18 Jahre nach der letzten "ran"-Sendung wird wieder Bundesliga-Fußball in Sat.1 gezeigt. Der Sender fährt groß auf. Bei der Übertragung des Zweitliga-Auftakts zwischen dem FC Schalke 04 und dem Hamburger SV (1:3) setzt der Privatsender auf nur einen Experten. Hannes Wolf ist zwar nicht der große Name, er macht seine Sache aber ordentlich. Für die peinliche Halbzeit-Analyse kann er nichts.

Eine Kritik
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Der FC Schalke 04 hat den Auftakt in die Zweitliga-Saison ordentlich verpatzt: Mit 1:3 verlor "Königsblau" das Duell der Traditionsteams gegen den Hamburger SV. Der nächste sportliche Nackenschlag für S04, ein gelungener Start hingegen für den HSV.

Auch für Sat.1? Der Privatsender war 18 Jahre nach der letzten "ran"-Sendung wieder am Ball und fuhr dabei unter anderem mit einer XXL-Vorberichterstattung groß auf. Außerdem setzte der Sender in Hannes Wolf auf einen eher unbekannten Namen als Experten. Wir haben uns seine Arbeit genauer angeschaut.

Der Experte Hannes Wolf vor dem Spiel

Vor dem Spiel: Wie es sich gehört, hatte Sat.1 für die Rückkehr zum großen Live-Fußball groß aufgefahren. Satte 90 Minuten Vorberichterstattung gönnte man sich und den Zuschauern, um sie adäquat auf den Zweitliga-Start vorzubereiten.

Als Experte hatte der Privatsender Hannes Wolf, aktuell Trainer der U19-Nationalmannschaft, verpflichtet. Keine Frage: Das ist nicht der große Name oder für Gelegenheitszuschauer ein bekanntes Gesicht. Aber dass selbst ein Weltmeister keine fundierten Analysen garantiert, haben wir zuletzt erst bei der EM mit Bastian Schweinsteiger erlebt.

Wolf kam schnell auf Temperatur, analysierte den Absturz des FC Schalke treffend, nannte "ganz viele Gründe" wie fehlende Führungsspieler oder die fehlenden Fans, denn "die Energie der Schalke-Fans ist besonders", erklärte Wolf, der von der Rückkehr der Anhänger ganz besonders angetan war. Netter Spruch: "Ich bin aus Dortmund, und ich finde es großartig hier. Und ich bin auch bereit, das zu sagen."

Interessant war zum Beispiel sein Einblick, wie er in den vergangenen Monaten als Trainer in Leverkusen mit dem Thema Impfbereitschaft unter Spielern umgegangen ist – vor allem behutsam. Schalkes neuen Stürmer Simon Terodde kennt Wolf noch aus der gemeinsamen Zeit beim VfB Stuttgart.

Passend war auch, dass Wolf 2018/19 Trainer des HSV war, und somit Einblicke in die Psyche einer Mannschaft geben konnte, die zur Winterpause vorne stand, in der Rückrunde aber dreimal in Folge auf Platz vier abstürzte. "Es ist bei den großen Vereinen so, dass es sich dann anfühlt wie Abstiegskampf", so Wolf. Diese Verbindungen halfen, um analytisch und erzählerisch auf den Anstoß hinzuarbeiten, was Wolf auch gut gelang.

Während des Spiels

Während des Spiels: Sat.1 verzichtete während des Spiels auf einen Experten an der Seite von Kommentator Wolff-Christoph Fuss. Auch einen temporären Sidekick, zum Beispiel bei strittigen Szenen oder für eine Zwischenanalyse, gab es nicht. Fuss war der Alleinunterhalter.

In der Halbzeit: Da gab es Werbung. Werbung. Und noch etwas Werbung. Im Grunde ganz viel Werbung. Also jede Menge Spots, die zwischendurch von ein paar Sätzen von Wolf zum Spiel unterbrochen wurden.

Einmal auf die Toilette gehen reichte, um die Halbzeitanalyse komplett zu verpassen. Hier zeigt sich, dass selbst die Rechte an insgesamt neun Spielen, die Sat.1 erworben hat, ganz offensichtlich eine Menge Geld kosten. Peinlich und für Fans ärgerlich ist die Mini-Analyse trotzdem.

Nach dem Spiel: Da schockte Wolf Moderator Matthias Opdenhövel, als der Experte vor lauter Kumpelei mit HSV-Trainer Tim Walter die Abstandsregeln über Bord warf. Wie sehr er von Walter und dessen Fußball-Idee beeindruckt ist, zog sich durch die ganze Sendung.

Man merkte und sah, dass er als Ex-Coach nicht ganz unvoreingenommen war. Mag menschlich und verständlich sein, die offene Begeisterung nahm nach dem Sieg aber noch einmal zu und war angesichts eines Zweitligaspiels gefühlt ein Stück drüber.

Gut: Im Laufe der Analyse erklärte er, was das atypische und damit besondere am HSV-Spiel unter Walter ist. "Sie haben sich nicht durcheinanderbringen lassen und immer wieder fußballerische Lösungen gesucht. Es war ein sehr verdienter Sieg des HSV", sagte er.

Schade: Im Interview mit Walter selbst hielt sich Wolf dann zu sehr zurück, brachte sich nur ein, wenn er von Opdenhövel dazu gedrängt wurde.

Schwach: Immer wieder wurde es zwischendurch auch platt. Spontan-Analyse zum Freistoß von Tim Leibold vor dem 1:1: "Es hilft, wenn du Spieler hast, die gut schießen können." Aha. Oder: "Der Fußball macht, was er will." Joa, nicht falsch, aber auch keine bahnbrechende Erkenntnis.

Trocken seine Antwort auf die Frage, was Schalke richtig gemacht habe: "Sie haben schnell das 1:0 gemacht." Eher bieder (wie Schalke selbst) seine Prognose zur Schalker Saison: "Interessant, spannend und aufregend."

Wolf überzeugt, wenn er seine Erfahrungen als Trainer einbringt

Der Spruch des Abends: "Dieses Mal wissen die Verantwortlichen, was auf sie zukommt. Es ist ja das erste Mal, dass sie noch dabei sind, wenn die neue Saison losgeht." (Kleine Spitze von Ex-HSV-Trainer Wolf gegen die hohe personelle Fluktuation bei den Hamburgern.)

Fazit: Wolf überzeugt vor allem dann, wenn er interessante Erlebnisse und seine Erfahrungen als Trainer mit Mannschaften, Spielern oder Kollegen mit einfließen lässt, denn das bringt er interessant rüber.

Analytisch ist es zweischneidig: Oft kommt der 40-Jährige, der bereits bei der WM 2018 bei der ARD und auch schon bei Sky als Experte im Einsatz war, gut auf den Punkt, liefert einen Mehrwert. Denn dabei erklärt er verständlich und tiefgründig, lässt aufplusterndes und unnötiges Blabla weg.

Dafür greift er aber leider immer wieder auch auf 08/15-Sprüche zurück. Insgesamt ein ordentlicher Auftritt. Irgendwo zwischen Schalke und dem HSV.

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