Mit der Einführung des Videobeweises teilen die Fußballverantwortlichen den Fans in den Stadien vor allem eins mit: Ihr seid uns völlig egal! Das hat das Jahr 2017 deutlich gezeigt.

Sabrina Schäfer
Ein Kommentar
von Sabrina Schäfer, Redakteurin Sport und stellvertr. CvD

Das Jahr 2017 war in vielerlei Hinsicht problematisch. Die Welt muss sich mit einem US-Präsidenten Donald Trump herumschlagen, Nordkorea probt den Atom-Krieg, deutsche Politiker können sich nicht auf eine Regierungskonstellation einigen, Malcolm Young, Chester Bennington, Helmut Kohl und viele andere sind von uns gegangen.

In Krisenzeiten wie diesen war der Fußball eigentlich immer eine schöne Konstante. Eine Flucht aus dem Alltag, die Möglichkeit dem realen Irrsinn zu entfliehen und sich ganz dieser Parallelwelt aus Jubel, Enttäuschung, tiefer Trauer und purer Euphorie hinzugeben. Und das ging lange Zeit besonders gut im Stadion.

Seit dieser Saison hat sich das jedoch geändert, und das haben wir dem größten Fußball-Ärgernis 2017 zu verdanken: dem Videobeweis.

29 Fehlentscheidungen weniger

Selten hat eine Regeländerung den Fans in den Stadien dermaßen deutlich signalisiert: Ihr seid uns völlig egal!

Schaut man sich die nackten Zahlen an, wird sich der DFB sicherlich auf die Schulter klopfen: 29 Fehlentscheidungen weniger als in den letzten fünf Hinrunden. Das ist doch spitze.

Und ginge es im Fußball nur darum, möglichst wenige Fehler von Schiedsrichterseite zu fabrizieren, dann wäre das auch wirklich spitze - oder zumindest okay. Aber so ist es nicht.

Um hier mal eine Binsenweisheit zu bemühen: Der Fußball lebt von Emotionen. Und zwar vor allem von den Emotionen im Stadion, die sich auch auf die Zuschauer vor den Fernsehgeräten übertragen. Jeder, der schon mal ein Geisterspiel im Fernsehen in all seiner dröhnenden Stille verfolgt hat, weiß, wovon die Rede ist.

Die Emotionen sind weg

Doch genau diese Emotionen - der ohrenbetäubende Jubel nach einem Tor, der entsetzte Aufschrei nach einer Roten Karte, das Stöhnen nach einer Elfmeterentscheidung - werden dank Videobeweis beschnitten.

Wer mit Leuten spricht, die regelmäßig ins Stadion gehen, wird mit größtmöglichem Frust konfrontiert. "Man traut sich ja nicht mal mehr, über ein Tor zu jubeln", ist ein Satz der regelmäßig fällt.

Zu groß ist inzwischen das Frustpotenzial, dass im Vorfeld des Treffers irgendwo am Mittelkreis vielleicht doch ein Spieler den Ball mit der Hand berührt oder sich auf der Schulter des Gegners aufgestützt hat. Zu groß die Sorge, dass sich der Schiedsrichter ans Ohr greift, dann zum Spielfeldrand läuft, sich sekundenlang die Szene auf dem Bildschirm anschaut und schließlich den Treffer zurücknimmt.

Und selbst wenn der Offizielle das Tor zulässt, das emotionale Momentum ist erst einmal dahin.

Aber hey, es soll ja jetzt alles besser werden. Wie die "Sport Bild" berichtet, plant die FIFA eine bahnbrechende Verbesserung des Videobeweises für die WM 2018.

Angeblich soll ein SMS-Informationssystem eingeführt werden. Dazu soll der Assistenz des Video-Schiedsrichters die Beweggründe für eine Entscheidung per SMS an TV-Kommentatoren und Stadionsprecher schicken, damit diese die Fans sofort in ihrem Kommentar bzw. über die Lautsprecher informieren können. Ist das nicht toll?

In diesem Sinne:


Stille Nacht, Heilige Nacht,

alles schläft, einsam wacht,

nur der Fan nach dem Videobeweis

denket sich heimlich, "Was soll denn der Scheiß?"

Schafft das Ding wieder ab!

Schafft das Ding wieder ab!