Der einschläfernde Kanada-Grand-Prix dürfte manchen Formel-1-Fan zum Umschalten bewogen oder in das Reich der Träume befördert haben. Zu langweilig und eintönig war die gebotene "Action" zur besten Sendezeit in Europa. Das zeigt auch die Statistik: Es gab nur 22 Überholmanöver in 70 Runden. Selbst das harsch kritisierte Monaco-Rennen vor zwei Wochen bot 36 Positionswechsel.

Lewis Hamilton glaubt an ein Alarmsignal für Liberty Media, wenn Blechschäden zum Highlight avancieren: "Einige meiner Freunde haben gesagt, der interessanteste Teil des Rennens wäre der Unfall am Anfang gewesen. Wenn es darum in der Formel 1 geht, tut es mir Leid, das zu hören."

Deutliche Worte, denen sich sein WM-Rivale Sebastian Vettel nicht anschließt: "Ich denke nicht, dass es angebracht wäre, das Racing zu kritisieren - oder dieses Rennen. So ist das Leben. So ist Motorsport." Was der Ferrari-Pilot meint: Die Formel 1 wird immer bessere und weniger gute Grands Prix provozieren. Nicht alles ließe sich durch Sportliche und Technische Regeln steuern.

2018 taugt als Beispiel: Die WM-Läufe in Australien, Monaco und Kanada waren Schlaftabletten in Form eines TV-Programms, während Bahrain, China, Aserbaidschan und mit Abstrichen Spanien gute Unterhaltung boten. Vettel zieht Parallelen: "Ab nächster Woche ist Fußball-WM und ich garantiere, dass es Spiele geben wird, die kaum spektakulär sind. Aber die Leute werden sie sich anschauen, denn einige Partien werden unglaublich sein." Daher ändert aber niemand Fußball-Regeln.

Dem Argument, dass die FIA in Montreal diesen Versuch durch das Einrichten einer dritten DRS-Zone gewagt hätte, widerspricht Rennleiter Charlie Whiting. "Es ging nicht darum, das Überholen zu vereinfachen", sagt er. "Wir haben nur versucht, den Piloten die Chance zu geben, an dem Messpunkt zwischen den Kurven 9 und 10 etwas näher heranzukommen." Ergo wollte man mehr Szenen heraufbeschwören, in denen ein hinterherfahrender Pilot auf die Hilfe des Klappflügels setzen kann.

Ob es gelungen wäre, könne er nicht beurteilen, meint Whiting. Er führt aber das Duell zwischen Hamilton und Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo in der Schlussphase ins Feld - als sich der Weltmeister die Zähne ausbiss: "Er hatte DRS, war aber nie dicht genug dran, wenn er auf die erste Kurve zugefahren ist." Und das nach zwei Geraden mit aufgeklapptem Flügel. "Die Aerodynamik war da nicht das Problem. Es war nur ein Auto etwas schneller als das andere", argumentiert Whiting.

Also keine Chance für Hamilton? Der Mercedes-Fahrer sieht es anders und glaubt, dass ihn die Dirty-Air an einem Manöver gegen Ricciardo gehindert hätte: "Es war wie im jüngsten Rennen und genauso wie Gott weiß wie lange", stöhnt er über das viel diskutierte Überholproblem. "Ich kann nicht erklären, wieso einige Rennen gut sind und andere nicht. Es gibt die gleichen Reifen, alle Typen und Mischungen. Aber ich fahre auf 1,0 oder 1,8 Sekunden heran und komme nicht weiter."

Vettel, der ein einsames Rennen an der Spitze fuhr, hatte solche Probleme am Sonntag nicht. Er sagt, dass die Piloten auch fernab eines Zweikampfes immer gut beschäftigt wären. Reifen und Motor schonen, Einstellungen am Lenkrad vornehmen, sich mit dem Renningenieur über die Strategie beraten. "Schreibt doch über etwas anderes", rät er den Journalisten, wenn es um Langeweile geht.

Hamilton hingegen diktiert den Berichterstattern Vorschläge in den Block, um die Qualität der Rennen zu verbessern. Er will die Antriebskontingente (derzeit drei bis zwei Bauteile pro Saison) nicht verkleinern, weil die Teams mehr auf Materialschonung setzen und Piloten zu einer weniger aggressiven Fahrweise auffordern müssten. "Es würde lächerlich", befürchtet Hamilton und kommt zu einem deutlichen Urteil: "Der Sport geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung."  © Motorsport-Total.com GmbH