Auf dem Feld zerstören sie, auf der Trainerbank schlagen und drohen sie - zumindest hin und wieder. Atlético Madrid ist der vielleicht unangenehmste Gegner im europäischen Fußball. Bayer Leverkusen steht heute Abend in der Champions League eine Mammut-Aufgabe bevor.

Bayer 04 Leverkusen möchte erstmals seit 2002 wieder in das Viertelfinale der Champions League einziehen. Doch Achtelfinal-Gegner Atlético Madrid (20:45 Uhr LIVE bei Sky und bei uns im Ticker) ist ein schweres Los.

Bereits vor zwei Jahren scheiterte Leverkusen im Achtelfinale an den Spaniern. Damit sind sie in guter Gesellschaft. Atlético Madrid ist für deutsche Vereine der neue Angstgegner Nummer eins.

Vergangene Saison unterlag der FC Bayern München im Halbfinale Atlético, landete nun auch in der Gruppenphase hinter den "Matratzenmachern" (so der Spitzname).

2012 war es Hannover 96, das in der Europa League sensationell das Viertelfinale erreichte, dann aber gegen die Madrilenen scheiterte.

Dabei zählt Atlético nicht zu den Schwergewichten des europäischen Fußballs. 2015 betrug der Umsatz 187,1 Millionen Euro. Stadtnachbar Real Madrid (577 Mio.), der FC Barcelona (560,8 Mio.) oder auch der FC Bayern München (474 Mio.) schweben in ganz anderen Sphären.

Im Kader von Atlético sind keine Mega-Stars der Größenordnung Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Zlatan Ibrahimović zu finden. Das würde zu dem Arbeiterverein auch gar nicht passen.

Atlético Madrid: nicht schön, aber erfolgreich

Der Franzose Antoine Griezmann ist der einzige richtig große Name. Falls es jemand vergessen hat: Griezmann war der kleine quirlige Stürmer, der Deutschland bei der EM 2016 mit einem Doppelpack aus dem Turnier kegelte.

Atlético Madrid spielt keinen Zauberfußball. Ihr Ziel ist es hauptsächlich, das Spiel des Gegners zu zerstören. Das Motto lautet: verteidigen, verteidigen, verteidigen - und am Ende vielleicht noch ein wenig Fußball spielen. Das ist nicht schön, aber erfolgreich.

Ex-Leverkusen-Profi Simon Rolfes hat vor zwei Jahren gegen Atlético gespielt und beschreibt im "kicker" die Herausforderung: "Die größte Gefahr ist, sich von Atléticos körperlicher Präsenz beeindrucken zu lassen. Da wird um jeden Zentimeter gekämpft. Da wirst du Fehlpässe spielen, weil du einfach nicht genug Zeit hast."

Diego Simeone: schillernde Figur auf der Trainerbank

Trainer Diego Simeone ist das Gesicht des Erfolges - und gleichzeitig einer der umstrittensten Fußball-Persönlichkeiten unserer Zeit. Auf Fairness legt der Argentinier wenig Wert. Er tut an der Seitenlinie alles, um seiner Mannschaft irgendwie einen Vorteil zu verschaffen.

Vergangene Saison soll er beispielsweise einen zweiten Ball auf das Spielfeld geworfen haben, um einen Angriff des Gegners zu unterbinden.

Wehe aber, seine eigene Mannschaft wird auch nur ansatzweise benachteiligt. Dann dreht der Ex-Nationalspieler richtig auf, gibt dem Vierten Offiziellen auch schon einmal zwei Backpfeifen.

Wird er dann auf die Tribüne geschickt, gibt er von dort aus weiter Anweisungen an seine Mannschaft. Dass das verboten ist, juckt ihn wenig.

Auch Co-Trainer German Burgos macht an der Seitenlinie gerne Randale. Aufgrund seines gewalttätigen Aussehens wird er als der "Affe" bezeichnet.

Leverkusen-Trainer Roger Schmidt geriet mit ihm 2015 aneinander. "Der Betreuer wird immer als eine Art Türsteher vorgeschickt und provoziert Gelbe Karten", sagte Schmidt danach bei Sky.

Dabei hat Schmidt den "Türsteher" noch nicht einmal in Höchstform erlebt. Laut Medienberichten hat Burgos Trainer-Kollege José Mourinho sogar einmal gedroht, ihm den Kopf abzureißen.

Atlético in erster Schaffenskrise seit langer Zeit

Gut möglich, dass auch am heutigen Abend die Emotionen hochkochen. Atlético erlebt erstmals unter Simeone eine kleine Krise. Nur drei der vergangenen acht Pflichtspiele wurden gewonnen.

Simeone denkt offenbar über einen Vereinswechsel nach. Sein Vertrag lief eigentlich noch bis 2020, wurde aber bis 2018 verkürzt. Ein einmaliger Vorgang im europäischen Spitzenfußball.

Ottmar Hitzfeld sieht die Leverkusener daher nicht chancenlos: "Atlético ist nicht mehr so stabil wie in den letzten Jahren", sagt die Trainer-Legende im Gespräch mit Eurosport.

Die beiden Final-Niederlagen in der Champions League gegen Stadtnachbar Real haben seiner Einschätzung nach Kraft gekostet.

Hitzfeld führt fort: "Kapitän Gabi hat kürzlich auch zum Ausdruck gebracht, dass die Mannschaft verunsichert ist, mental ein bisschen ausgelaugt - die ideale Gelegenheit für Leverkusen, gegen Atlético für eine Überraschung zu sorgen."

Irgendwann muss der Atlético-Fluch schließlich enden.