Heute Abend, so gegen halb neun, wird Christian Streich endgültig wissen, aus welchem Holz seine Spieler geschnitzt sind.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Der Trainer des SC Freiburg neigt ja zu Fatalismus, wenn die prognostizierten Ergebnisse ausbleiben. Er lässt sich nicht davon täuschen, dass seine Mannschaft nach einem Viertel der Saison Platz drei in der Bundesliga belegt und mit 17 Punkten aus neun Spielen nur einen Zähler hinter Bayern München rangiert.

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Wohin zu viel Euphorie im Verein führt, hat er vor wenigen Tagen in Berlin erfahren. Seine Fans brannten in Massen Pyrotechnik ab, seine Spieler vergeigten die Dienstreise mit einem 0:2 bei Aufsteiger Union. Streich war bedient.

Er hält so ein Verhalten für das Resultat aus Größenwahn. Er ist da ganz Adi Preißler: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

Nun müssen sie wieder gegen Union ran, diesmal zu Hause im Breisgau, diesmal im DFB-Pokal. Die Mannschaft steht vor einer neuen Aufgabe: Plötzlich ist der SC Freiburg nicht mehr der Kleine, der die Großen ärgert, sondern der Klub, der einen Kurs Richtung Champions League eingeschlagen und sogar die Neureichen von RB Leipzig besiegt hat.

Man nennt das "Favoritenrolle“ und ahnt schon, was Christian Streich bei diesen Zeilen denkt: "Hörense auf mit diesem Unsinn!" 135 Mio. Euro ist sein Kader wert. So viel wie ein Coutinho beim FC Bayern. Das ist seine Sicht.

Die andere: Union kostet ein Viertel von Freiburg. Man muss sich vom Gedanken lösen, dass Freiburg immer nur "klein" bedeutet.

Freiburg hat einen großen Einfluss auf den deutschen Profifußball

Beim deutschen Argentinien-Länderspiel (2:2) kürzlich in Dortmund hatte Bundestrainer Joachim Löw mehr Nationalspieler vom SC Freiburg auf dem Platz (nämlich zwei) als von Borussia Dortmund (einen).

Wenn er also wie am vergangenen Samstag in der Nachbarschaft zum Bundesliga-Spiel gegen RB Leipzig fährt, sieht er dort mehr deutsche Auswahlspieler (nämlich fünf) als beim vermeintlichen Top-Spiel Schalke 04 gegen den BVB (zwei).

Der Einfluss des SC Freiburg auf den deutschen Profifußball ist inzwischen so groß, dass man den DFB-Präsidenten (Fritz Keller) und den zweiten Sprecher des Bundesliga-Präsidiums (Oliver Leki) stellt. Vom BVB sitzt dort keiner.

Seit fast acht Jahren arbeitet Christian Streich als Cheftrainer beim SC Freiburg. Er hat einen Abstieg überstanden und mit drolligen Auftritten bei Pressekonferenzen dafür gesorgt, dass man die Mannschaft aus dem Breisgau als Unikum der Liga zu schnell unterschätzt.

Fortuna Düsseldorf zum Beispiel, immerhin aus der Landeshauptstadt des größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, kann mit dem SC Freiburg längst nicht mithalten.

Der Marktwert des Fortuna-Kaders erreicht nur 60 Prozent von dem der angeblich so ärmlich betuchten Freiburger. Die werden auch heute im Pokal so tun, als sei das mit dem Erfolg alles nur ein Missverständnis.

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