Der VfB Stuttgart kracht mit Karacho in die Wand, der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren ist mehr als ein Betriebsunfall und wirft die ganz grundsätzliche Frage auf: Ist dieser Klub überhaupt noch irgendwie zu retten?

Meine Meinung
von Uwe Berndt, Freier Autor

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Der VfB Stuttgart kracht mit Karacho in die Wand, der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren ist mehr als ein Betriebsunfall und wirft die ganz grundsätzliche Frage auf: Ist dieser Klub überhaupt noch irgendwie zu retten?

Wer es auch nach 36 Pflichtspielen noch nicht wahrhaben wollte oder noch einen leisen Zweifel daran hegte, wie unglaublich fahrlässig und überheblich sogenannte Profis im Kampf um die Existenz agieren, der musste sich nur diesen einen Freistoß anschauen. An der Alten Försterei verdichtete sich die Saison des VfB Stuttgart streng genommen auf diese eine Szene.

Aogos Tor zählt nicht

Zur Abwechslung traf ein Stuttgarter Spieler, es war Denis Aogo, den Ball mal so, wie man das von einem professionellen Fußballspieler erwarten darf. Der Ball rauschte ins Berliner Netz, aber es war kein reguläres Tor. Nicolas Gonzalez hatte die wenig brauchbare Idee, hinter der Mauer und direkt vor Union-Keeper Rafal Gikiewicz herumzuturnen. Natürlich meterweit im Abseits, aber das störte den Argentinier offenbar nicht besonders. Selbstverständlich wurde der Treffer aberkannt.

Es wäre ein so erlösendes Tor gewesen für den VfB, das früh in der Partie den Charakter des zweiten Relegationsspiels komplett gedreht hätte. Aogos Freistoß aus 18 Metern Torentfernung und zentraler Position war fast die beste Chance, die die Stuttgarter hatten - und die sie dann so unachtsam wegwarfen.

So fasst diese dümmste Abseitsstellung seit sehr, sehr langer Zeit eine Saison zusammen, die mit den Beinamen "Horror" und "Grusel" nicht mal im Ansatz beschrieben wäre.

Der VfB Stuttgart hat es tatsächlich geschafft, eine sehr komfortable Ausgangsposition komplett zu versenken. Vor der Saison investierten die Schwaben so viel wie noch nie in ihrer Geschichte, fast 40 Millionen Euro gingen für Spielertransfers drauf.

Geld, das durch die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung und den Verkauf eines beträchtlichen Teils der Anteile an den sogenannten Ankerinvestor Mercedes-Benz generiert wurde. "Ja zum Erfolg" hieß die Kampagne damals, an- und durchgeführt von Präsident Wolfgang Dietrich.

Mit Dietrich kam die Unruhe, er spaltete den Verein vom ersten Tag an. Das Führungspersonal wurde ausgewechselt, erst Sportdirektor Jan Schindelmeiser - der Dietrich nur wenige Tage zuvor noch als Steigbügelhalter für die Ausgliederung gedient hatte - später Trainer Hannes Wolf.

Nun waren auch Schindelmeiser und Wolf nicht frei von Fehlern und Versäumnissen, aber diese beiden standen für eine neue Aufbruchstimmung, selbst in der Zweitliga-Saison damals knackte der VfB Zuschauer- und Mitgliederrekorde. Dann kam das große Geld und mit ihm die unzähligen Fehler. Denn wie das immer so ist: Mit jeder Menge Geld kann man auch jede Menge Unsinn anstellen.

Reschke tapst von einem Fettnäpfchen ins Nächste

Der ehemalige Sportvorstand Michael Reschke, von Dietrich aus einer Position in zweiter Reihe bei den Bayern weggelobt und in Stuttgart nach fast 30 Jahren im Business plötzlich in die erste Reihe drapiert, tapste von einem Fettnapf in den nächsten und verlor dabei offenbar völlig seinen Riecher für Spieler und die Zusammenstellung eines Kaders.

Stuttgarts Mannschaft in dieser Saison war krumm und schief konzipiert, aufgepumpt mit vielen Bestverdienern. Und an sehr entscheidenden Stellen mit gravierenden Problemen übersät.

Der Mannschaft fehlt es an Tempo, weder läuferisch noch in Sachen Handlungsschnelligkeit konnte der VfB mit den meisten der Bundesliga-Konkurrenten mithalten.

Es fehlte an einem nachvollziehbaren Offensivplan. Weder Tayfun Korkut noch Markus Weinzierl, dem außer großen Reden rein gar nichts einfallen wollte und der läppische vier Siege in 23 Spielen einfuhr, konnten der Mannschaft so etwas wie ein Minimum an einer offensiven Basis antrainieren.

Die finanziell besten Voraussetzungen mündeten deshalb in der schlimmsten Saison aller Zeiten: Mit 28 Punkten aus 34 Spielen war es schon frech genug, dass der VfB überhaupt die Gnadenspiele der Relegation geschenkt bekam.

Natürlich war das die schlechteste Punktausbeute in der Geschichte des Klubs, 70 Gegentore wurden nur vor drei Jahren noch übertroffen und 32 selbst erzielte Törchen, nun ja: Damit kann niemand ernsthaft auf einen Platz in der Bundesliga bestehen.

Man wird einfach den Eindruck nicht los, dass sich der VfB offenbar sehr gerne an seinem heimlichen Vorbild in Hamburg orientiert. Jedenfalls versucht der Klub hartnäckig, im Rennen der Skandalnudeln mit dem HSV bloß nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Zweite Liga statt Champions League

Dietrich sah sich schon in der Champions League, schwadronierte von einem Fünf-Jahres-Plan und insgeheim von Spielen gegen Barcelona oder Manchester United mit Festbankett an den Abenden davor und den ganz großen Köpfen des europäischen Klubfußballs zusammen am Tisch.

Jede Menge Energie wurde in die Ausgliederung gesteckt, in das Werben um den ersten und bald auch den angekündigten zweiten Ankerinvestor, später in die Suche nach neuem Personal - während das alte, entlassene selbstredend immer noch weiterbezahlt werden muss - und in allerhand Maßnahmen, die den Klub auf Hochglanz polieren sollten, sinnentleerte Maketingmanöver inklusive.

Nur das Wesentliche wurde dummerweise vergessen. Die sportliche Entwicklung raste im Sinkflug auf die Katastrophe zu, das Ergebnis ist nun zu bestaunen: Zwei verschlissene Trainer, ein entlassener Sportvorstand, ein zurückgetretener Aufsichtsrat, ein Trümmerhaufen von einer Mannschaft, der Abstieg.

So wird es beim VfB wahrscheinlich auch weitergehen, selbst wenn noch einmal 40 Millionen oder mehr investiert werden. Denn die Probleme dieses Klubs liegen viel, viel tiefer. Dem VfB Stuttgart gelingt es seit mittlerweile einer Dekade nicht, eine echte Leistungskultur im Klub zu entwickeln.

Kleinste Fortschritte werden zu großen Erfolgen deklariert, es gibt keine Gier, Rastlosigkeit oder den dauerhaften Drang, sich zu verbessern. Stattdessen Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit,und wenn auch das zu offensichtlich wird, "dann wird's schon auch so irgendwie gut gehen".

Schwere Aufgabe für Hitzlsperger

Es ist mal wieder nicht gut gegangen und man muss konstatieren, dass kaum ein Abstieg so verdient war wie der des VfB Stuttgart in dieser Saison. Thomas Hitzlsperger steht als Sportvorstand vor einer monströsen Aufgabe, mit Sven Mislintat als Kaderplaner und Tim Walter als neuem Trainer hat er immerhin schon geeignetes Personal um sich geschart. Aber Hitzlsperger weiß auch, dass er ganz tief an die Wurzeln ran muss und dass er dabei auf große Widerstände stoßen wird.

Am 14. Juli steht die Mitgliederversammlung an. Präsident Dietrich, dem von großen Teilen der Anhänger nur noch Hass entgegenschlägt, ist mit einem mittlerweile legendären Bonmot in Erinnerung, das ihm spätestens dann gehörig um die Ohren fliegen wird: "Ich halte heute die erste Rede, in der die Abwärtsspirale der letzten Jahre keine Rolle mehr spielen wird. Ab sofort geht der Blick nach vorn. Wir können uns endlich voll und ganz mit der Gegenwart und der Zukunft beschäftigen."

Das hat Dietrich vor einem Jahr auf der Mitgliederversammlung erzählt. Der Präsident will ja auch jetzt nach dem Abstieg noch weiter im Amt bleiben. Im Sinne eines sauberen Neuanfangs und im Sinne des VfB Stuttgart dürfte dieses Anliegen aber nicht sein.

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