Norbert Elgert ist der begehrteste Nachwuchstrainer Deutschlands. Er gilt als die Wunschkandidat beim FC Bayern. Denn der Rekordmeister muss seine darbende Jugendabteilung endlich aufpäppeln – und hat diese Mission längst zur Chefsache erklärt. Uli Hoeneß hat Elgert im Visier.

Früher, als die Bundesliga ausschließlich ein Hort nur für gestandene Mannsbilder war, für die Typen mit den kräftigen Oberlippenbärten, die ordentlich hinlangten und beherzt auf den Rasen rotzten und sich auch mal mit den Fans auf der Tribüne anlegten, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, dass es um einen Jugendtrainer ein derart großes Bohei geben könnte.

Heute, im Zeitalter der Nachwuchsleistungszentren und deren Klassifizierung, wo bereits 17- oder 18-Jährige das nötige Rüstzeug mitbringen für Deutschlands höchste Spielklasse und der Markt die Grenze fast bis runter zum Kinderhandel drückt, wenn für 14-jährige Talente hohe sechsstellige Summen aufgerufen werden, hat sich die Sachlage ganz entschieden gewendet.

Trainer wie Norbert Elgert sind nicht mehr nur eine Unterkategorie jener Spezies, die man Wochenende für Wochenende in den Stadien der ersten drei Ligen des Landes beobachten kann. Sie mögen vor nur rund 200 oder 300 Zuschauern spielen, nicht selten sogar weniger.

Sie kommen kaum vor in den Schlagzeilen der großen Medien. Und sie verdienen allenfalls einen Bruchteil dessen, was die Kollegen im Profibereich der Herren abschöpfen. Und doch sind sie so etwas wie die heimlichen Stars ihrer Zunft.

Dieser Transfer könnte ein ganz großes Bayern-Problem auf Jahre lösen.

Der FC Bayern München hat ein echtes Nachwuchsproblem. Früher hätten die Granden des Klubs diesen Umstand mit einem lapidaren Schulterzucken registriert – heute erklärt der Rekordmeister diesen Missstand zur Chefsache.

Das neue Nachwuchsleistungszentrum im Norden der Stadt soll 2018 fertiggestellt sein. Es soll nach Leipzig die besten Bedingungen für die Nachwuchsförderung im ganzen Land bereitstellen.

Drei Meisterschaften in zehn Jahren

Die Infrastruktur ist das eine. Da haben die Bayern ihre Hausaufgaben längst gemacht. Nun bauen die Münchener – mal wieder – ihren Unterbau um. Uli Hoeneß treibt das Projekt an und Hoeneß wäre nicht Hoeneß, würde er sich für die großen Aufgaben nicht auch um die besten Trainer bemühen. Und in Deutschland dürfte es im Nachwuchsbereich keinen Besseren geben als eben Norbert Elgert.

Beim FC Schalke 04 geht Elgert in sein 20. Jahr als Trainer der U 19, nur unterbrochen durch einen kleinen Abstecher als Co-Trainer bei den Profis. Elgert ist Schalke. Niemand sonst im Klub verkörpert den Geist und die Seele der Knappen besser als der 59-Jährige. "Ich bin auf Kohle geboren und mit Emscherwasser getauft", sagt er über sich selbst.

In den letzten zehn Jahren hat Elgert mit seinen Mannschaften dreimal die deutsche Meisterschaft geholt. Schalkes A-Jugend ist damit die erfolgreichste des Landes. Er hat mehrere Dutzend Talente zu Bundesligaspielern gemacht: Christian Pander, Mike Hanke oder Sebastian Boenisch.

Oder gleich zu Weltstars: Mesut Özil, Manuel Neuer, Benedikt Höwedes oder Julian Draxler gingen durch seine Hände. Nun ist es Leroy Sane, der das nächste gang große Ding zu werden verspricht.

Große Probleme im Nachwuchsbereich

Von einem Kaliber wie Sane aus dem eigenen Stall können die Bayern derzeit allenfalls träumen. Die Münchener bewegen sich im Nachwuchsbereich im tristen Mittelmaß des Landes. Die U 23 klebt seit Jahren in der Regionalliga fest und wird aller Voraussicht nach auch diese Saison nichts mit dem Aufstieg zu tun haben.

Bayerns U 19 hat derzeit 20 Punkte Rückstand auf die Spitze. Bei den Abstellungen für die Junioren-Nationalmannschaften des DFB von der U 15 bis zur U 19 rangiert der Rekordmeister im Ligavergleich im Mittelfeld: Lediglich acht Spieler schaffen es derzeit in die Kader.

Und in dieser Saison haben die Bayern nur einen einzigen Spieler, der später als 2012 aus dem eigenen Nachwuchs kam, in der Bundesliga eingesetzt. Zum Vergleich: Der FC Schalke hat deren neun Spieler in den Profikader gebracht. Und alle durchliefen die Schule von Norbert Elgert.

Es gibt keinen anderen deutschen Nachwuchstrainer, der so begehrt ist. Vor wenigen Tagen hat Elgert dann auch offiziell das bestätigt, was sich seit geraumer Zeit als Gerücht gehalten hat: Dass er seinen 2018 auslaufenden Vertrag auf Schalke nicht verlängern wird. Es sei nun "Zeit für etwas Neues".

Hinter den Kulissen hat das Rennen um Elgert längst begonnen und derzeit scheinen die Bayern die besten Karten zu besitzen. Die Gesamtkonstellation mit dem neuen NLZ, mit der Weltmarke FC Bayern und Hoeneß als Chef dürfte Elgert locken.

Und die Gegenseite hat einen wie ihn derzeit bitter nötig. Zwar verschieben die Münchener in den letzten Jahren fröhlich einen Posten nach dem anderen und besetzen neu, stellen um, bauen aus. Nur lassen die Ergebnisse weiter auf sich warten.

Die alte Riege um Jugendleiter Werner Kern, Chefscout Hermann Hummels und die Trainer Hermann Gerland, Kurt Niedermayer und Stefan Beckenbauer wurde nicht adäquat ersetzt.

Elgert steht für handfeste Werte

Die Bayern haben gewiss tolle Trainer in ihren Reihen. Aber es fehlt die Idee vom großen Ganzen. Und es fehlen Typen, die Erfahrung mitbringen und auf die die Jugendlichen aufschauen können. Und die klare Eckpfeiler setzen.

Elgert ist geradeaus, lässt sich nicht verbiegen und er steht für Werte, die einige als altmodisch abkanzeln würden – in Hoeneß' Ohr aber klingen wie eine Verheißung. "Wenn einer sein Talent fahrlässig vergeudet, ärgert mich das ungemein. Und wenn Leute stillstehen. Manuel Neuer, Leo Messi oder Cristiano Ronaldo bewegen sich auf absolutem Spitzenniveau. Aber das reicht ihnen nicht, die wollen immer noch besser werden. Diese Art Menschen hören nicht auf, an sich zu arbeiten. Mehr Vorbild für die Jugend kann man kaum sein."

Elgert schwört auf Teamgeist, Disziplin, Willensstärke, Leidensfähigkeit, Demut. Er kennt den Markt, auf dem er sich seit zwei Jahrzehnten bewegt, in- und auswendig. Er weiß, wie man Strukturen nachhaltig aufbauen, und gleichzeitig Talenten kurzfristig den Weg in die Bundesliga ebnen kann.

Und er besitzt ein Netzwerk wie sonst kaum einer im deutschen Nachwuchsfußball. All das sind die Vorzüge, die Norbert Elgert zu einem Top-Nachwuchstrainer machen.

Sollte er zu den Bayern wechseln, wird auch Elgert nicht im Handumdrehen alles besser machen können. Aber die Bayern hätten dann die Gewissheit, dass sie den besten Mann in ihren Reihen haben, den man bekommen kann. Auch das gehört zum Selbstverständnis dieses Klubs.