In Stuttgart kneift der Leverkusener Karim Bellarabi seinen Gegenspieler in die Nase, sieht dafür aber nur die Gelbe Karte. Das halten viele für zu nachsichtig, doch das Regelwerk lässt einen Ermessensspielraum. Das sollte nicht so bleiben.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt
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Nein, in Schutz nehmen wollte Peter Bosz seinen Spieler Karim Bellarabi nicht. Uneingeschränkt "doof" fand der Leverkusener Coach dessen Verhalten nach 75 Minuten in der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und Bayer 04 Leverkusen (1:1). Was war passiert?

Erst foulte der elffache deutsche Nationalspieler den Stuttgarter Roberto Massimo überflüssigerweise, als dieser den Ball ins Seitenaus rollen lassen wollte. Statt eines Einwurfs gab es deshalb einen Freistoß für den VfB, und dieser resultierte schließlich im Ausgleichstor zum 1:1.

Damit aber nicht genug: Bellarabi brach nach seinem Foul auch noch einen Streit mit Massimo vom Zaun. Stirn an Stirn standen sich die beiden plötzlich gegenüber, als der Leverkusener seinem Gegner plötzlich an die Nase griff.

Fragende Gesichter nicht nur bei den Stuttgartern

Schiedsrichter Robert Hartmann, der die Situation genau verfolgt hatte, zeigte Bellarabi die Gelbe Karte. Massimo wurde ebenfalls verwarnt. Das sorgte im Stuttgarter Lager - und nicht nur dort - für fragende Gesichter.

Viele fanden, dass es hier einen Feldverweis für Bellarabi wegen einer Tätlichkeit hätte geben müssen. Zumal die Verhältnismäßigkeit beim Strafmaß "Gelb für beide" nicht recht passte, wenn man bedenkt, dass sich Massimo deutlich weniger zuschulden kommen lassen hatte.

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Was aber sagt das Regelwerk? Dort heißt es in der Regel 12: "Eine Tätlichkeit liegt vor, wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal gegen einen Gegner, Mitspieler, Teamoffiziellen, Spieloffiziellen, Zuschauer oder eine sonstige Person vorgeht oder vorzugehen versucht."

Explizit erwähnt wird das Schlagen: "Ein Spieler, der ohne Kampf um den Ball einem Gegner oder einer anderen Person absichtlich mit der Hand oder dem Arm an den Kopf oder ins Gesicht schlägt, begeht eine Tätlichkeit." Einschränkend wird hinzugefügt: "Es sei denn, die eingesetzte Kraft war vernachlässigbar."

Gehört das Zwicken oder Kneifen zu den Tätlichkeiten?

Darüber hinaus finden sich im Abschnitt "feldverweiswürdige Vergehen" noch das Anspucken und das Beißen. Das Zwicken oder Kneifen dagegen wird dort nicht erwähnt. Damit stellt sich die Frage, ob und inwieweit es als Form der Tätlichkeit zu bewerten ist.

Ist es übermäßig hart oder brutal wie etwa eine Ohrfeige, eine Kopfnuss oder ein Griff an den Hals? Oder kann die eingesetzte Kraft vernachlässigt werden, wie es bei einem leichten "Wischer" oder dem keineswegs nett gemeinten Tätscheln einer gegnerischen Wange der Fall ist?

Darüber lässt sich streiten, und die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Es gibt also einen Graubereich, wodurch der Schiedsrichter einen Ermessensspielraum hat. Robert Hartmann hat ihn genutzt, um es bei einer Gelben Karte zu belassen.

Bellarabi wie einst Ribéry - mit den gleichen Folgen

Dieser Spielraum müsse unbedingt kleiner werden, sagte der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk vor vier Jahren, als der Bayern-Spieler Franck Ribéry für ein ähnliches Vergehen, wie Bellarabi es begangen hat, ebenfalls nur verwarnt worden war.

Merk forderte seinerzeit, jeden offensichtlich unsportlichen Griff ins Gesicht eines Gegners mit einer Roten Karte zu bestrafen, damit diese Unsitte, die schon lange zu beobachten ist, endlich aufhört. Das war und ist ein bedenkenswerter Vorschlag.

Bei Karim Bellarabi kommt noch dazu, dass der Nasenzwicker gegen Massimo etwas Demütigendes hatte und der Leverkusener anschließend auch nur sehr unwillig und zögerlich zum Unparteiischen ging, als dieser ihn zu sich rief. Dennoch erhielt er die gleiche Strafe wie Massimo, der sich nur am Stirndrücken beteiligt hatte.

Warum die Einführung der Zeitstrafe eine gute Idee wäre

Wäre in solchen Situationen, wenn der endgültige Feldverweis als zu hart erscheint, nicht die Einführung der Zeitstrafe als Sanktion, die zwischen Gelb und Rot angesiedelt ist, sinnvoll?

Dazu ein kleiner Rückblick: Im deutschen Amateurfußball gab es sie bei den Erwachsenen als zehnminütigen Ausschluss bis zur Einführung von Gelb-Rot im Jahr 1991. Im Jugendfußball gibt es sie noch heute in vielen Klassen, dort dauert sie fünf Minuten.

Die Erfahrungen mit ihr sind gut, eine vorübergehende Unterzahl als disziplinarische Maßnahme, wie es sie auch in vielen anderen Mannschaftssportarten gibt, kann das Spiel beruhigen. Und den fehlbaren Spieler ebenfalls.

Hin und wieder schlägt auch ein Prominenter vor, die Zeitstrafe in allen Ligen einzuführen. Doch bislang wurde die Idee nicht ernsthaft weiterverfolgt.

Für Bellarabi wäre eine zehnminütige Zwangspause jedenfalls eine angemessene persönliche Strafe gewesen - auch verglichen mit der Gelben Karte für Massimo. Bayer 04 Leverkusen hätte zwischen der 75. und 85. Minute nur zu zehnt gespielt, als die Gastgeber nach dem Tor gerade Oberwasser hatten.

Vielleicht fassen die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) ja doch eines Tages den Entschluss, den sogenannten Feldverweis auf Zeit einzuführen. Es wäre wirklich eine gute Idee.

Was sonst noch wichtig war:

  • Es lief bereits die Nachspielzeit in der Begegnung des SV Werder Bremen gegen Arminia Bielefeld (1:0), als der Ball doch noch im Tor der Gastgeber lag. Schiedsrichter Robert Schröder verweigerte dem Treffer der Gäste aus Ostwestfalen jedoch die Anerkennung, weil der Torschütze Mike van der Hoorn "den Schlappen drübergehalten" hatte, wie man in der Fußballersprache sagt. Das heißt: Er war mit gestrecktem Bein und offener Sohle zum Ball gegangen, den Miloš Veljković gerade mit dem rechten Fuß wegschlagen wollte. Dass van der Hoorn einen Wimpernschlag schneller war und deshalb den Ball erreichte, machte den Einsatz nicht regelgerecht, denn durch seine Bein- und Fußhaltung gefährdete er den Bremer, der regulär zum Ball gegangen war. Es kam dann auch zu einem Kontakt, bei dem sich Veljković verletzte. Der Bielefelder sah daher die Gelbe Karte. Eine richtige Entscheidung des Unparteiischen, und das in einer ziemlich unübersichtlichen Situation.
  • Im Spiel RB Leipzig - FC Schalke 04 (4:0) kam es derweil zu einer Premiere: Florian Badstübner gab seinen Einstand als Bundesliga-Schiedsrichter. Der 29-Jährige war im Sommer nach vier Jahren in der Zweiten Liga aufgestiegen, nun feierte er gleich bei einem Topspiel am Samstagabend sein Debüt. Badstübner merkte man dabei nicht an, dass er ein Neuling im Oberhaus ist: Er strahlte Gelassenheit und Ruhe, Sicherheit und Souveränität aus, die Spieler akzeptierten ihn vollauf. Die faire Partie ließ er großzügig laufen, mit dem Handelfmeter für die Leipziger nach 79 Minuten lag er vollkommen richtig. Zwar erleichterten Spielverlauf und -charakter dem Referee aus Mittelfranken seinen Job, doch das soll seine bemerkenswerte Leistung keineswegs schmälern.
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