Krisenstimmung in Bremen: Trainer Florian Kohfeldt steht mit seiner Mannschaft Werder Bremen auf Platz 17 der Bundesliga und steckt somit im Abstiegskampf. Betrachtet man den Marktwert des Kaders und die Hoffnungen, die auf dem jungen Cheftrainer liegen, müsste da eigentlich mehr drin sein.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Es gibt eine relativ einfache Möglichkeit, die Arbeit eines Trainers zu bewerten: Man schaut sich die Bundesliga-Rangliste der Spielerkader-Marktwerte an und achtet auf Unterschiede zur aktuellen Bundesliga-Tabelle. Meistens gibt es keine. Kleiner Beweis gefällig? FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer 04 Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 sind die sechs Klubs mit den teuersten Kadern, und genau diese sechs Klubs belegen aktuell in fast identischer Reihenfolge auch die ersten sechs Plätze.

Bei Werder Bremen brennt es am stärksten

Fehlendes Vertrauen: Nach nur elf Wochen schmeißt der Trainer hin - per Facebook-Post.

Große Abweichungen sind entweder wunderbar oder eben alarmierend, aber immer selten. Und diese Saison ist das auch so. Die momentan zwei großen Abweichler heißen Hertha BSC mit Alexander Nouri – und Werder Bremen mit Florian Kohfeldt. Und hier brennt es auch am stärksten.

Für einen Trainer ist die Rangliste gefährlich. Sie deckt Schwächen auf. Er weiß: Wenn deine Spieler einen Haufen Geld wert sind, aber keine Leistung bringen, liegt es ziemlich wahrscheinlich an dir selbst.

Bremen zeigt in dieser Saison keine Leistung. Der Klub weist die zweitgrößte Abweichung aller 18 Klubs auf. Hat den elftteuersten Kader der Liga, steckt aber mitten im Abstiegskampf – Platz 17. Da muss die Frage nach den Krisenmanagement-Fähigkeiten von Trainer Kohfeldt schon erlaubt sein.

Werder Bremen: Die fünfte Heimniederlage in Folge

Natürlich ist es schön, dass sich Bremens Manager Frank Baumann nach dem 0:2 gegen Union Berlin vor seinen Trainer und gegen die Spieler stellt. Wie wahrscheinlich ist es aber, dass momentan rund 20 Profis gleichzeitig eine scheinbar unheilbare Fußballerkrankheit befallen hat? Gering.

In Bremen hat momentan kaum jemand den Eindruck, dass es Anzeichen für Aufschwung gibt. Gegen Union Berlin setzte es die fünfte Bundesliga-Heimniederlage in Folge. Und Kohfeldt? Wirkte vollkommen ratlos. Er musste sogar schlechte Bauchgefühle vor dem Spiel im Bus beschwören.

Auf dem Platz klappe mit Ausnahme des Pokalsieges gegen Dortmund "schon länger nichts mehr", schrieb der "Weser-Kurier" und konstatierte "Einfallslosigkeit", "statisches Spiel" und "Langsamkeit, die alle Bereiche nach und nach befallen hat". Das klingt nicht nach einem Trainer, der eine kriselnde Mannschaft mitreißen kann oder zumindest Herr der Lage ist. Zumal jetzt auch noch schwere Brocken im Weg liegen. Die drei nächsten Gegner in der Bundesliga heißen: RB Leipzig, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt.

Wird aus einem Florian Kohfeldt noch ein Otto Rehhagel?

Und da stellt sich die logische Frage: Soll Kohfeldt bleiben – oder lieber nicht? Hochgelobt wurde er in den vergangenen beiden Jahren, ein bisschen Otto Rehhagel könne in ihm stecken, hieß es, und das ganze sogar in deutlich kommunikativer. Mit Rehhagel gewann Bremen drei Meisterschaften, zweimal den DFB-Pokal und einmal den Europapokal der Pokalsieger.

Die Frage ist aber auch: Steckt vielleicht eher ein Alexander Nouri in Kohfeldt? Sein Vorgänger hatte nämlich ebenfalls eine gute Zeit in Bremen, blieb zwischendurch sogar elf Pflichtspiele in Folge ohne Niederlage – bis der komplette Strömungsabriss kam, den er nicht beheben konnte.

Nouri arbeitete zuletzt in Berlin Ex-Cheftrainer Jürgen Klinsmann (der am 11. Februar überraschend seinen Rücktritt erklärte, Anm. d. Red.) zu, ein Konstrukt wie einst im Nationalteam mit Joachim Löw und Klinsmann. Und ausgerechnet Hertha BSC ist der Klub, dessen Kader-Marktwert noch weiter vom Tabellenplatz abweicht als bei den Bremern: Nouri verfügt über das siebtwertvollste Team der Liga, steht aber nur auf Platz 14.

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