Eines vorweg, damit kein Missverständnis aufkommt: Man kann nur froh sein, dass das peinliche Theater um Bakery Jatta endlich beendet ist, die Behörden alle Spekulationen um seine Identität gestoppt haben und die drei Zweitligisten endlich die Einsprüche gegen ihre HSV-Spiele zurückziehen mussten. Jatta ist Jatta - und längst ein "Hamburger Jung". Gegen den rechten Hass etablierten die Fans des HSV den Hashtag #einervonuns. Und das ist gut so!

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Bei dieser Vorrede darf man hoffentlich mit derselben Bestimmtheit sagen, dass der jüngste Plan von Junioren-Bundestrainer Stefan Kuntz von größter Brisanz ist.

Er will, so ließ er gestern wissen, Bakery Jatta in die deutsche U21-Nationalmannschaft locken und berufen. Wörtlich sagte Stefan Kuntz: "Ich würde gerne versuchen, Bakery bei der Einbürgerung zu helfen, weil ich ihn gerne von der U21 überzeugen möchte."

Mit Verlaub, er tut Jatta damit keinen Gefallen. Der Sinn einer Nationalelf besteht darin, dass sich Sportler aus verschiedenen Nationen miteinander messen.

Der Wettbewerb untereinander führt zu Hochphasen und Enttäuschungen. Der Erfolgswille treibt die Sportart voran. Verständigung predigt, wenn alles gut läuft, Fairness und Verständnis. Das Nationalteam hat, nicht nur beim Fußball, etwas mit der Herkunft des Sportlers zu tun.

Bakery Jatta in der U21: Gegen das Prinzip der Nationalelf

Bakery Jatta ist kein Deutscher. Er stammt aus Gambia, Westafrika, und ist als Flüchtling herzlich willkommen in Deutschland. Die Leute lieben ihn und seine unkonventionelle Spielweise, natürlich die Lebensgeschichte, die hinter ihm liegt, und seit dem Stress um seine Identität noch viel mehr.

Aber nochmals: Er ist kein Deutscher. Womöglich täte er der U21-Nationalmannschaft sportlich sogar gut. Doch darum geht es wirklich nicht.

Mit seinem Vorschlag füttert Kuntz nur jene, die - berechtigt oder nicht - Identität im eigenen Land suchen, mit Argumenten. Er höhlt auch das Grundprinzip der Nationalelf aus. Die Ländervertretung ist eben kein Klub, der sich die besten Spieler aus aller Welt zulegt.

Natürlich gibt es Tausende von Ausnahmen, warum nicht allein der Geburtsort über die Zugehörigkeit zur DFB-Auswahl entscheidet. Aber es sind genau das: Ausnahmen.

Wenn ein Kind im Baby-Alter mit seinen Eltern nach Deutschland kommt, liegt der Fall halt anders, als wenn erwachsene Männer mit einem juristischen Ausfallschritt ihre Spielberechtigung für eine Nation erhalten. Katar macht das beim Handball so, um zur Welt-Elite zu gehören. Die Chinesen heuern inzwischen Brasilianer an, um beim Fußball mithalten zu können. Das deutsche Tischtennis erliegt derselben Versuchung seit Jahren.

In seiner Not probierte der deutsche Fußball vor zwei Jahrzehnten diesen Weg. Dem KSC-Stürmer Sean Dundee redete man ein Südafrika-Länderspiel aus, damit er später für Deutschland hätte spielen können. Der Brasilianer Paulo Rink, einst bei Leverkusen, konnte immerhin auf einen Urgroßvater verweisen, der deutsche Wurzeln hatte, bevor er das DFB-Trikot trug. In diesen und anderen Fällen wurde man ein merkwürdiges Gefühl nicht los.

Wie zieht man Grenzen zwischen Integration und Einbürgerung?

Einerseits will man ja nicht, dass Integration an der Tür zur deutschen Nationalmannschaft endet. Wer eingebürgert ist, ist Deutscher und darf Deutschland vertreten, Punkt - so kann man argumentieren, ohne Frage. Andererseits will man keine Willkür bei der Berufung von Nationalspielern provozieren. Sonst endet die Zusage irgendwann bei Angebot und Nachfrage - und nicht bei emotionaler Verbundenheit. Wie will man Grenzen ziehen?

Niemand mit Verstand und Herz möchte Bakery Jatta die Spielberechtigung im deutschen Profifußball oder sogar die Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland streitig machen. Ob die Einbürgerung die logische Folge ist, müssen Behörden prüfen; das ist Privatsache. Aber wenn die Nationalmannschaft ihren Sinn erhalten will, verformt sie sich nicht von der Repräsentanz eines Landes zu einer reinen Interessengemeinschaft ambitionierter Fußballprofis und Auswahltrainer.

Der DFB liefe zudem Gefahr, dass die falschen Politiker Zulauf fänden. Wie heikel das Thema ist, erfuhr Mesut Özil 2018. Obwohl er in Gelsenkirchen geboren ist, also unzweifelhaft Deutscher ist, musste er, der Weltmeister, Feindseliges ertragen.

Ob Bakery Jatta sowas aushielte? Besser wäre, die deutsche U21 würde ein Länderspiel gegen ihn und Gambia bestreiten, aus Freundschaft und Überzeugung. Die Signalwirkung wäre großartig.

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