Zuletzt hatte es den Anschein, dass bei den Bayern wieder Ruhe einkehrt - bis Manuel Neuer einen beherzten öffentlichen Vorstoß wagte. Neuers Kritik ist zwar zielgerichtet, verfolgt in der Sache aber nur eigene Interessen.

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"Stärke deine Stärken" ist so ein Kernsatz. Man findet ihn irgendwann in jedem Handbuch der Betriebswirtschaftslehre, ebenso wie in der Lebensberatung und Karriereplanung. Und manchmal auch im Fußball.

Man arbeitet mit dem vorhandenen Potenzial und versucht das zu verbessern. Darum geht es in jedem Training und in jedem Spiel. Momentan ist es etwas schwierig mit dem Trainieren und es ist unmöglich zu spielen.

FC Bayern plant in Coronakrise den Kader

Also versuchen sie auch beim FC Bayern, wenigstens ein bisschen zu konservieren. Echte Fortschritte sind, wenn überhaupt, erst wieder bei regelmäßigem Spielbetrieb zu erwarten. Aber immerhin sind die Bayern ja in Sachen Kaderplanung schon einige Schritte nach vorne gekommen.

Der Transfersommer wird ein ganz spezieller, so viel kann man jetzt schon sagen. Vielleicht verliert er seine ganz eigenen, mitunter kruden Gesetzmäßigkeiten, wird als abgespeckte Version verkauft oder findet in einem sehr kurzen Zeitraum statt.

Für die Scouts und Kaderplaner, sowie deren Vorgesetzten in den Trainer- und Chefbüros ist das eine schwierige Ausgangslage. Auch die Bayern können sich nicht darüber sicher sein, im Sommer so fulminant wie eigentlich erwünscht einzukaufen, den Kader auszudünnen und nach Herzenslust zu modellieren. Also konzentriert man sich auf das, was längst auf dem Hof steht. Und hier kommt Manuel Neuer ins Spiel.

Manuel Neuer und der FC Bayern haben sich gesucht und gefunden

Seit fast neun Jahren hechtet und hält Neuer für die Bayern, aus "Koan Neuer" ist über die Jahre ein Champions-League- und Weltpokalsieger geworden, ein mehrfacher Deutscher Meister und Pokalsieger, ein Weltmeister, der zeitweise beste Torhüter der Welt und seit drei Jahren Kapitän dieser Mannschaft.

Man kann wohl behaupten, Neuer und Bayern hätten sich gesucht und gefunden und eine Erfolgsgeschichte geschrieben, wie sie selbst in diesem Erfolgs-Klub nicht ganz so oft vorkommt.

Manuel Neuer ist eine Institution bei den Bayern, das weiß der Klub und das weiß auch Neuer selbst. Im Sommer 2021 läuft sein Vertrag in München aus und es liegt auf der Hand, dass beide Seiten noch einmal verlängern wollen.

Die Ausgangslage ist also wie gemalt, zumal die Bayern in den letzten Tagen nicht untätig waren. Sondern in einer brenzligen Phase die Verträge mit zwei sehr wichtigen Figuren im Klub bereits verlängern konnten.

Thomas Müller, neben neuer einer der wenigen verbliebenen Helden von 2013, hat ein neues Papier unterschrieben. Und Hans-Dieter Flick wird auch über den Sommer hinaus Trainer beim Rekordmeister bleiben. Besonders die Übereinkunft mit Flick bildet für Neuer einen wichtigen Eckpfeiler in den Vertragsgesprächen mit dem Klub.

Es lief richtig gut bei den Bayern

Zuletzt hatte es den Anschein, dass die Bayern nach ein paar Ungereimtheiten zuvor wieder Ruhe reinbekommen; Müller, Flick, die angeblich bevorstehende Verlängerung mit Thiago, mit Herrmann Gerland, mit Miroslav Klose als möglichem Co-Trainer der Profis - das sollte die nervöse Gemengelage eigentlich beruhigen.

Bis am Wochenende ein Interview von Neuer samt dessen Berater Thomas Kroth mit der "Bild am Sonntag" die Idylle störte. Neuer und Kroth sahen sich bemüßigt, ein paar Dinge klarzustellen. Etwa die Gerüchte um einen Fünfjahresvertrag oder jene über angeblich 20 Millionen Euro Jahresgehalt - beides angeblich gefordert von der Neuer-Seite.

"Ich möchte so lange spielen, wie ich fit bin. Aber vor allem möchte ich Vertrauen spüren, das ist mir das Wichtigste. Mir ist doch völlig klar, dass es utopisch ist, den Verein auf einen Fünfjahresvertrag, wie er angeblich im Raum steht, festzunageln. Mit 34 Jahren kann ich ja nicht absehen, wie es mir mit 39 Jahren geht. Darum macht diese Endgültigkeit, die öffentlich suggeriert wurde, ja überhaupt keinen Sinn", wird Neuer zitiert.

20 Millionen Jahresgehalt? Falsche Zahl, sagt Neuer-Berater

Die 20 Millionen Euro Jahresgehalt seien "schlichtweg falsch". Es gehe nicht darum, "die Nummer eins der Gehaltsliste zu werden", assistierte Kroth. Die "richtigen" Zahlen oder zumindest einen Hinweis auf eine Einordnung nannte Kroth nicht. "Flexibel" wolle man bleiben.

Es ist nachvollziehbar, dass sich Neuer und sein Berater gegen den Vorwurf erwehren, den FC Bayern vor sich herzutreiben. Gerade in der momentan angespannten Lage, wo Millionen Menschen fast ungebremst auf den finanziellen Ruin zusteuern und Neuer dann 2.400 Euro Stundenverdienst angedichtet werden.

Er wolle "einen Vertrag haben, bei dem der FC Bayern und ich eine Win-win-Situation haben, mit dem alle glücklich sind." Das wäre eine schöne Schlusspointe gewesen, hätte der 34-Jährige nicht noch ein paar andere Dinge vom Stapel gelassen – und damit seine direkten Vorgesetzten frontal attackiert.

Neuer wie damals Lahm - und doch ganz anders

"Irritiert" und verärgert sei er, dass Inhalte der Vertragsgespräche, "die oft nicht einmal stimmen", an die Öffentlichkeit gekommen sind. "Das kenne ich so nicht beim FC Bayern. Mir war immer wichtig, mit den Mitarbeitern in Führungspositionen vertrauensvoll zusammenarbeiten zu können - so loyal, wie ich mich als Spieler und Kapitän dem Verein gegenüber auch verhalte. Wenn jetzt Sachen offenbar gezielt nach außen getragen werden, ist das auch etwas, das den Bereich 'Wertschätzung' betrifft."

Neuer selbst sei nicht Teil der Gesprächsrunden, deshalb "kann und will ich nicht mit dem Finger auf einzelne Personen zeigen. Aber der Personenkreis dort ist ja überschaubar", sagte Neuer auf die Frage nach einem Maulwurf.

"Da sitzen zwar nur zwei, drei Leute mit am Tisch, aber die Informationen werden innerhalb des Vereins ja auch weitergegeben. Keine Ahnung, über welche Kanäle das dann nach draußen dringt. Es geht uns ja auch gar nicht darum, jetzt jemanden an die Wand zu stellen, sondern ums Grundsätzliche", so Berater Kroth.

Es waren bewusst gewählte, harte Worte und ein wenig driftete das Interview damit in Richtung der Generalabrechnung von Philipp Lahm vor etwas mehr als zehn Jahren mit den Bayern.

Lahm hatte damals an der Medienabteilung vorbei in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" die Einkaufspolitik und Klubphilosophie der Bayern harsch attackiert und war später deshalb mit einer Rekordstrafe belegt worden.

Allerdings verfolgte Lahm damals gänzlich andere Motive als Neuer: Die Bayern standen mit dem neuen Trainer Louis van Gaal und nach einer enttäuschenden Vor-Saison besonders schlecht da, drohten schon in der Gruppenphase aus der Königsklasse auszuscheiden und Lahm, damals noch kein Champions-League-Sieger und noch kein Weltmeister, dafür aber brutal ambitioniert in seinen Karrierezielen, sah seinen Klub auf einem ziemlich falschen Weg.

Salihamidzic als Adressat

Neuer argumentiert dagegen aus seiner recht persönlichen Sicht. Er korrigiert öffentlich offenbar lancierte Verhandlungsdetails, die es zwar in die Medien schafften und damit auch zu den Fans, die am Ende aber gar nicht stimmen.

Wenigstens indirekt geht Neuers Kritik an die Adresse von Hasan Salihamidzic. Der kommende Sportvorstand ist einer der "zwei, drei Leute", die mit am Verhandlungstisch sitzen. Schon im Winter gab es zwischen beiden im Rahmen des Transfers von Alexander Nübel einige Irritationen, es ging um angebliche Einsatzgarantien für Nübel, die Neuer so nicht akzeptieren wollte.

Auch damals ging die Nummer eins ziemlich forsch in die Offensive und nutzte einen Medientermin, um eindeutig seine Pfründe abzustecken.

Nun droht sich ein öffentlicher Streit zwischen Neuer und seinem Arbeitgeber zu entwickeln, über Anstand und Stil und über Maulwürfe - die es bei den Bayern doch gefühlt schon seit jeher gibt.

Bayern will Kader-Stamm erhalten

Das wiederum befeuert das Bild des zwar über die Maßen erfolgreichen, aber auch latent unruhigen Klubs, der sich seine Problemchen zur Not selbst macht. Für die Bayern-Kenner und dessen wichtigste Protagonisten mag das ein vertrauter Zustand sein, vielleicht gehört es zu einem Klub dieser Größenordnung auch dazu.

Die Bayern wollen den Stamm ihres Kaders halten, sie wollen ihre Stärken stärken und ihrer "alten" Garde ein, zwei, drei letzte große Anläufe auf die Champions League gewähren. Deshalb sollen die Leistungsträger gehalten werden und womöglich - sofern es der Transfermarkt zulässt - auch der eine oder andere Neue zugekauft werden.

Diese potenziellen Zugänge bekommen derzeit ein gutes Bild davon, wie es bei den Bayern zugehen kann. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Verwendete Quelle

  • Bild.de: Nübel-Einsatzgarantie? Das sagt Neuer zu den Gerüchten
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