Seine Titelverteidigung nimmt der Hamburger SV sehr ernst. Noch bevor die 2. Liga Fahrt aufgenommen hat, sammelten angebliche HSV-Fans in einer Meisterschaft, die perverser kaum sein kann, die ersten Punkte. Die blauen Rauchschwaden, die der HSV-Anhang beim DFB-Pokalspiel in Chemnitz auf die Reise geschickt hat, werden ein juristisches Nachspiel haben. Der Verband, so viel ist sicher, wird eine Geldstrafe für die Pyrotechnik verhängen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Der Strafenkatalog maßregelt jede einzelne Fackel: 1.000 Euro in der Bundesliga, 600 Euro in der 2. Liga und 350 Euro in der 3. Liga. Dass die Vereinsspitze jeden Euro doppelt umdrehen muss, kümmert diese HSV-Fans wenig. 294.150 Euro an Geldstrafen sollte der Hamburger SV vorige Saison berappen, wie aus DFB-Unterlagen hervorgeht, die Fever Pit’ch vorliegen. Kein Erstligist bekam 2018/19 mehr Geldstrafen aufgebrummt.

Auf der Website "Fussballmafia.de" lassen sich die Möchtegern-Pyrotechniker aus dem Norden als "Randalemeister" feiern. Es ist wirklich pervers: Pyrotechnik, Fahnenklau, Kassenstürme, Wurfgeschosse, Prügeleien - im Detail wird jedes Vergehen im Stadion mitsamt Geldstrafe protokolliert, um die finanziellen Schäden, die von den sogenannten Fußballfans verursacht werden, in einer Tabelle einzusortieren.

Geldstrafen von fast drei Millionen Euro

Dadurch entsteht ein Wettbewerb, wer seinem eigenen Verein am meisten schadet. Laut DFB-Sündenregister wurden vorige Saison Geldstrafen von fast drei Millionen Euro verhängt, exakt 2,84 Mio. Euro. So viele wie noch nie. Der schlimmste Bundesligist: Borussia Dortmund mit einer Viertelmillion Euro, gefolgt von Bayern München (218.400 Euro) und Fortuna Düsseldorf (174.125 Euro).

Am meisten Geld musste in Summe der HSV in der letzten Saison für Vergehen der Fans zahlen.

Die Fan-Website macht sich einen Spaß daraus, jeden einzelnen Euro auszurechnen, was an Schäden zu beziffern ist. Zum Beispiel 8.000 Euro für ein großes Schmähbanner. Oder 3.000 Euro für einen Platzsturm. Nach diesen Angaben entstand den Vereinen seit der Saison 2010/11 bei 1.908 Vorfällen ein Gesamtschaden von 17.332.560 Euro. Der schlimmste Klub in dieser Zeit: Eintracht Frankfurt mit 1,3 Mio. Euro Schaden in 68 Vorfällen.

Die betroffenen Vereine können das Geld nicht an passender Stelle ausgeben. Zum Beispiel in der Nachwuchsarbeit oder für die Bezuschussung von Fanprojekten. Kümmert Fans, die Pyro zünden, wenig: Die professionell gestaltete Website gibt ihnen praktische Tipps, wo die Pyrotechnik günstig zu erwerben ist. Ein User kommentiert: "In den Farben getrennt und in der Sache vereint." Es ist niemand da, der diesen Wahnsinn stoppt. Nicht mal die Polizei.

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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Wann immer der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit Fanvertretern aus der sogenannten Ultra-Szene ins Gespräch kam, und das passierte selten genug, erreichte der ambitionierte Gedankenaustausch irgendwann den Punkt der Sprachlosigkeit. Die Vorbehalte sind ausgeprägt.

Teaserbild: © imago images / Nordphoto