Große Aufregung in Wolfsburg, heftige Diskussionen in Köln, ungläubige Gesichter in Augsburg - in drei der sechs Bundesligaspiele vom Samstag standen die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter im Mittelpunkt. Sind die Unparteiischen wirklich schlechter geworden?

Günter Perl verweigerte beim 0:0 zwischen dem 1. FC Köln und 1899 Hoffenheim den Kölnern gleich zwei klare Elfmeter. Etwas lockerer saß die Pfeife bei Marco Fritz, der beim Duell zwischen dem 1. FC Augsburg und dem 1. FSV Mainz 05 (3:3) einen Handelfmeter gab, der keiner war. Und Manuel Gräfe überstimmte in der Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen seinen Assistenten, der vor dem 1:0 korrekterweise eine Abseitsstellung anzeigte.

Die Schiedsrichter stehen in der Kritik. Laut "Bild"-Zeitung gab es nach elf Spieltagen bereits 45 Fehlentscheidungen. Vergangene Saison lagen die Unparteiischen zum gleichen Zeitpunkt "nur" 30 Mal daneben. Zu einem ähnlich schlechten Zwischenergebnis kommt der "kicker": An sieben von elf Spieltagen gab es zumindest eine gravierende Fehlentscheidung.

Hamburger SV profitierte vergangene Saison von Fehlentscheidungen

Auch die Fußballfans sind von den Schiri-Patzern offenbar genervt. "Bild.de" startete am Sonntag eine Umfrage, wie die Leistungen der Schiedsrichter zu bewerten sind. Das ernüchternde Resultat: Von 32.308 Stimmen vergaben 62 Prozent die Noten "Mangelhaft" oder "Ungenügend". Allerdings dürfte es auch Fußball-Fans geben, die von manch schlechter Schiedsrichter-Leistung durchaus angetan sind. Allen voran die Anhänger vom Hamburger SV. Der Grund: Laut "Wahre Tabelle" wäre der Bundesliga-Dino in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils direkt abgestiegen, hätte er nicht von Fehlentscheidungen profitiert.

Jörg Schmadtke, Geschäftsführer des 1. FC Köln, fordert Konsequenzen. "Es passieren häufiger solche Fehler, und sie werden massiver", sagt er dem "kicker". "Trainer, Spieler, Manager, Schiedsrichter, alle müssen an einen Tisch und miteinander reden." Es existieren bereits Maßnahmen, um den Unparteiischen das Leben zu erleichtern. In der Bundesliga wurde zur laufenden Saison die Torlinientechnologie eingeführt. Bei den oftmals kniffligeren Abseits-, Handspiel-, oder Elfmeterentscheidungen sind die Unparteiischen jedoch auf sich gestellt. Weitere Hilfestellungen werden also benötigt.

Niederlande testen den Videoschiedsrichter

Der niederländische Fußballverband KNVB testet bereits den Videoschiedsrichter. Dieser sitzt im Übertragungswagen und hat momentan lediglich die Aufgabe, die Leistung des Referees auf dem Platz zu bewerten. Im März 2016 entscheidet das Advisory Board, eine Kammer des International Board (IFAB), ob der Videoschiedsrichter zukünftig Hinweise an seine Kollegen auf dem Spielfeld geben darf. Laut Advisory Board sollte er sich lediglich innerhalb von zehn Sekunden einschalten können - und auch nur, wenn das Spiel unterbrochen wurde. Genügend Zeit, um sich eine knifflige Situation mehrmals anzuschauen, würde also nicht bestehen.

Anders wäre es bei einem Videobeweis. In vielen anderen Sportarten ist dies längst üblich. In der nordamerikanischen NFL (American Football) kann jeder Trainer zweimal pro Halbzeit eine gründliche Videoüberprüfung verlangen. Wäre das auch im Fußball eine Überlegung wert? Andreas Rettig, der vor seiner Tätigkeit als Geschäftsstellenleiter des FC St. Pauli Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga gewesen ist, sprach sich im "kicker" dagegen aus, "weil eine Auszeit taktisch missbraucht werden könnte." Ein komplett anderer Ansatz kommt ausgerechnet aus dem Kinder-Fußball. In der Fair Play Liga sind Fehlentscheidungen des Schiedsrichters ausgeschlossen, weil es schlicht und ergreifend keinen Schiedsrichter gibt. Stattdessen entscheiden die Kinder selber. Ehrlichkeit und Fairness sind gefordert. Doch das wäre von den erwachsenen und hochbezahlten Fußballprofis vermutlich zu viel verlangt.