Ein BVB-Fanklub kapituliert vor rechten Schlägern im Dortmunder Stadion. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Hooliganismus-Forscher Gunter A. Pilz, wie drastisch das Problem rechter Hools beim BVB und im deutschen Fußball ist.

Es liest sich wie ein Hilferuf. Die "BVB-Freunde Deutschland" ziehen sich aus dem Kampf gegen Rechts im Dortmunder Stadion zurück. In einem emotionalen Schreiben berichten die Anhänger des Vize-Meisters, das die neue rechte Gruppierung "0231RIOT" das Kommando auf der Südtribüne übernommen habe.

Von zahlreichen Morddrohungen ist zu lesen, von Tausenden Mails mit rechtem Gedankengut. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Fan- und Hooliganismus-Forscher Prof. Dr. Gunter A. Pilz über eine neue Generation gewalttätiger Hooligans, die Brennpunkte im deutschen Fußball und das Engagement von Borussia Dortmund gegen rechte "Anhänger" im eigenen Fanlager.

Herr Pilz, die "BVB-Freunde Deutschland" haben ihren Kampf gegen Rechts eingestellt, weil sie Angst vor rechtsradikalen Schlägern haben. Überrascht?

Prof. Dr. Gunter A. Pilz: Es kommt nicht überraschend. Gerade in Dortmund ist seit längerem zu beobachten, dass die Hooligan-Szene wieder erstarkt. Dass es Gruppierungen gibt, die sehr dominant sind und versuchen, Macht auszuüben. Es ist ein alarmierendes und entmutigendes Zeichen.

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Der Fanklub schrieb, dass die Südtribüne regelrecht "okkupiert" werde. Ist es so drastisch?

In diese neue Hooligan-Szene integriert sich die Kampfsport-Szene. Das sind Leute, die im Fitnessstudio Martial Arts üben, die brutalste Form körperlicher Auseinandersetzung, Leute, die sich fitmachen für den Straßenkampf. Sie üben in der Fanszene massiv Ängste und Gewalt aus. Andere, denen ihr Leben noch heil ist, ziehen sich wegen ihnen zurück.

Wir reden von einer neuen Dimension der Gewalt?

Wer sich in Martial Arts auskennt, weiß, dass ohne Hemmungen gekämpft wird, bis jemand regungslos ist. Die Hooligans trainieren das in Kampfsportschulen und wissen, wie sie es gezielt anwenden können.

Es hieß, die alte Hooligan-Szene fürchte um ihr Vermächtnis. Hat sie der Rechtsruck wieder erweckt?

Die alte Hooligan-Szene ist zum Teil wieder erwacht. Das hat in der Tat was mit dem starken Anwachsen des Rechtspopulismus zu tun. Der ruft alte, rechte Hools wieder hervor. In Dortmund gibt es den "SS Sigi", Siegfried Borchardt, der die "GnuHunters" wieder belebt hat. Das sind die Vorgänger von Hogesa, elf Hooligan-Gruppen, die sich wieder getroffen haben.

Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die "Kurve" zurückzuerobern und die linken Ultras von der Tribüne zu drängen. Sie sind natürlich sehr stark politisch motiviert. Diese Hooligans tummeln sich im Bereich von Hogesa sowie Pegida als Kampftruppen und meinen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die kennen wahrscheinlich auch keinerlei Autorität?

Natürlich nicht. Beim Europacupspiel der Dortmunder in Donezk 2013 wurden Thilo Danielsmeyer und Jens Volke, zwei Mitarbeiter des BVB-Fanprojekts, von Personen aus diesem Kreis zusammengeschlagen.

Woher kommt der Zusammenhang zwischen Fußball und Rechtsradikalismus?

Der Fußball wird als Plattform missbraucht. Man hat zum einen eine große Öffentlichkeit und zum anderen ein Feindbild, zum Beispiel die linken Ultras. Das Stadion wird genutzt, um Ängste zu schüren. Die neue Hooligan-Szene entfernt sich im Gegensatz zu den Hooligans der 1980er Jahre noch mehr vom eigentlichen Verein und dem Fußball.

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Unternimmt der BVB genug? Was ist mit Stadionverboten?

Die Rechtslage ist problematisch. Zum Beispiel hat 1860 München einst Stadionverbote ausgesprochen. Dagegen haben die Betroffenen geklagt und Recht bekommen. Solange die im Stadion nichts machen, was gegen die Stadionordnung verstößt, können Sie sie nicht des Stadions verweisen. Wenn Sie sich anschauen, was Borussia Dortmund gerade seit den Vorfällen bei besagtem Europacupspiel macht, dann ist das geradezu vorbildlich.

Heißt?

Der BVB hat eine ganz intensive Arbeitsgruppe gebildet und sich deutlich zu seiner Verantwortung bekannt. Der Verein hat gesagt: Wir tun alles, was in unserer Macht steht. Der BVB hat aber auch ganz schnell deutlich gemacht, dass ein Verein alleine hoffnungslos überfordert ist. Es bedarf eines starken Netzwerkes derer, die sich beruflich damit auseinandersetzen. Auch das Fanprojekt ist mit zwei, drei Mann hoffnungslos überfordert.

In den Kommunen gibt es Streetworker. Da muss man die Frage stellen, warum deren Aufgabe vor den Toren des Stadions endet. Ein Sozialpädagoge im ersten Semester lernt: Man muss junge Menschen dort abholen, wo sie sich aufhalten. Der BVB tut mehr, als man von einem Verein verlangen kann. Der Klub hat ein breites Netzwerk für Sozialarbeit aufgebaut. Mehr können die Dortmunder nicht tun. Hier sind wir alle gefordert, die Zivilgesellschaft, genauso wie die gesellschaftlichen Institutionen, die Kommunen, die Länder, der Bund.

Reden wir bei den rechten Hools von sozial ausgegrenzten Machos oder wer verbirgt sich dahinter?

Der neue Rechtspopulismus ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das sind eben nicht nur Leute vom sozialen Rand. Darunter finden Sie auch Akademiker. Der Rechtspopulismus bekommt zunehmend Zuwachs aus der Bildungselite, von Leuten, die fürchten, die Entwicklungen in Deutschland würden an ihrem Wohlstand nagen. Viele der Streetfighter kommen aus dem Bildungsbürgertum.

Welche Vereine haben neben dem BVB mit dem Problem rechter Hools zu kämpfen?

Sie können Alemannia Aachen nehmen, Fortuna Düsseldorf oder Eintracht Braunschweig. Diese Gruppen gibt es überall. In den östlichen Bundesländern haben wir die, ich nenne sie mal Proll-Hools. Die stehen finanziell meist am unteren Rand der Gesellschaft und holen sich über Auseinandersetzungen Selbstwertgefühl zurück. Hochburgen sind Dresden, Leipzig oder Chemnitz.

Abschließend: Müssen wir befürchten, dass Fanblöcke oder ganze Tribünen von rechten Hooligans erobert werden?

Bislang habe ich keine Tribüne gesehen, die vollumfänglich erobert wurde. Die Mehrheit der Zuschauer in den Blöcken ist nach wie vor weder rechtspopulistisch noch rechtsextrem. Ich bin der Überzeugung, dass die Rechten nie die Oberhand gewinnen werden. Die Politiker haben die Gefahr immer noch nicht begriffen. Die Vereine, die davon betroffen sind, haben es aber begriffen, weswegen sich die rechten Schläger in ihren Stadien nicht durchsetzen werden.

Der Sportsoziologe Prof. Dr. Gunter A. Pilz hat an der Uni Hannover jahrzehntelang zu den Themen "Sport und Gewalt" sowie "Fankulturen" geforscht. In den vergangenen Jahrzehnten erstellte der heute 71-Jährige mehrere Gutachten zum Thema für das Bundesinnenministerium. Pilz ist Mitglied der DFB-Kommissionen "Prävention & Sicherheit & Fußballkultur" und "Gesellschaftliche Verantwortung" und sitzt in der Expertenkommission "Ethics and Fair Play" der Uefa.