Als noch niemand von einem lästigen Virus namens Corona gehört hatte und der Fußballbetrieb noch normal lief, konnte man manchmal am eigenen Fan-Dasein verzweifeln. Seit die Coronakrise auch die Bundesliga fest im Griff hat, kehrt jedoch die Sehnsucht nach den Nachmittagen in zugigen Stadien zurück. Zumindest geht es unserem Kolumnisten so.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

"Warum tu ich mir das eigentlich an?" Es ist der 19. Januar 2020. Olympiastadion Berlin. Sonntag Nachmittag. 2 Grad, die sich im zugigen Olympiastadion anfühlen wie -8 Grad. Es ist Halbzeit im Spiel "meines" FC Bayern München bei Hertha BSC.

Das Spiel ist bis hierhin lausig. Bayern kommt eingerostet aus der Winterpause. Hertha kann nicht mehr als den einfachen Defensivfußball, den sie zeigen. In der Halbzeit versuchen Stadionsprecher und ausgewählte Fan-Botschafter aus einem Berliner Stadtteil im Talk die Stimmung aufzuheitern. Es gelingt ihnen nicht.

Ich friere, das Spiel ist schlecht. Das Bier ist ähnlich. "Warum tu ich mir das eigentlich an?", denke ich in diesem Moment. Das liegt nicht nur an diesem Moment, am Olympiastadion oder an der schwachen Leistung von Coutinho, über die ich mich mal wieder aufgeregt habe.

Es liegt sicher auch daran, dass der Fußball mich seit Jahren im Klammergriff hat. Vor zehn bis 15 Jahren war es das größte für mich, immer mehr Fußball zu sehen. Bundesliga, Champions League, Europa League, WM, EM, Premier League, Serie A, Primera Division. Immer mehr war verfügbar. Fußball ist omnipräsent geworden. Es gibt jeden Tag irgendwo ein Spiel.

Das ist aufregend, aber es stumpft auch ungemein ab. Und so ertappe ich mich im Januar in Berlin beim Gedanken daran, dass die beheizte S-Bahn nach Hause vielleicht auch ganz nett wäre.

Rückkehr-Pläne der Bundesliga stehen auf wackeligen Beinen

Das Spiel im Olympiastadion ist etwas mehr als drei Monate her. Das Jahr ist das gleiche. Doch die Welt ist eine andere. Und das sicher nicht nur, weil damals noch Jürgen Klinsmann an der Seitenlinie der Berliner stand. Die Corona-Pandemie hat nicht nur den Sport, sondern die gesamte Gesellschaft fest im Griff.

Seit Wochen ist an Fußball nicht mehr zu denken. Nicht in der Bundesliga. Nicht in der 2. Kreisklasse. Niemand weiß, wann sich das ändern wird. Volle Stadien – so viel scheint sicher – wird es monatelang nicht mehr geben. Vielleicht sogar Jahre. Der Plan der Bundesliga-Bosse Anfang Mai, zumindest den Spielbetrieb wiederaufzunehmen, steht auf sehr wackeligen Beinen.

Der Verlauf der Epidemie wird darüber maßgeblich entscheiden. Sollten die Fallzahlen in den nächsten Tagen wieder in die Höhe schnellen, wäre Fußball selbst in leeren Stadien kaum vermittelbar.

Auch ich finde die aktuellen Rückkehr-Pläne der Bundesliga völlig verfrüht. Und doch fehlt mir in diesen Tagen etwas gewaltig. Der Fußball. In all seiner Schönheit, seinem Tempo, seiner Emotionalität und ja – auch seiner Widersprüchlichkeit.

Als Fan des FC Bayern hat man mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben das Wort "Erfolgsfan" gehört habe. Als ich mir meinen Verein ausgesucht habe, war ich fünf und hatte keine Ahnung. Mir gefielen die roten Trikots. Meine Mutter schenkte mir ein Labbadia-Trikot vom FC Bayern. Damit fing ich an, Fußball zu spielen.

Der Club ließ mich nicht mehr los. Als Bayern-Fan – so heißt es – wisse man gar nicht, wie sich Niederlagen anfühlen. Was für ein Irrglaube. Mehmet Scholl, der Europameister wurde, Champions-League-Sieger und zigfach deutscher Meister, hat über seine Karriere einmal gesagt: "Die Tiefen waren tiefer als die Höhen hoch waren." Ich verstehe grundsätzlich was er meint. Die wichtigsten Momente meines Fan-Daseins haben mit brutalen Niederlagen zu tun.

Wenn aus Niederlagen etwas Großes entsteht

Das Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United. Eine Hand am Pokal bis zur 91. Minute. Bis Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer innerhalb von zwei Minuten alles zunichtemachten.

Es gibt eine Szene von Sammy Kuffour, wie er kurz nach dem Schlusspfiff vor Wut und Enttäuschung auf den Boden im Camp Nou einhämmert. Genauso habe ich mich gefühlt. Erst diese Niederlage machte zwei Jahre später den Champions-League-Sieg mit fast der gleichen Mannschaft so besonders. Manche aus der Mannschaft um Stefan Effenberg und Oliver Kahn sagen sogar, dass der Titel 2001 nur aufgrund dieser heftigen Niederlage möglich wurde.

Das gilt auch für das Jahr 2012 und die Niederlage gegen Chelsea im Finale im eigenen Stadion. Bastian Schweinsteiger ist mein Jahrgang. Manchmal hat es sich angefühlt, als wären wir gemeinsam erwachsen geworden. Als Peter Cech seinen Elfmeter an den Pfosten lenkte, war da nur noch Leere. Aus diesem Gefühl entstand ein Jahr später der vielleicht größte Triumph der Vereinsgeschichte mit dem Triple 2013.

Nach dem gewonnen Champions-League-Finale gegen Dortmund saßen Bastian Schweinsteiger und Arjen Robben völlig erschöpft, aber glücklich im Mittelkreis des Wembley-Stadions. Und ich weiß einfach, dass sie in diesem Moment über die Niederlage im Jahr davor gesprochen haben. Weil beides zusammengehört. Und das macht den Fußball so besonders.

Der Fußball, der solche Geschichten schreibt, fehlt mir. Was sich eben noch wie der Klammergriff des Fußball-Business anfühlte, hinterlässt heute eine große Leere. Im Moment haben wir nichts. Nicht mal graue Bundesliga-Spiele im zugigen Olympiastadion.

Und deshalb denke ich heute mit anderen Gefühlen an diesen kalten Januar in Berlin zurück. Ich freue mich auf den Tag, an dem der Fußball zurückkehrt. Nicht Geisterspiele, um irgendwie die Liga zu Ende zu bringen. Sondern echter Fußball. Ohne schlechtes Gewissen, weil diese verdammte Krise hoffentlich irgendwann hinter uns liegt. Und dann meinetwegen auch bei 2 Grad, die sich anfühlen wie -8.

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