In Leverkusen wird Borussia Dortmund nach einer Intervention des Video-Assistenten ein Tor aberkannt. Die Entscheidung ist richtig, dennoch löst sie bei vielen Unbehagen aus. Denn das Foul, aufgrund dessen der Schiedsrichter den Treffer annulliert, hat mit der Torerzielung nichts zu tun.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

So rasant wie torreich war das Samstagabendspiel zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund (4:3): Beide Teams trafen je viermal ins gegnerische Gehäuse. Den Gästen erkannte der Unparteiische Markus Schmidt allerdings nach 52 Minuten beim Stand von 2:2 einen Treffer ab.

Sein Video-Assistent (VAR) Benjamin Brand hatte ihn zuvor auf etwas hingewiesen, das dem vorzüglich leitenden Unparteiischen aus Stuttgart ausnahmsweise entgangen war. Doch obwohl die Entscheidung korrekt war, sorgte sie für einige fragende Gesichter.

Passiert war dies: Auf dem linken Flügel in der Leverkusener Hälfte kam Jadon Sancho in Ballbesitz, zog rasch zur Mitte und spielte die Kugel nach rechts zu Achraf Hakimi. Dessen Pass in den Rückraum fand wiederum Sancho, der den Ball aus elf Metern im Kasten der Gastgeber versenkte.

Während die Westfalen jubelten und die Rheinländer die Köpfe hängen ließen, überprüfte der VAR wie nach jedem Tor die Angriffsphase, die dem Treffer vorausgegangen war. Bei der Torerzielung selbst war dabei alles in Ordnung: Es lag kein Abseits vor, und Sancho hatte auch sonst nicht gegen die Regeln verstoßen.

Regeltechnisch ist der Fall klar

Als er an den Ball gekommen war, hatte sich allerdings einige Meter hinter ihm ein Zweikampf zwischen seinem Mitspieler Giovanni Reyna und Lars Bender zugetragen. Der Leverkusener war dabei mit seiner Schulter auf Tuchfühlung gegangen, jedoch keineswegs regelwidrig.

Von Reynas Reaktion kann man das nicht behaupten: Er hielt Benders linken Arm mit beiden Händen kurz fest und brachte seinen Gegenspieler so zu Fall. Der Unparteiische war dem Ball gefolgt und hatte deshalb dieses Duell, das sich etwas abseits des Geschehens abspielte, nicht wahrgenommen. Jetzt sah er es jedoch auf dem Bildschirm an der Seitenlinie, denn Video-Assistent Brand hatte ihm zu einem On-Field-Review geraten.

Als Schmidt auf den Platz zurückkehrte, nahm er Sanchos Tor zurück und erkannte auf Freistoß für die Hausherren. Das war regeltechnisch eine klare Sache, denn hier lag ohne jede Frage ein strafbares Halten von Reyna vor, also ein Foulspiel.

Es gibt Regeln - und ungeschriebene Gesetze

Dass der Ball dabei nicht in Spielnähe war, dass Bender wohl auch ohne das Foul nicht mehr ins Spielgeschehen hätte eingreifen können, dass Reynas Aktion also eigentlich keine Auswirkung auf den Treffer hatte – all dies spielte für die Bewertung der Szene durch den Referee keine Rolle. Und es durfte nach den Regeln auch keine Rolle spielen.

Dass diese Entscheidung nicht wenigen Beobachtern trotzdem gar nicht gefiel, hängt mit einem ungeschriebenen Gesetz zusammen: Viele Schiedsrichter sehen in der Praxis schon mal großzügig darüber hinweg, wenn es zu einem Vergehen fernab des Spielgeschehens kommt – sofern es keine Tätlichkeit ist.

Auch ein Foulspiel im Strafraum direkt nach dem erfolglosen Torschuss eines Stürmers lassen sie oft ungeahndet, weil dem Angreifer und seiner Mannschaft aus der Regelübertretung des Gegners ja keine Beeinträchtigung erwächst.

In Begegnungen mit Video-Assistenten ist der Spielraum für solche – auch von Spielern, Trainern und Fans weithin akzeptierten – Praktiken allerdings wesentlich kleiner geworden.

Der VAR schränkt die Spielräume des Schiedsrichters ein

Denn wenn die Bilder beim Review in einer überprüfbaren Situation ein Vergehen zeigen, das der Unparteiische nicht gesehen hat, kommt am Ende nur die Entscheidung in Frage, die das Regelwerk nun mal vorsieht.

Dieses Regelwerk ist für alle verbindlich und nachvollziehbar, anders als ungeschriebene Gesetze, auf die man sich – sonst hießen sie ja nicht so – nur schwer berufen kann.

Den Handlungsspielraum des Schiedsrichters schränkt der VAR in manchen Situationen jedoch ein, was längst nicht immer nur auf Zustimmung stößt – bei den Teams wie auch bei den Referees selbst.

Wahr ist aber auch: Eine Aktion wie die von Reyna gegen Bender ist so dusselig wie überflüssig, also der berühmte Bärendienst. Schließlich gibt es Kameras, die sie einfangen und am Ende dem Unparteiischen zeigen. Dieser hat dann letztlich keine Wahl mehr.

Was in der Bundesliga sonst noch wichtig war:

Die Elfmeterentscheidung für die Gäste in der Nachspielzeit der Partie zwischen Hertha BSC und dem 1. FSV Mainz 05 (1:3) war zwar isoliert betrachtet richtig. Dennoch fragten viele sich: Ging dem Foulspiel des Berliners Dedryk Boyata an Karim Onisiwo nicht ein klares Abseits voraus?

Tatsächlich war der Mainzer Robin Quaison bei einem langen Ball aus der eigenen Hälfte der gegnerischen Torlinie klar näher als der vorletzte Abwehrspieler der Hertha. Er trabte dem Ball allerdings nur hinterher und überließ ihn schließlich Onisiwo. Dadurch sei die Hintermannschaft der Hertha irritiert worden, argumentierten viele.

Das aber ist nicht der Punkt, die Frage war mit Blick auf das Regelwerk vielmehr: Beeinträchtigte Quaison einen Gegner – konkret: Boyata –, indem er dessen Sicht versperrte, mit ihm einen Zweikampf um den Ball führte, den Ball in seiner Nähe zu spielen versuchte oder eindeutig aktiv wurde und so dessen Möglichkeit beeinflusste, den Ball zu spielen?

Nur der zuletzt genannte Fall kam in Betracht, doch darüber, ob der Mainzer wirklich eindeutig (!) aktiv wurde, kann man streiten. Eine Szene, die dem Schiedsrichter einen Ermessensspielraum bot und dessen Entscheidung damit vertretbar werden ließ.

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