In Bremen gibt es Lob für den Schiedsrichter, obwohl dieser dem SV Werder einen Strafstoß versagt hat. In Dortmund wiederum ruft erst niemand nach einem Elfmeter, als Jerome Boateng den Ball mit der Hand am Tor vorbeilenkt. Nach der Zeitlupe ist die Empörung dafür groß. Zu Recht?

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt

Es kommt nicht jeden Tag vor, dass sich Spieler oder Trainer lobend über den Schiedsrichter äußern. Erst recht nicht, wenn sie sich mitten im Kampf gegen den Abstieg befinden und gerade wichtige Punkte nicht geholt haben.

Deshalb ist es bemerkenswert, wie sich Florian Kohfeldt, der Coach des SV Werder Bremen, nach dem Spiel seiner Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach (0:0) öffentlich äußerte.

Manuel Gräfe, der Referee dieser Partie, habe "eine Linie gehabt, die ich richtig gut fand", sagte Kohfeldt auf der Pressekonferenz. "Er hat viel laufen lassen, und nur deshalb kam ein Fußballspiel wie heute zustande."

Dieses Lob war vor allem deshalb beachtlich, weil Gräfe den Bremern in der 17. Minute einen Strafstoß verweigerte, als der Gladbacher Christoph Kramer seinen Gegenspieler Davy Klaassen knapp innerhalb des eigenen Strafraums an dessen Fuß traf.

In Bremen gibt es Lob für den Schiedsrichter, obwohl dieser dem SV Werder einen Strafstoß versagt hat.

Der Kontakt war zwar nur leicht, aber Klaassen befand sich in vollem Lauf, und das führte dazu, dass er sich sozusagen selbst ein Bein stellte und fiel. Der Unparteiische ließ jedoch weiterspielen, auch der Video-Assistent griff nicht ein.

Wollte man das diplomatisch kommentieren, wäre vielleicht eine bekannte Fußballfloskel hilfreich: Über einen Elfmeterpfiff hätten sich die Gladbacher wirklich nicht beklagen können.

Kohfeldt ergreift Partei für den Schiedsrichter

Es gab keinen Strafstoß. Das machte Kohfeldt in diesem Moment wütend, doch nach dem Schlusspfiff hatte er sich beruhigt. Mehr noch: Er ergriff Partei für Manuel Gräfe.

Der Schiedsrichter habe ihm in der Halbzeitpause gesagt, der Kontakt sei zu geringfügig gewesen, berichtete der Trainer. Und das könne er akzeptieren. "Lasst uns bitte genau so mit solche Szenen umgehen, dauerhaft, und nicht rausrennen und forensisch fünf Minuten nach einem Vergehen suchen", appellierte Kohfeldt.

Gewiss: Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, hängt nicht von ihrer Bewertung durch Spieler und Trainer ab. Wohl aber die Akzeptanz, die sie und damit der Unparteiische genießen. Und das ist ein hohes Gut.

Florian Kohfeldt sagte aber noch etwas, das aufhorchen ließ: Nicht in Ordnung wäre es aus seiner Sicht gewesen, wenn es auf Empfehlung des Video-Assistenten zu einem Review gekommen wäre und es danach immer noch keinen Elfmeter gegeben hätte.

Das verweist darauf, dass es so etwas wie zwei Wirklichkeiten geben kann: die auf dem Feld und die der Fernsehbilder. Bei den Fernsehbildern wäre außerdem noch zu unterscheiden zwischen der Realgeschwindigkeit und der verlangsamten Wiederholung.

In Echtzeit sah Boatengs Handspiel nicht wie ein Vergehen aus ...

Besonders deutlich wurde das beim Topspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München (0:1) in der 58. Minute.

Da nämlich flog der Ball nach einem Torschuss von Erling Haaland gegen den Arm von Jerome Boateng und von dort neben das Tor der Gäste. Schiedsrichter Tobias Stieler entschied auf Eckstoß, und niemand beim BVB protestierte auch nur zaghaft.

Natürlich: Ausbleibende Reklamationen sind kein Beweis für die Richtigkeit einer Entscheidung, wie umgekehrt der Protest von Spielern ja auch nicht belegt, dass sich der Schiedsrichter geirrt hat. Aber spontane Reaktionen können zumindest ein Indiz sein.

Und tatsächlich kommt beim Betrachten der Szene im normalen Tempo nicht der Verdacht auf, dass Boateng etwas Irreguläres getan haben könnte. Kurz vor dem Torschuss war er ausgerutscht und hingefallen, nun drehte er sich im Aufstehen weg.

Dabei wandte er das Gesicht ab, vielleicht weil er befürchtete, dass der Ball dorthin kommen wird. Den rechten Arm winkelte er dabei ein wenig vom Körper ab. Mit diesem Arm berührte er schließlich den Ball. All das passierte in Bruchteilen einer Sekunde.

... in Zeitlupe dagegen umso mehr

In Echtzeit sah das nicht nach einer regelwidrigen Handlung aus. Auch die Armhaltung schien eher daher zu kommen, dass man für eine Drehung nun mal Schwung holen und den Arm dabei etwas vom Körper wegbewegen muss. Es wirkte jedenfalls so, als wollte Boateng dem Ball ausweichen.

Dann aber kam die Zeitlupe, eine von vorne und eine aus der Hintertorperspektive. Vor allem die letztgenannte vermittelte ein völlig anderes Bild.

Nun wirkte das Ganze wie eine bewusste und beabsichtigte Handlung von Boateng: Mit dem Ball musste er rechnen, mit dem Arm hat er sich breiter gemacht und ein Handspiel zumindest in Kauf genommen, schließlich hat er ihn in die Flugbahn des Balles geführt.

Je häufiger man die Wiederholungen sieht, desto stärker neigt man zu der Bewertung: Es hätte einen Strafstoß geben müssen. Doch Zeitlupen können das Urteil manipulieren, weil sie Handlungen gezielter und gewollter aussehen lassen, als sie es eigentlich waren.

Das Regelwerk empfiehlt dem VAR die Realgeschwindigkeit

Das ist auch der Grund, warum es im Regelwerk dort, wo es um den Video-Assistenten geht, empfehlend heißt: "Grundsätzlich sollte die Zeitlupe nur für objektive Entscheidungen verwendet werden (z. Bsp. Ort des Vergehens, Position des Spielers, Ort des Kontakts bei physischen oder Handspielvergehen, Ball aus dem Spiel)."

In normaler Geschwindigkeit dagegen sollte eine Szene betrachtet werden, wenn es darum geht, "den Schweregrad eines Vergehens oder ein mögliches Handspielvergehen zu beurteilen". Anders gesagt: Die Wahrheit findet in Echtzeit statt, nicht in der Zeitlupe.

Was folgt nun daraus? War Boatengs Armbewegung natürlich und eine unvermeidliche Folge davon, dass er sich weggedreht hat? Oder war sie nicht doch eine absichtliche und unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche? Kann man in Sekundenbruchteilen überhaupt bewusst handeln?

Und weiter: War es ein klarer und offensichtlicher Fehler des Unparteiischen, nicht auf Elfmeter zu entscheiden? Hat Tobias Stieler das Handspiel als solches überhaupt wahrgenommen, und wenn nicht, hätte der VAR dann nicht ein Review empfehlen müssen?

Das Phänomen des Zeitlupenelfmeters

So einfach ist das alles nicht zu beantworten. Zugleich muss man aber auch festhalten: In vergleichbaren Szenen in der Vergangenheit hat es in der Bundesliga schon Reviews und anschließend Strafstöße gegeben.

Man könnte in diesem Zusammenhang vielleicht von Zeitlupenelfmetern sprechen, also von Strafstoßentscheidungen, die auf der Grundlage von Eindrücken getroffen werden, die nur die verlangsamten Wiederholungen vermitteln.

Zeitlupen können verzerren, haben aber einen großen Vorteil: Sie scheinen vielfach die ersehnte Klarheit zu liefern, die sich in der Realgeschwindigkeit oft nicht finden lässt.

Unstrittig ist, dass Boateng sich breiter gemacht hat, und die Zweifel daran, dass das im Rahmen einer natürlichen Bewegung geschehen ist, sind nicht auszuräumen. Deshalb spricht hier mehr für einen Strafstoß als dagegen, ein Elfmeter wäre die bessere Entscheidung gewesen. Aber wirklich eindeutig war die Sache nicht.

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