Vom Flüchtling zum Bundesligaspieler - dieses Märchen ist für Bakery Jatta zum Greifen nahe. Einen Profivertrag beim Hamburger SV hat der 18-Jährige längst in der Tasche. Das Kuriose dabei: Der Gambier spielte zuvor noch nie in einem Fußballverein.

Zwei Spiele, vier Tore - Bakery Jatta ist der Überflieger der zweiten Mannschaft des Hamburger SV. Sein Bundesligadebüt - vielleicht schon gegen den SC Freiburg (ab 20 Uhr im Live-Ticker) dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Das Besondere: Der 18-Jährige kam erst im vergangenen Jahr als Flüchtling nach Deutschland. In seiner Heimat trug er nie das Trikot eines Vereins.

Nach einem brutalen Foul beim Spiel gegen den FSV Mainz 05 befürchtet der FC Augsburg einen langen Ausfall von Domnik Kohr.

Bakery Jatta - das gambische Ausnahmetalent

Jatta stammt aus Gambia. Die westafrikanische Republik zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und wird von einem Regime beherrscht. "Ich bin ohne Eltern aufgewachsen, es waren für mich sehr schlechte Verhältnisse in Afrika", erzählt er im Interview auf hsv.de. "Ich wusste, dass ich diesen schwierigen und gefährlichen Weg der Flucht auf mich nehmen musste, wenn ich die Chance auf eine Zukunft haben wollte. Dafür habe ich viele Gefahren auf mich genommen."

Über Italien gelangte er nach Deutschland, wo er in einer Akademie bei Bremen für benachteiligte Jugendliche unterkam. Schnell wurde festgestellt, dass der Flüchtling ein Ausnahmetalent ist. Ein Spielerberater vermittelte ihm Anfang des Jahres ein Probetraining beim HSV.

Seine Qualitäten waren unübersehbar. Er ist schnell, dynamisch, hat einen guten Schuss und kann in der Offensive mehrere Positionen einnehmen. Beim ersten Trainingsspiel gelang ihm direkt eine Torvorlage. "Bakery ist ein überaus interessanter Spieler, und das nicht wegen seiner besonderen Geschichte, sondern aufgrund seiner sportlichen Anlagen", sagte Trainer Bruno Labbadia auf der Vereinswebseite.

Shootingstar in der Regionalliga

Dass er nie zuvor in einem Fußballverein gespielt hat, liegt an seiner Herkunft: "Das gab es dort nicht, höchstens mal am Wochenende konnte man ein betreutes Training mitmachen. Ansonsten waren wir auf uns gestellt. Wir haben auf der Straße Fußball gespielt und uns selbst die Dinge beigebracht."

Im Fernsehen schaute er sich die Tricks von den Superstars ab. Neymar ist sein Idol, auch Mario Götze hat er bewundert. Den ganzen Tag verbrachte er damit, seine Ballbehandlung zu verbessern.

Eine Sofortverpflichtung beim HSV war aus gesetzlichen Gründen nicht möglich. Jatta verbrachte die erste Jahreshälfte 2016 damit, die deutsche Sprache zu lernen und sich beim Oberligisten Bremer SV fit zu halten. Im Juni, direkt nach seinem 18. Geburtstag, unterschrieb er beim HSV einen Profivertrag bis 2019.

Der Plan: Jatta soll bei den Profis mittrainieren und bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga zunächst Spielpraxis sammeln. Letzteres erfordert eine Arbeitserlaubnis und Spielgenehmigung. Erst am 6. September waren alle Formalitäten erledigt. Seitdem mischt der Afrikaner die Regionalliga auf.

Bremen, Schalke und der HSV: Sie stecken schon wieder in der Krise.

Schon jetzt der Liebling der Fans

In seinem ersten Pflichtspiel gegen den BSV Rehden machte er mit seinen beiden Toren den 2:0-Sieg perfekt. Eine Woche später folgte der nächste Gala-Auftritt: Zwei Treffer gegen Hildesheim. Wie er mit dem Ball den Turbo einlegt und die gegnerische Abwehr überläuft, ist tatsächlich ein Hingucker.

Der schüchterne Offensivspieler hat in Hamburg längst einen Heldenstatus. Nach den Spielen oder Trainingseinheiten wird er von Fans umrahmt, blickt für gemeinsame Selfies in unzählige Smartphones. Sogar einen Ausrüstervertrag mit dem Sportartikel-Giganten adidas hat er bereits in der Tasche.

Jatta ist auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Er wohnt in der Nähe der Hamburger Alster, verdient inklusive Prämien offenbar ein äußerst stattliches Gehalt. Gerne gibt er etwas von seinem Glück weiter, hat zum Beispiel ein gambisches Flüchtlings-Team mit Trikots und Bällen ausgestattet.

Spielpraxis für den Durchbruch

Zur Vollendung des Glücks fehlt nur noch das Bundesliga-Debüt. Dirk Kunert, Trainer der U21 des Hamburger SV, ist von den Fähigkeiten des Flüchtlings begeistert. "Er hat Tempo und einen sehr guten Abschluss", verriet er dem "Hamburger Abendblatt". "Letzte Woche zwei Tore, jetzt wieder. Da bin ich sehr zufrieden, das ist doch klar."

Jatta durfte die vergangenen Tage nicht mit den Medien sprechen. Der Spieler wird vor einer zu hohen Erwartungshaltung bestmöglich geschützt. Nicht zuletzt deshalb weist Kunert auch auf die Defizite hin: "Bei Jatta fehlen noch einige Abläufe. Er hat auch in der Defensive noch Bedarf." Auch Trainer Bruno Labbadia setzt auf einen behutsamen Aufbau. "Unser Plan ist klar, er braucht Spielpraxis", wird er von NDR.de zitiert.

Sollte er allerdings weiter so auftrumpfen, wird er die Spielpraxis wohl bald in der Bundesliga sammeln.