Mit einem eindeutig strafbaren Handspiel versucht ein Leverkusener, ein Tor zu verhindern. Das misslingt jedoch, weil ein Paderborner im Nachschuss trifft. Es gibt jedoch nur eine Gelbe statt einer Roten Karte. Diese Regelung gefällt einem früheren Nationalspieler nicht.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

In der temporeichen Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem SC Paderborn (3:2) waren 25 Minuten absolviert, als sich der mutige Aufsteiger aus Ostwestfalen mit Hochgeschwindigkeit dem Tor der Hausherren näherte. Christopher Antwi-Adjei schoss den Ball aus spitzem Winkel auf den Kasten, Torwart Lukas Hradecky konnte die Kugel nur in die Mitte abwehren.

Dort war Sven Michel völlig frei und zog aus zweieinhalb Metern ab. Auf der Torlinie rettete der Leverkusener Verteidiger Wendell – und zwar in Torwartmanier mit beiden Händen. Zweifellos ein strafbares Handspiel, die Paderborner protestierten deshalb auch sofort und heftig. Doch Schiedsrichter Tobias Stieler zögerte mit dem Pfiff.

Dafür gab es einen guten Grund, denn Streli Mamba war mutterseelenallein und versenkte den Ball aus kurzer Distanz zum 2:2 im Netz. Der Unparteiische gab den Treffer, entschied also auf Vorteil. Außerdem zeigte er Wendell die Gelbe Karte. Das überraschte viele: Hätte der Brasilianer nicht des Feldes verwiesen werden müssen?

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Schließlich hatte er mit grob unsportlichen Mitteln versucht, ein klares Tor zu verhindern. Doch für den Fall, dass dieses unfaire Vorhaben scheitert und das Tor doch noch fällt, sehen die Regeln lediglich eine Verwarnung vor. Die Vollendung wird also härter bestraft als der gescheiterte Versuch. So kennt man es auch aus dem Strafrecht.

Elfmeter und Rot? Oder lieber Tor und nur Gelb?

Doch im Studio des Senders Sky bemängelte Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann die Regel. Er war der Ansicht, dass die Paderborner einen größeren Vorteil gehabt hätten, wenn es statt der Anerkennung des Tores und der Gelben Karte für Wendell einen Strafstoß und eine Rote Karte gegeben hätte.

Dann hätte zwar das Risiko bestanden, dass der Elfmeter verschossen wird, aber Paderborn hätte mehr als eine Stunde lang in Überzahl spielen können. Hamann plädierte deshalb für ein Wahlrecht in einer solchen Situation. Das betreffende Team könnte seine Entscheidung vom Spielstand und der Spielzeit abhängig machen.

Allerdings liegt den Fußballregeln der Gedanke zugrunde, dass es keinen größeren Vorteil für eine Mannschaft gibt als ein Tor. Ein Elfmeter ist nichts anderes als die spieltechnische Kompensation für ein Vergehen durch die verteidigende Mannschaft in der torgefährlichsten Zone. Hinzu kommt mit dem Feldverweis oder der Verwarnung die individuelle Strafe für den fehlbaren Spieler.

Wenn nichts kompensiert werden muss, weil das Vergehen durch die Anwendung der Vorteilsregel nicht zum Tragen kam, fällt auch die persönliche Bestrafung geringer aus. Die Mannschaft, der ein Schaden entstand oder entstehen sollte, wird so oder so unmittelbar entschädigt.

Wenn der Vorteil eintritt, gibt es keinen Strafstoß mehr

Das bedeutet: Wenn der Strafstoß und die Überzahl den Paderbornern tatsächlich lieber gewesen wären, hätte Mamba auf den Torschuss verzichten müssen. Keine vernünftige Option wäre es hingegen für ihn gewesen, den Ball einfach am Leverkusener Tor vorbeizuschießen.

Denn dadurch, dass Mamba wenige Meter vor dem leeren Tor in zentraler Position völlig frei zum Schuss kam, war eine klare Vorteilsituation gegeben, die eine größere Torchance bedeutete als ein Elfmeter. Im Augenblick des Torschusses trat der Vorteil ein, unabhängig von seinem Ergebnis.

Ein Fehlschuss hätte also nicht zu einer weiteren Gelegenheit in Form eines Strafstoßes geführt. Und aufgrund der Vorteilsgewährung auch nicht zu einem Feldverweis für Wendell, sondern ebenfalls nur zu einer Gelben Karte.
Was sonst noch wichtig war:

  • Im Zeitalter des Video-Assistenten ist es keine erfolgversprechende Idee, den Gegner im eigenen Strafraum einfach umzureißen, wenn der Ball weit weg ist und der Schiedsrichter gerade nicht hinschaut. Das musste auch Marko Grujić einsehen, der im Spiel zwischen dem FC Bayern München und Hertha BSC (2:2) Robert Lewandowski nach knapp einer Stunde ohne Not am Oberarm fasste und zu Boden warf. Weil Referee Harm Osmers dieses Vergehen nicht sah, schritt der Video-Assistent ein und riet dem Unparteiischen zu einem Review. Anschließend gab es einen Strafstoß für Bayern, Gelb für den Herthaner und das Ausgleichstor für die Münchner zum 2:2. Grujić war nach dem Spiel zerknirscht: "Ich habe mich da etwas naiv verhalten. So etwas wird mir in Zukunft nicht mehr passieren."
  • Seit dieser Saison gilt uneingeschränkt: Wenn bei einem Tor oder einer Torvorlage die Hand oder der Arm eines Angreifers im Spiel war, zählt der Treffer unter keinen Umständen. Also auch dann nicht, wenn das Handspiel an anderer Stelle auf dem Spielfeld nicht strafbar wäre. Folgerichtig wurde das Tor des Leipzigers Lukas Klostermann in der Partie von Union Berlin gegen RB Leipzig (0:4) aberkannt: Mitspieler Yussuf Poulsen hatte den Ball vorher mit dem Arm berührt. Unabsichtlich zwar, aber das spielt nun keine Rolle mehr. Schiedsrichter Markus Schmidt hatte das Handspiel nicht gesehen, deshalb intervenierte sein Video-Assistent. Zu einem On-Field-Review kommt es in solchen Situationen übrigens nicht. Denn bei dieser Entscheidung gibt es nur schwarz und weiß, eine Bewertung durch den Referee ist deshalb nicht nötig.
  • Nicht einverstanden mit dem Schiedsrichter war Dominick Drexler. In der Begegnung des VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln (2:1) war der Mittelfeldspieler der Rheinländer bei einem Zweikampf mit Josuha Guilavogui im Strafraum der Gastgeber zu Fall gekommen. Die Pfeife des Unparteiischen Sven Jablonski war jedoch stumm geblieben. "Er meinte, ich heb‘ zu früh ab", zitierte Drexler den Referee nach dem Spiel, um einzuwenden: "Wenn ich nicht abhebe, rammt er mich um. Er kommt zu spät, ich spitzel den Ball vorbei." In der Tat traf Guilavogui nur den Kölner, doch ein On-Field-Review gab es nicht. Anscheinend war der Video-Assistent zumindest nicht gänzlich anderer Ansicht als Jablonski. Dabei hätte es dafür gute Gründe gegeben, wie selbst Guilavogui zugab, als er sagte: "Den kann man pfeifen."