Zu viel Adrenalin macht den Kopf verrückt - das wissen jetzt auch Jerome Boateng und Klaas-Jan Huntelaar. Dem Hamburger SV ist trotz der hohen Niederlage gegen den FC Bayern München nicht Angst und Bange, Torsten Lieberknecht steht auf Romantik und Roman Weidenfeller macht auf Rene Adler. In unserer Serie ziehen wir die etwas anderen Lehren aus dem jeweiligen Spieltag der Bundesliga.

1. Erkenntnis: Adrenalin macht den Kopf verrückt

Dass sich Fußballer in ihrem Sportlerleben nicht immer sonderlich clever anstellen, ist bekannt. Des Öfteren siegt die Emotion über den Verstand. Beispiele gefällig? Sehr gerne.

Da haben wir zum einen Jerome Boateng. Dem ist es egal, dass seine Mannschaft mit 4:1 gegen den HSV führt und gefühlt seit Weihnachten als Deutscher Meister feststeht. Trotzdem muss er Gegenspieler Kerem Demirbay in den Schlussminuten noch eine Watsch'n verpassen - weshalb Boateng bis in die neue Saison gesperrt werden dürfte. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge bezeichnet diese Aktion als "hirnlos" - dem ist nichts hinzuzufügen.

Zum anderen haben wir Schalkes Klaas-Jan Huntelaar. Der Niederländer war von seinem Treffer zum 2:0 gegen den SC Freiburg so hin und weg, dass er seinen Kopf gänzlich abschaltete und das Tor mit den S04-Fans auf dem Zaun bejubelte. Das zieht zwingend eine Gelbe Karte nach sich. Besonders blöd ist so eine Aktion dann, wenn man bereits mit vier Gelben Karten in die Partie geht - und somit ausgerechnet beim letzten Saisonspiel fehlt. "Ich habe in diesem Moment nicht darüber nachgedacht, dass ich gefährdet bin", erklärt Huntelaar seinen Blackout. "Vor dem Spiel hatten wir noch darüber gesprochen, aber nach dem 2:0 war ich verrückt im Kopf."

S04-Manager Horst Heldt sieht die Schuld nicht bei Huntelaar, sondern eindeutig bei der Biologie: "Nach dem wichtigen 2:0 hat das Adrenalin ihm wohl einen Streich gespielt." Dieses böse Adrenalin ...

2. Erkenntnis: Der HSV ist Unterhaltung in Reinform

Wenn wir an den Hamburger SV denken, bekommen wir immer solch schrecklich ambivalente Gefühle. Einerseits muss man sagen: Der HSV darf die Klasse nicht halten. Mal ganz ehrlich: Wer so eine Saison spielt, hat nichts anderes als Auswärtstrips nach Sandhausen, Aalen, Heidenheim und Aue verdient. Andererseits ist der HSV aber auch so herrlich unterhaltsam - ein solch wunderbar naives Gegenstück in dieser oftmals skrupellosen Fußballwelt - dass wir ihn einfach nicht missen wollen. Der 33. Spieltag dient erneut als bestes Beispiel.

Da reist der FC Bayern München in die Hansestadt und watscht die Hamburger mal problemlos mit 4:1 ab. Ganz klar, ein 1:4 ist aus HSV-Sicht ist immer noch besser als das 0:5 im DFB-Pokal oder das 2:9 im Vorjahr gegen die Bayern. Dennoch bleibt ein 1:4 zuhause eine deftige Ohrfeige. Eine Ohrfeige, die man nicht schönreden kann - es sei denn, man ist der HSV! Trainer Mirko Slomka war der Ansicht, "viele gute Dinge" gesehen zu haben. Wir auch - allerdings nicht vom HSV, sondern in erster Linie von Doppelpacker Mario Götze und Fallrückzieher-Torschütze Claudio Pizarro.

Doch einen HSV stören solch banalen Dinge wie Gegentore nicht. Heiko Westermann wird aufgrund des Auftritts seines Teams jedenfalls "nicht Angst und Bange". Die HSV-Fans dürften das anders sehen ...

3. Erkenntnis: Torsten Lieberknecht ist ein Romantiker

Sollte der HSV in der Liga bleiben, was wir ja wie gesagt irgendwie auch möchten, hat das zur Folge, dass neben Nürnberg auch Eintracht Braunschweig absteigen wird. Und das wollen wir irgendwie auch nicht. Was für ein Dilemma ...

Denn auch die Braunschweiger sind uns auf ihre Art und Weise total sympathisch. Was vor allem an Trainer Torsten Lieberknecht liegt. Der läuft während eines Spiels an der Seitenlinie mehr Meter als ein Duracell-Hase auf Koks und bleibt selbst nach solch bitteren Pleiten wie gegen Augsburg stets positiv. "Wir müssen diese Niederlage hinnehmen und nun gewinnen. Der Kopf bleibt oben", sagt Lieberknecht nach dem Match. Einen Vorwurf könne er seiner Mannschaft nicht machen.

Da geben wir ihm uneingeschränkt Recht. Denn dass die Eintracht einen Spieltag vor Saisonende überhaupt noch die Chance hat, die Klasse über die Relegation zu halten, hätte eh fast niemand gedacht. "Wir hätten es am meisten verdient drinzubleiben", glaubt Lieberknecht, "auch wenn es romantisch klingt." Romantisch klingt das nicht, sondern einfach nur wahr.

4. Erkenntnis: Weidenfeller macht den Adler

Wir versuchen, unser Mitleid für die Millionen verdienenden Fußballprofis oft in Grenzen zu halten, aber bei Rene Adler können wir einfach nicht anders, als eine Ausnahme zu machen. Der Adler ist eigentlich so ein guter Torwart. Er war mal unsere Nummer eins im deutschen Tor und hat uns oft den Allerwertesten gerettet. Und jetzt spielt er beim HSV. Das Leben ist manchmal so ungerecht.

Und als ob es dieser Tage nicht schon schlimm genug ist, beim HSV zu spielen, passte sich Adler in den vergangenen Wochen mit seinen Leistungen seinen Vorderleuten an. Patzer hier, Patzer da - und schon ist die Weltmeisterschaft wie schon 2010 in Gefahr. Doch weil so viel Ungerechtigkeit niemand verdient hat, patzte jetzt auch mal Roman Weidenfeller, Adlers wohl größter Konkurrent im Kampf um die Nummer zwei im DFB-Tor, schwer. Beim 3:2-Sieg gegen Hoffenheim ließ sich der BVB-Keeper aus 31 Metern (!) von Niklas Süle tunneln.

Dass deshalb Adler statt Weidenfeller zur WM nach Brasilien fliegen wird, glaubt der BVB-Torwart dennoch nicht. In einem uns vorliegenden Radio-Interview, das Weidenfeller mit englischsprachigen Journalisten nach dem Spiel führte, erklärt er selbstbewusst: "Of course, such a Schuss through the Hosenträger darf nicht passieren. But Adler has a few more times gepatzt than me. Rene is a good Keeper, keine Frage. But I think it is me that has a grandios Saison gespielt - and nicht Rene."

Totally richtig, Herr Weidenfeller!