Wegen seiner Elfmeterentscheidung für Real Madrid in letzter Sekunde wird der englische Schiedsrichter von Juventus Turin heftig kritisiert. Auch viele andere empfinden sie als ungerecht. Dabei war es nicht der Referee, sondern ein Juve-Spieler, der den Traum vom Halbfinale in der Champions League zerstörte.

Alex Feuerherdt
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Der Schlusspfiff im Madrider Bernabeu-Stadion lag schon eine Weile zurück, doch Gianluigi Buffon hatte sich noch längst nicht beruhigt. "Ein guter Schiedsrichter zerstört in diesem Moment nicht den Traum einer Mannschaft, die 90 Minuten alles gibt", sagte der Torhüter von Juventus Turin dem "Kicker" zufolge im Interview des italienischen Fernsehsenders Premium Sport.

Ein Unparteiischer, der in einer solchen Situation auf Elfmeter entscheide, müsse ein Mensch mit einer "Mülltonne als Herz" sein. "Wenn du nicht den Charakter und die Persönlichkeit hast, um auf diesem Level zu bestehen und dem Druck standzuhalten, dann geh auf die Tribüne mit deiner Familie, kaufe Chips und genieße die Show", erregte sich Buffon.

Was den 40-Jährigen nach dem mutmaßlich letzten Champions-League-Spiel seiner langen Karriere so in Rage versetzt hatte, war der Entschluss des englischen Referees Michael Oliver, im Viertelfinal-Rückspiel zwischen Real Madrid und Juve nach 93 Minuten einen Strafstoß für die Gastgeber zu verhängen.

Zu diesem Zeitpunkt stand es gänzlich unerwartet 3:0 für die Italiener, die damit das 0:3 aus dem Hinspiel in Turin egalisiert hatten. Es waren nur noch wenige Sekunden zu spielen, alles rechnete bereits mit einer Verlängerung. Da bemühten sich die Gastgeber ein letztes Mal, doch noch in der regulären Spielzeit ein Tor zu erzielen und so den stark gefährdeten Einzug ins Halbfinale zu besiegeln.

Stoß in den Rücken, Tritt gegen die Brust

Toni Kroos flankte den Ball in den Strafraum, Cristiano Ronaldo setzte sich im Luftkampf gegen Alex Sandro durch und köpfte die Kugel an die Grenze des Fünfmeterraums. Dort war Lucas Vazquez seinem Gegenspieler Medhi Benatia entwischt und befand sich nun einschussbereit vor Buffon, der auf seiner Torlinie stand.

Benatia bemühte sich daraufhin zu retten, was kaum noch zu retten war. Weil er hinter Vazquez und damit in einer ungünstigen Position war, musste er dazu allerdings ein großes Risiko eingehen: Der frühere Bayern-Verteidiger versetzte Vazquez mit den Armen einen leichten Stoß in den Rücken und versuchte dann, den Ball zu spielen, der sich vor der Brust des Spaniers befand.

Die Kugel berührte er dabei allenfalls minimal, dafür traf er Vazquez, der durch den Schubser bereits etwas aus dem Gleichgewicht geraten war, zusätzlich mit dem Knie am Oberarm und mit dem Fuß am Brustkorb. Dadurch konnte der Stürmer den Ball nicht mehr aufs Tor bringen. Er fiel – und Schiedsrichter Michael Oliver zögerte nicht mit dem Elfmeterpfiff.

Rot für Buffon war folgerichtig

Sofort wurde der Referee von Turiner Spielern umringt und verbal attackiert. Das bleibt in einer solch entscheidenden Situation nicht aus. Gianluigi Buffon aber übertrieb es deutlich: Er schrie den Unparteiischen nicht nur an, sondern rückte ihm auch körperlich zuleibe, brachte ihn fast ins Straucheln.

Das kann sich ein Schiedsrichter nicht gefallen lassen, auch nicht nach einer potenziell folgenreichen Entscheidung in einem dramatischen Moment. Dass er mit einer Roten Karte die internationale Laufbahn eines verdienten Spielers beendet, darf ebenfalls keine Rolle spielen. Der Platzverweis für Buffon war folgerichtig und unausweichlich.

Man mag es für ungerecht und tragisch halten, dass Juventus durch den Elfmeter, den Ronaldo atemberaubend nervenstark verwandelte, um die Verlängerung und eine mögliche Sensation gebracht wurde. Aber wäre es gerechter gewesen, einen Körpereinsatz, mit der ein frei vor dem Tor stehender Spieler keineswegs sauber vom Ball getrennt wurde, ungeahndet zu lassen?

Den Traum hat Benatia zerstört, nicht der Referee

Der "Traum einer Mannschaft, die 90 Minuten alles gibt", wie Buffon es formuliert hat, wurde nicht von Oliver zerstört, sondern von Benatia. Er hatte seinen Gegenspieler aus den Augen verloren, war schlecht positioniert und dadurch nicht mehr in der Lage, den Torschuss mit fairen Mitteln zu verhindern. Vazquez wiederum hätte die klare Chance gewiss gerne genutzt.

Benatia hatte sogar noch Glück, nicht ebenfalls des Feldes verwiesen worden zu sein. Denn für eine "Notbremse", bei der ein Spieler versucht hat, den Ball zu spielen, ist eine Gelbe Karte fällig – und da der Marokkaner bereits verwarnt war, hätte er eigentlich die Gelb-Rote Karte sehen müssen. Darauf verzichtete der Referee jedoch – vermutlich, weil die Situation sonst völlig eskaliert wäre.

Zum Los der Unparteiischen gehört es, dass sie es nie allen recht machen können. Hätte Michael Oliver den Elfmeter nicht gegeben und wäre Real später ausgeschieden, dann wäre er von den Gastgebern verbal in der Luft zerrissen worden. So widerfuhr ihm dies vonseiten der Gäste. Dabei gab es, und das ist wesentlich, für seine Entscheidung gute Gründe.