Als die Mannschaft von Borussia Dortmund beim 4:1-Heimsieg gegen Werder Bremen ins Stadion einlief, konnte man als nostalgischer BVB-Fan für einen kurzen Moment das schöne Gefühl haben, dass nun ein Team um Michael Zorc, Stéphane Chapuisat, Lars Ricken und Júlio César den Platz betritt.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
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Der Grund für diese kleine emotionale Zeitreise in die 90er-Jahre: ein schwarz-neongelbes Sondertrikot, welches die Spieler in Erinnerung an die glorreichen Jahre der Meisterschaften von 1995 und 1996 und des Champions-League-Sieges von 1997 trugen.

Retro-Trikot des BVB: Aus einer schönen Geste wird ein Verkaufsdebakel

So weit, so schön. In Zeiten von Corona-Pandemie, Zuschauerausschlüssen und immer irrsinnigeren Super-League-Plänen hat sich der BVB damit eine schöne Geste überlegt, um der bewegten Vereinsgeschichte Tribut zu zollen. Im Nachhinein hat man sich aber auch ein ziemliches Eigentor geschossen, wie zahlreiche wütende Kommentare der Fans in den sozialen Netzwerken zeigen. Was war passiert?

Die Gerüchte um ein solches Retro-Trikot kursierten schon seit einigen Tagen. Als der BVB auf seinen Social-Media-Kanälen pünktlich zum Spielbeginn entsprechende Werbevideos und einen Verweis auf den Online-Shop veröffentlichte, war klar: Das Trikot ist (natürlich) auch käuflich zu erwerben. Es kam, was kommen musste. Innerhalb von Minuten war der BVB-Shop komplett überlastet.

Der Verein selbst gab dazu an, dass zwischenzeitlich über 150.000 Personen gleichzeitig versuchten, eines der begehrten Trikots zu ergattern. Als dann am Sonntagabend "ausverkauft" vermeldet wurde, waren zahlreiche Fans ziemlich bedient.

Das Debakel war absehbar

Die Borussia musste sich daraufhin Einiges anhören: Wer kommt auf die Idee, den Verkaufsstart ausgerechnet auf den Anpfiff einer Bundesligapartie zu legen? Die Fans, die nicht auf Twitter oder Facebook unterwegs sind, hatten damit faktisch ohnehin keine Chance, ein Trikot zu erhalten.

Ein anderer Kritikpunkt betrifft die geringe Auflage: Es dürfte vorher klar gewesen sein, dass solche Sondertrikots unter den Anhängern extrem begehrt sind. Schließlich erlebte man den gleichen Ansturm bereits im Dezember 2019, als auch das limitierte "Kohle & Stahl"-Trikot in kürzester Zeit ausverkauft war.

Dass schon Minuten nach dem Verkaufsstart einzelne Trikots (Stückpreis: 85 Euro) für 250 Euro und mehr auf eBay gehandelt wurden, hat sicherlich nicht zur Besänftigung der Fans geführt, die leer ausgegangen waren. Am späten Sonntagabend hatte der BVB aber doch noch eine gute Nachricht für alle Trikotjäger parat: in Abstimmung mit Ausrüster Puma habe man sich darauf verständigt, noch einige Exemplare mehr zu produzieren, um die riesige Nachfrage zu bedienen.

BVB-Marketingabteilung sollte Hausaufgaben sorgfältiger machen

Fazit: Vielleicht sollte die Marketingabteilung der Borussia beim nächsten Mal ihre Hausaufgaben ein bisschen sorgfältiger machen. Nachdem der Verkauf eines Sondertrikots nun zum zweiten Mal in Folge für mehr Ärger als Freude in der Anhängerschaft gesorgt hat, könnte man ja einfach die notwendigen Lehren daraus ziehen.

Eine andere, etwas zynische Bemerkung: Es ist schon nicht ganz ohne Ironie, dass tausende Fans von Borussia Dortmund während eines Spiels ihres Vereins in Warteschlangen verharren, um ein Puma-Shirt für 85 Euro zu erwerben (und es im schlimmsten Fall aus reiner Profitgier für ein Vielfaches zu verkaufen), und gleichzeitig empört auf den neusten Auswuchs des kommerziellen Fußballs in Gestalt der Super League reagieren. Ohne Fans, die sich eher wie Kunden verhalten, funktioniert das Business Fußball eben auch nicht.

Robert Lewandowski, Rafal Gikiewicz, FC Bayern München, FC Augsburg, Bundesliga, 34. Spieltag, 2021
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