchner fünf Mal. Darunter die Duelle gegen Dortmund und Leipzig (Pokal und Liga). Erst danach wird es ein verlässliches Bild über die Leistungsfähigkeit der Mannschaft geben.

Mannschaft und Umfeld sollten sich an die Schlagzeilen nach dem Start von Carlo Ancelotti im Sommer 2016 erinnern. Nach einem 6:0 zum Auftakt gegen Werder sahen die Kommentatoren den FC Bayern "von Guardiolas Fesseln befreit" und prophezeiten Großes.

Dabei ist es nur logisch, dass eine Mannschaft nach einem Trainerwechsel in einer ersten Reaktion mit mehr Zug, mehr Laufbereitschaft, mehr Fokus agiert. Das ist aktuell sicher auch unter Heynckes so.

Doch selbst die klaren Siege gegen Freiburg und Celtic offenbarten noch Defizite. Immer noch wurde zu früh auf eine meist wenig effektive Flanke in den Strafraum gesetzt. Beiden Gegnern wurden zudem wenige, aber doch hochkarätige Chancen ermöglicht.

Dass Heynckes dies selbst offen und öffentlich ansprach, ist ein gutes Zeichen. Er spürt, dass die Mannschaft aktuell Antrieb und Führung braucht. Gerade jetzt. Denn die echten Aufgaben stehen nun erst bevor.