Ralf Rangnick wird in Leipzig geliebt. Im restlichen Fußballdeutschland schlägt ihm jedoch häufig blanker Hass entgegen. Der Sportdirektor von RB ist eine der streitbarsten Persönlichkeiten im deutschen Fußball. Aber warum eigentlich?

Sabrina Schäfer
Meine Meinung
von Sabrina Schäfer, Redakteurin Sport und stellvertr. CvD

Ralf Rangnick ist nicht zu bremsen. Nicht einmal vom gefühlt zwei Köpfe größeren Mats Hummels will sich der Sportdirektor von RB Leipzig von seinem Ziel abhalten lassen.

Seine Waffe, das Smartphone, ist gezückt. Das Gesicht ist wutverzerrt. Rangnick will zum Schiedsrichter. Um jeden Preis. Felix Zwayer soll sehen, was er da angerichtet hat. Es geht um die Rücknahme eines Elfmeters für RB Leipzig, der wohl schon einer gewesen wäre. Da versteht Rangnick keinen Spaß und kein Fairplay.

Immerhin ist dieses DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern das wohl bislang größte Spiel in der noch jungen Leipziger Vereinsgeschichte. Es ist die erste Chance für Leipzig in einem K.o.-Spiel zu beweisen, dass man mit dem großen FC Bayern mithalten kann. Dieser Beweis ist trotz der Niederlage im Elfmeterschießen geglückt.

Mit Niederlagen kann Sportdirektor Rangnick offenbar - trotz jahrelanger Erfahrung im Profigeschäft - noch immer nur sehr schlecht umgehen.

Dennoch hat er in den letzten Jahren den Hauch der Verbissenheit, der ihn auf seinen Stationen in Ulm, Stuttgart, Hannover, Hoffenheim und auf Schalke stets umwehte, größtenteils abgelegt.

Nur in Momenten, in denen er seine Mannschaft ungerecht behandelt fühlt, schimmert dieser Charakterzug noch durch.

Rangnick kommt nach Burnout zurück

Dass er sich inzwischen mehr zurückhält, hat wahrscheinlich auch mit Rangnicks Krankheitsgeschichte zu tun. 2011 tritt er als Schalke-Trainer zurück. Die Diagnose: Burnout.

Rangnick selbst gibt in einem Interview mit der "Bild" später erschreckende Details zu Protokoll: "Alle Werte waren in einem dramatischen Bereich. Mein Arzt sagte mir: Wie sie überhaupt arbeiten konnten, ist mir ein Rätsel."

Rangnick zieht sich zurück, er stellt seine Ernährung um, macht Qigong. Im Juni 2012 steigt er wieder ins Fußballgeschäft ein, wird Sportdirektor von RB Leipzig und RB Salzburg.

Aus Rangnick, dem Burnout-Patienten, wird sehr schnell wieder eine der polarisierendsten Persönlichkeiten im deutschen Fußball. Mit den Millionen des Red-Bull-Gründers Dieter Mateschitz im Rücken macht er Leipzig zu einem ernstzunehmenden Bundesligisten.

Das Konstrukt Leipzig, das Rangnick geprägt hat, ist jedoch vielen Fans und Traditionalisten ein Dorn im Auge. Der Verein habe keine Tradition, stehe nur dort oben, weil ein Anruf bei Mateschitz genüge, um immer mehr Geld in die Kassen zu spülen.

Rangnick wird offen angefeindet

RB Leipzig und auch Rangnick werden offen angefeindet. Im Dezember 2016 halten Hertha-Fans ein Plakat hoch, auf dem steht "Ey Ralf, wir warten sehnlichst auf deinen nächsten Burnout".

Noch in der zweiten Liga beleidigen Fans des Karlsruher SC Rangnick heftig. Auf Spruchbändern wird Rangnick "Lügenmaul" genannt, ein Plakat fordert ihn auf aus dem Fenster zu springen.

Das Verblüffende: An Rangnick scheinen diese Beleidigungen abzuperlen wie Morgentau von einem Grashalm. Auf das Plakat der Hertha-Fans reagierte er nonchalant: "Ich fasse das eher als kleines, verstecktes Kompliment auf." Er könne sich schon vorstelle, dass es bei Hertha einige Hardcore-Fans gebe, "die sich wünschen würden, dass es mich in meiner Funktion nicht mehr geben würde. Ich kann diesen Fans aber nicht zu viel Hoffnung machen, da ich mittlerweile sehr gut auf mich aufpasse".

Professor Rangnick - der Oberlehrer

Auch der Vorwurf mit der fehlenden Tradition, der fast in jedem Interview mit ihm auf den Tisch kommt, wird einfach weggelächelt.

"Ich war auf Schalke, in Stuttgart, Hannover, Ulm - überall gibt es enorm viel Tradition", erklärt er im Gespräch mit der "Berliner Morgenpost". "Ob nun Dortmund und Schalke mehr als 100.000 Mitglieder haben und wir knapp 800 - die Zahl ist für mich nicht entscheidend. Sondern die Frage: Haben sie Mitspracherecht und wenn ja, wie viel?" Dass viele Hardcore-Fans genau das für sich in Ansprüchen nähmen, halte er für nicht mehr zeitgemäß.

In diesen Momenten hängt Professor Rangnick dann doch wieder etwas Oberlehrerhaftes an. Und genau das dürfte auch der Grund sein, warum Leipzigs Sportdirektor noch immer die Gemüter erhitzt.

Er weiß einfach, was er tut

Der Mann ist eben die personifizierte Kompetenz und das weiß er auch. Schon als Trainer schaute Rangnick lieber nach vorne als zurück. Er ist ein Visionär, der sich nicht mehr um Althergebrachtes schert und der mit dem RB Leipzig einen Klub gefunden hat, bei dem er uneingeschränkt als Architekt tätig sein darf. Ob er dabei aneckt, ist ihm herzlich egal.

Der Erfolg, den er mit Leipzig hat, beweist, Rangnick weiß einfach, was er tut. Dafür kann man ihn lieben, wenn man RB-Anhänger ist, oder ihn hassen, weil er den anderen Klubs damit auch schonungslos aufzeigt, wie die Zukunft aussehen könnte.

Dass der DFB nach dem Zwischenfall im Pokalspiel gegen ihn ermittelt, lässt Rangnick übrigens - man möchte fast sagen, natürlich - ganz einfach an sich abprallen. "Es ist völlig normal, dass ich in solchen Situationen mit den Offiziellen spreche. Und zwar sachlich und ruhig. Keine andere Intention hatte ich am Mittwoch", erklärt er laut "Sportbild". Aus der Ruhe bringen kann Rangnick so schnell einfach nichts mehr - außer natürlich Ungerechtigkeit gegen seinen Verein.