Der Soziologe Prof. Dr. Gunter A. Pilz ist Honorarprofessor an der Hochschule Hannover und beschäftigt sich seit Jahren mit Fragestellungen des Sports wie Fair Play, Rechtsextremismus und Gewalt im Sport. Wir trafen ihn für ein Interview - und sprachen mit ihm unter anderem über den Fall Chemnitz.

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Prof. Dr. Gunter A. Pilz beschäftigt sich seit Jahren mit Fragestellungen des Sportes.

Herr Pilz, der Chemnitzer FC hat in der Causa Daniel Frahn rigoros reagiert, die Replik von Teilen der Fans war ebenso eindeutig wie gegensätzlich. Ist das jetzt der Anfang einer langen, unter Umständen aggressiv geführten Auseinandersetzung?

Gunter A. Pilz: Der Chemnitzer FC ist Mitglied des Sächsischen Fußballverbandes und damit auch Mitglied des Deutschen Fußballbundes und an die Satzung gebunden. In Paragraph vier steht, dass der DFB mit allen Mitteln entschieden jeder Form von Diskriminierung, Rassismus und Rechtsextremismus entgegenwirkt und Vereine oder Verbände, die dem nicht nachkommen, sanktionieren wird. Dazu ist der DFB laut FIFA-Statuten verpflichtet. Insofern hatte der Verein überhaupt keinen Spielraum, wenn man die Satzung ernst nimmt - sein Handeln war deshalb völlig konsequent.

Teile der Chemnitzer Fans haben dazu offenbar eine andere Meinung.

Wenn es rechtsextreme Tendenzen um den Klub gibt, kann man das zunächst nicht dem Verein anlasten. Aber dem Verein muss man nahelegen, den Leuten die Rote Karte zu zeigen und sie aus dem Verein auszuschließen, wenn sie diese Dinge äußern, die gegen die Satzung und gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen. Da gibt es kein Vertun, da passiert in anderen Klubs ebenso wie in Chemnitz.

Fußball-Drittligist Chemnitzer FC wirft Stürmer Daniel Frahn die Nähe zur rechtsradikalen Szene vor und hat sich mit sofortiger Wirkung vom Torjäger getrennt.

Auf Schalke gab es im Fall von Clemens Tönnies letztlich ein anderes Ergebnis.

Der Unterschied ist: In Chemnitz hat den Fans das Vorgehen nicht gefallen. In Gelsenkirchen hat die Schalker Fanszene, die sich sehr stark gegen Rechtsextremismus einsetzt, das überhaupt nicht akzeptiert, dass sich einer verharmlosend und diskriminierend geäußert hat. Es spricht also eher gegen die Fanszene des CFC als gegen den Verein.

Besteht in Chemnitz nicht die Gefahr des Opferkults oder dass der Spieler Daniel Frahn nun zu einer Art Märtyrer wird?

Nur weil der Druck vom rechten Mob kommt, kann man nicht das Recht beugen oder sich wegducken. Demokratische Strukturen zu untergraben, kann und darf nicht sein.

Der Konflikt zwischen Teilen der Fans und den Verantwortlichen im Klub schwelt also einfach weiter?

Der CFC hat im Zuge der Affäre damals einige massive Auflagen bekommen, musste ein Projekt gegen Rechtsextremismus starten, er wurde verpflichtet, einen hauptamtlichen Fanbeauftragten einzustellen und einen Anti-Rassimus-Beauftragten. Der Klub ist also in der richtigen Richtung aktiv.

Es wird aber schwer und es besteht etwa die Gefahr, dass rechte Gruppierungen zu den Wahlen auf der Mitgliederversammlung mobil machen und einen Vertreter wählen könnten. Und ein Verantwortlicher mit rechtsradikaler Gesinnung in den Gremien könnte dann wiederum zur Konsequenz haben, dass der Verein aus dem DFB ausgeschlossen wird. Das hat es auf anderen Ebenen, etwa bei Landessportbünden, schon gegeben.

Das wäre ein sehr drastischer Schritt

Die Mehrheit zu sein und die Mehrheit mobilisieren zu können, darf man in dem Zusammenhang nicht verwechseln. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei den Bekundungen und Rufen im Stadion nicht um die Mehrheit der Chemnitzer Fans handelt! Deshalb hat der rechte Mob auch nicht die Hoheit im Stadion und in Chemnitz. Man kann also nur hoffen, dass sich der Verein und seine Mitglieder bewusst werden, zur Mitgliederversammlung zu gehen, um denen nicht die Bühne preiszugeben. Es gibt aber noch etwas Wichtigeres.

"Wenn sich alle dagegen stellen, wird es den Spuk nicht mehr geben"

Was?

Dass man zum einen nicht immer nur auf diesem Klub rumhackt. Und dass sich zum anderen die bisher schweigende Mehrheit in Chemnitz aus der Deckung wagt und Gesicht zeigt. Chemnitz ist ja keine durchgehend rechte Stadt, ganz im Gegenteil. Diese Leute sind aufgefordert, dem Klub den Rücken zu stärken und ihn zu unterstützen, um die Gegenseite mundtot zu machen.

Dazu muss man vor Ort, im Stadion, aktiv werden - und sich nicht nur zu Hause im Internet empören. Es gibt eine ausgeprägte Empörungskultur, aber keine des konkreten Handelns. Meine Überzeugung ist: Wenn sich alle gemeinsam dagegen stellen, wird es den Spuk in den Stadien über kurz oder lang nicht mehr geben.

Warum wurden die von Ihnen angesprochenen Maßnahmen in Chemnitz erst so spät eingeleitet?

Sicherlich kann man dem Klub den Vorwurf machen, nicht schon viel früher reagiert zu haben. Allerdings darf man die Gemengelage in Chemnitz auch nicht vergessen: Der Verein hatte und hat auch noch ganz andere Probleme, steht mittendrin in der Insolvenz, es ist kein Geld da. Sich in einer solchen prekären sportlichen wie finanziellen Lage zuallererst gegen rechte Umtriebe im Stadion oder im Umfeld zur Wehr zu setzen, ist sehr viel verlangt.

Da kann man verstehen, dass die Verantwortlichen damit schlicht und ergreifend überfordert werden. Jetzt sind auch Experten und mobile Beratungsdienste des DFB vor Ort, es gibt eine gewisse finanzielle Unterstützung seitens des Verbandes. Aber jetzt zu glauben: "Problem erkannt, Gefahr gebannt", wäre etwas arg naiv. Dazu gehört noch eine Menge mehr.

Was zum Beispiel?

Nehmen wir Borussia Dortmund: Da gibt es acht Fanbeauftragte, ein hervorragend vernetztes Anti-Rassismus-Projekt zusammen mit Sozialarbeitern, mit kommunalen Initiativen - und trotzdem hat der BVB immer wieder auch im Stadion diese Probleme. Es ist ein langwieriger Prozess und man kann nicht erwarten, dass es von heute auf morgen geht. Aber irgendwann muss man damit anfangen. Denn: Was uns in der Gesellschaft nicht gelingt, wird uns im Fußball auch nicht gelingen.

Schweigende Mehrheit endlich wachrütteln

Sie schlagen die Brücke zur Politik?

Die AfD hat Umfrage- und Wahlergebnisse, da schlackern einem die Ohren. Mit zwei, drei Projekten im Fußball ist dem Spuk kein Ende zu setzen. Man kann den Fußball aber als Bühne nutzen, um Zeichen zu setzen. Das ist ein wichtiges Signal, um die schweigende Mehrheit endlich wachzurütteln.

Die Provokationen in den Stadien werden wohl ungeachtet dessen weitergehen. Wie sollten die Klubs damit umgehen?

Es gibt einen Ordnungsdienst, der dafür sorgen müsste, dass einschlägige Banner erst gar nicht im Stadion ausgerollt werden. Aber auch hier haben wir wieder das monetäre Problem: Nur die wenigstens Klubs in den unteren Ligen, in den neuen Bundesländern zumal, sind in der Lage, einen Ordnungsdienst zu finanzieren, der das sauber und ohne große Eskalation durchführen kann.

Kann der Klub das nicht gewährleisten, wird es dazu führen, dass ganze Kurven ausgesperrt und auch Unbeteiligte in Sippenhaft genommen werden. Man muss genau diesen Leuten bewusst machen, dass es so weit kommen kann, wenn vorher nicht klar dagegen agiert wird.

Beim DFB-Pokal-Wochenende gab es vermehrt Pyrotechnik in westdeutschen Stadien und eher politische Parolen und Provokationen in einigen ostdeutschen Kurven. Ist das Zufall?

Nein, denn das sind ja Fakten - was nicht heißt, dass es im Westen nicht auch rechtsextreme Probleme gibt. Nochmal das Beispiel Dortmund: Dort verhindert ein hochprofessioneller Ordnungsdienst, dass solche Transparente ins Stadion kommen.

Das heißt aber nicht, dass deshalb keine Rechtsextremen mehr im Stadion wären. Im Osten sind immer noch oft genug Leute aus dem rechten Spektrum, aus Skinhead- und Hooliganszenen, Teil der Ordnungsdienste. Und es gibt noch eine andere, viel größere Sache …

Welche?

Ein Björn Höcke würde in Westdeutschland nicht so funktionieren. Das hat mit der Deprivation des Ostens zu tun, mit der fehlenden Perspektive in einigen Landesteilen. Diese Bauernfänger hatten und haben deshalb einen enormen Zulauf und werden immer noch koketter und frecher, der Herr Höcke hat vor gar nichts mehr Angst und tönt durch die Gegend. Das wäre in den alten Bundesländern in der Form nicht möglich.

Warum ist das so?

Der größte Fehler wurde damals in den Anfangstagen der Pegida-Demonstrationen gemacht. Da wurden Leute abgestempelt als naiv, als dumme Dauerjammerer, denen es doch gar nicht so schlecht geht. Man hat sie und ihre Ängste und Sorgen überhaupt nicht ernst genommen - und damit letztlich in die Arme der AfD getrieben. Denn die Leute haben nach wie vor das Gefühl, dass keine der arrivierten Parteien ihre Nöte ernst nimmt. Also wird das von der Gegenseite dann auch demagogisch ausgeschlachtet.

Ein großes Stück Schuld an dieser Entwicklung haben die großen Volksparteien, die sich in ihrer Arroganz und Selbstherrlichkeit suhlten. Das Problem der Stadien ist deshalb auch das Problem des Umgangs der sogenannten großen Volksparteien mit mit den berechtigten oder unberechtigten Ängsten und Nöten der Bevölkerung. Vergessen wir doch eines nicht: mögen auch die geäußerten Nöte und empfundenen Ängste unberechtigt sein, dann stellt sich doch immer noch die Frage, wie kommen die Menschen dazu, dennoch diese Ängste zu empfinden und Sorgen zu äußern?

Liegt es vielleicht daran, dass die arrivierten Parteien sich nicht die Mühe machen, die Sorgen der Bevölkerung anzuhören, ernst zu nehmen und ihnen zufriedenstellende Antworten darauf zu geben?

Teaserbild: © imago images / Picture Point