Der FC Bayern nimmt im Frühjahr so richtig Fahrt auf, die Mannschaft hat zurückgefunden zu ihrem spektakulären Stil. Aber ist das auch genug für das ganz große Ziel?

Die Bayern verbreiten beim Gegner wieder Angst und Schrecken. Das nimmt teils groteske Züge: Tausende Fans des FC Arsenal bieten vor dem Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale ihre teuer erworbenen Tickets zu Spottpreisen auf Internetportalen zum Kauf an.

Ganze Blöcke könnten beim Spiel am Dienstag nur halb gefüllt sein, weil die Gunners-Fans nach dem 1:5 im Hinspiel nicht mehr an ein Wunder glauben - und ohnehin von den Leistungen ihrer Mannschaft enttäuscht sind.

Brüste statt Sport: Verein provoziert mit umstrittener Werbung.

Spielwitz, Dominanz und Leichtigkeit

Der Frühling beginnt und die Bayern scheinen auf einmal voll da zu sein. Teile der Hinrunde und der Start der Rückrunde warfen viele Fragen auf. Die Bayern gewannen zwar immer noch recht zuverlässig. Aber sie spielten nicht mehr den dominanten Bayern-Fußball der letzten Jahre.

Vielmehr war das kontrollierter Beamten-Fußball aus den 80er und 90er Jahren, ohne Verve und Esprit, dafür aber mit jeder Menge individueller Klasse, die dann Gegner wie Ingolstadt, Rostov oder Augsburg in die Knie zwang.

Jetzt geht die Saison so langsam in ihre entscheidende Phase. Wie auf Knopfdruck entwickelt der Rekordmeister wieder Spielwitz, Dominanz und Leichtigkeit.

"Wir müssen so weitermachen. Wir haben alle gemerkt, wie schön es ist, so zu spielen, so zu gewinnen. Man kann nicht jedes Spiel 3:0 gewinnen, aber so läuft es im Moment. So muss es weitergehen, dann haben wir die besten drei Monate noch vor uns", sagt Franck Ribery. Der Franzose muss es wissen, er ist nach Philipp Lahm der dienstälteste Spieler im Verein und hat so ziemlich alles mitgemacht bei den Münchnern.

Ribery hat ein Gefühl

Ribery wird in wenigen Tagen 34 Jahre alt. Er ist einer derjenigen im Team, die in dieser Saison vielleicht ihre letzte große Chance auf den Gewinn der Champions League haben. Der Routinier kann die Schwingungen in der Mannschaft gut lesen. Zur Zeit hat Ribery wieder ein ganz besonderes Gefühl.

"Wenn du so spielst wie jetzt, dann habe ich dieses Gefühl wie 2013", sagte er neulich, angesprochen auf das mögliche Triple. "Die Stimmung ist sehr gut, das funktioniert gut, wir sind ein echtes Team, wir wollen zusammen etwas erreichen, etwas gewinnen."

Die Zahlen sprechen für sich: In der Defensive hat sich die Mannschaft deutlich stabilisiert - und das ohne Abwehrchef Jerome Boateng und den nach Schalke abgewanderten Holger Badstuber. Javi Martinez spielt endlich mal wieder verletzungsfrei, und er spielt wie damals 2013: überragend gut.
In den letzten fünf Spielen gönnten die Bayern ihren Gegnern in Bundesliga, Pokal und Champions League nicht mal sieben Torabschlüsse pro Spiel, darunter auch einige Verzweiflungstaten aus 35 Metern Entfernung. Im neuen Kalenderjahr steht die Gegentorquote in bisher zehn Pflichtspielen bei 0,5.

... und das zu Recht. Wieso mindestens ein Remis verdient gewesen wäre.

Mix aus Ancelotti und Guardiola

Dafür rappelt es vorne wieder mächtig. Carlo Ancelotti hat der Mannschaft in der Hinrunde viele Freiheiten gewährt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Spieler willfähriger waren als noch unter Pep Guardiola und letztlich der klare Plan, die Spielidee ein wenig verloren ging.

In den letzten Partien zeigten sich wieder die Guardiola-Bayern: unglaublich gutes Pressing und Gegenpressing, perfektes Positionsspiel, erdrückende Dominanz.

Derzeit scheint es, als könne Ancelotti das Beste seiner Philosophie und die Versatzstücke des Guardiola-Fußballs zusammenfügen und mit dieser Mixtur auf den Leistungshöhepunkt im April und Mai zusteuern - eben dann, wenn es darauf ankommt.
Daran sind die Bayern in den letzten Jahren gescheitert. In den entscheidenden K.o.-Spielen der Champions League, in denen lediglich Nuancen entscheiden, konnten sie nicht mehr zulegen.

Vielleicht wird das in dieser Saison anders.
Hoffnungsträger gibt es genug, neben Martinez auch Thiago, der in München endlich so richtig explodiert, oder Robert Lewandowski, der derzeit fast nach Belieben trifft.

Reicht es gegen Spitzenclubs?

Und trotzdem bleiben ein paar Fragen. Bei allem Respekt vor den letzten Gegnern: Arsenal, Schalke, der HSV und selbst der 1. FC Köln durchlaufen momentan eine schwierige Phase ihrer Saison. Was sind acht Tore gegen Hamburg wert, wenn bald im Viertel- oder Halbfinale der Königsklasse wieder Atletico wartet oder Paris?

Und was passiert, wenn sich auf dem Weg zu den großen Zielen noch einer oder sogar mehrere Spieler verletzen, die momentan als unverzichtbar gelten? Wer könnte Neuer, Lewandowski, wer Thiago oder Martinez auf diesem Niveau ersetzen?

Die Bayern müssen diese Fragen derzeit nicht beantworten, bis auf Boateng ist der Stamm des Kaders an Bord und Ancelotti kann aus dem Vollen schöpfen. Es wird sich aber kaum vermeiden lassen, dass schon bald auch die Stunde des einen oder anderen Reservisten schlägt. Und Joshua Kimmich, Renato Sanches oder Thomas Müller sollen ja immer noch ganz gut Fußballspielen können.