Julian Nagelsmann muss erkennen, dass auch Pfandflaschen Gefühle haben. Matthias Ginter eifert Cristiano Ronaldo nach. Und der deutsche Fußball ist auf ewig in Langeweile gefangen. Unsere - wie immer nicht ganz ernst gemeinten - Lehren des Spieltags.

Sabrina Schäfer
Eine Glosse
von Sabrina Schäfer, Redakteurin Sport und stellvertr. CvD

1. Lehre: Auch Pfandflaschen haben Gefühle

Wissen Sie noch? Klinsmanns Tonnentritt? Diese Eleganz mit welcher der damalige Bayern-Stürmer in diese überdimensionierte Batterie stiefelte.

Wie sein Fuß kurz stecken blieb und es Klinsi in seiner Wut nicht einmal bemerkte. Schön war das. Und verdammt lang her. So lange, dass das neue HSV-Juwel Jan-Fiete Arp damals ungefähr minus drei Jahre alt war.

Heutzutage ist die Kunst, die eigene Wut an leblosen Gegenständen auszulassen, fast schon in Vergessenheit geraten.

Julian Nagelsmann versuchte nun im Spiel seiner Hoffenheimer gegen Gladbach (1:3) diese alte Weise wiederzubeleben. Anstatt seiner Unzufriedenheit beim Ausgleich der Gladbacher lediglich verbal Ausdruck zu verleihen, wollte Nagelsmann eine bedauernswerte Wasserflasche namens Saskia mit der Wand hinter der Trainerbank bekannt machen.

Eine Frechheit, denn noch wenige Minuten zuvor hatte Nagelsmann seine Lippen auf die ihren gedrückt.

Bestrebt diesem Schicksal und weiterer rüder Behandlung zu entgehen, entwischte Saskia Nagelsmanns grober Hand, touchierte die Überdachung der Trainerbank, flog in einem kurzen Moment der Freiheit hoch durch die Luft, um dann schließlich am Kopf eines bedauernswerten Mannes ihre Reise zu beenden.

Der Zuschauer kam mit dem Schrecken und einer Umarmung durch Nagelsmann davon. Wie es der armen Saskia geht, ist leider nicht überliefert.

Der Discounter Lidl, der die Vormundschaft für Saskia inne hat, zeigte sich angesichts der ganzen Aktion wenig amüsiert.

Es ist zu hoffen, dass Nagelsmann das nächste Mal zärtlicher mit Saskia umgeht. Denn wie wir jetzt dank Lidl wissen: Auch Pfandflaschen haben Gefühle.

2. Lehre: Sperrt die Sonnenstudios zu, Ginter kommt!

Die Beine breit, die Hände neben dem Körper ausgestreckt, Handflächen nach oben gerichtet, den Mund in einem Ausdruck der Verzückung leicht geöffnet - was klingt wie eine Drehbuchanweisung des nächsten "Fifty Shades of Grey"-Films, ist in Wahrheit Cristiano Ronaldos unverkennbare Jubelpose.

Es könnte jedoch sein, dass sich Real Madrids Superstar demnächst etwas Neues einfallen lassen wird.

Immerhin ist er amtierender Weltfußballer und damit in allen Belangen einzigartig.

Da passt es gar nicht, dass so ein windiger Bursche aus Deutschland plötzlich seinen Torjubel imitiert.

Jaja, von wegen unabsichtlich, wird sich Ronaldo angesichts Matthias Ginters Jubel nach dessen Treffer zum 2:1 gegen Hoffenheim gedacht haben.

Uns würde es jedenfalls nicht wundern, sollte Ronaldo demnächst über einen Handlanger dafür sorgen, dass der noch sehr bleichgesichtige Ginter in sämtlichen Sonnenstudios in Gladbach und Umgebung Hausverbot erhält.

Aber nicht traurig sein, lieber Matthias Ginter. Zur Not gäbe es ja auch noch Selbstbräunungscremes.

3. Lehre: Vielleicht ist die Rangnick-Methode doch am besten

In ein paar Jahren wird Fußball-Deutschland ein Nachwuchsproblem bekommen. Denn in Zeiten wie diesen muss man schon sehr dickhäutig, naiv oder enthusiastisch sein, um noch Schiedsrichter werden zu wollen.

Das ist aber auch alles lästig. Spieler fallen schneller als ein Einjähriger auf einem Trampolin und schreien dabei mindestens genau so laut.

Dann wird man von einem Rudel umgeben, alle reden durcheinander und am Ende entscheidet ein offenbar recht zartbesaiteter Videoschiedsrichter, dass der Hauch eines Kontakts völlig ausreicht, um auf Elfmeter zu entscheiden.

Borussia Dortmunds Roman Bürki kann von derartigen Entscheidungen ein Liedchen singen.

Hannovers Felix Klaus war auf ihn zugestürmt, Bürki hatte einen Schritt zurück getan, der Ball war weg, Klaus fädelte ein und Schiedsrichter Patrick Ittrich entschied nach kurzer Absprache mit seinem Videoassistenten auf Elfmeter. Hannover ging in Führung.

Es war nicht die einzige Fehlentscheidung an diesem Spieltag und am vergangenen und den Spieltagen davor. Deutschlands Schiedsrichter scheinen seit Einführung des Videobeweises nachhaltig verunsichert.

Im Vergleich zu dieser technischen Neuerung scheint uns die Ralf-Rangnick-Methode fast schon sympathisch: Warum nicht einfach den Schiedsrichter in der Halbzeit per Smartphone mit seinen Fehlentscheidungen konfrontieren. Dann hätten die armen Unparteiischen immerhin in den ersten 45 Minuten ihre Ruhe.

4. Lehre: Wir sind gefangen im langweiligsten Tag aller Zeiten

Und da geht sie hin, die Spannung. War schön. Aber wie die Erleichterung nach der Entleerung einer vollen Blase einfach nicht von langer Dauer. Das wird übrigens auch der Torhüter von Salford City bestätigen können.

Der FC Bayern steht wieder an der Tabellenspitze der Bundesliga. Drei Wochen unter Jupp Heynckes und der FCB gewinnt alles, der BVB verliert fast alles und Leipzig hat irgendwie auch keinen Bock mehr, dem deutschen Rekordmeister noch gefährlich zu werden.

Es ist, als würde sich im deutschen Fußball auf ewig der 11. April 1954 wiederholen. Bei diesem Datum handelt es sich nachweislich um den langweiligsten Tag des 20. Jahrhunderts.

Damals geschahen lediglich drei Dinge, die auch nur halbwegs berichtenswert waren bzw. im Nachhinein erwähnenswert sind: In Belgien wurde gewählt, irgendein türkischer Professor wurde geboren und ein Fußballer namens Jack Shufflebotham starb. Der war übrigens in der englischen Football League als Innenverteidiger für Notts County, Birmingham City und Oldham Athletic tätig.

Und wenn Sie aus dem 10. Spieltag schon nichts gelernt haben, dann wissen Sie jetzt zumindest das. Und das ist ja auch irgendwie was wert.