• [mw] formel-1-70-jahre-060820Handball-WM, Leichtathletik-WM, Formel-1-WM, Fußball-WM: Großer Sport dient dem Scheichtum Katar als Ablenkung von großem Unrecht.
  • Anlässlich der Premiere der Formel 1 im Scheichtum halten sich die meisten Fahrer mit ihrer Meinung zu den Verhältnissen vor Ort zurück - mit einer Ausnahme.

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Die meisten Fahrer schwiegen, flüchteten sich in allgemeine Aussagen - nur Lewis Hamilton füllte den Vorsatz der Formel 1 ein wenig mit Leben. Sollte die Königsklasse in Katar fahren? Kann der Sport helfen, ungerechte Systeme zu verändern? Das seien "schwierige" Themen, sagte Hamilton, doch er sprach darüber.

"Wenn es in den Ländern, die wir besuchen, Probleme gibt, dann müssen wir als Sport darüber sprechen", sagte der Rekordweltmeister am Losail Circuit. Und erklärte auch warum: "Es gibt viel schlauere Leute, die im Hintergrund wirksamer für Veränderungen kämpfen. Aber wir können für das Rampenlicht sorgen, das den Wandel beschleunigen kann."

Was Lewis Hamilton zum sogenannten Kafala-System sagt

Hamilton sprach auch über das missbräuchliche Kafala-System, das in vielen Ländern des Nahen Ostens für die Ausbeutung von Arbeitsmigranten sorgt: "Sie versuchen, das hier zu verbessern, das geht nicht über Nacht, es ist noch ein weiter Weg."

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Formel-1-Rekordweltmeister Lewis Hamilton weicht kritischen Fragen zur Austragung eines WM-Laufs im Scheichtum Katar nicht aus und betrachtet das "Rampenlicht" als Chance, Veränderungen in einem Land anzustoßen, das vor allem auch mit seinen Menschenrechtsverletzungen Schlagzeilen schreibt.

Die Formel 1 verdient sehr viel Geld mit ihren drei abschließenden Saisonrennen in Katar (Sonntag, 15 Uhr MEZ/Sky), Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Beteuert aber auch, ihren Teil zur Veränderung beitragen zu können. Diese könne beschleunigt werden durch die Aufmerksamkeit, die große Sportereignisse bringen, sagt Formel-1-Chef Stefano Domenicali, "und wir werden da eine wichtige Rolle spielen."

Dazu, stellen Menschenrechtler immer wieder klar, müssen die Akteure die Themen aber auch ansprechen, ihre Plattform nutzen, Druck ausüben. Und in Katar hielten sich Hamiltons Kollegen nun deutlich zurück.

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Sebastian Vettel beißt sich vor Ort auf die Zunge

Auch Sebastian Vettel wollte kaum etwas beitragen, es sei eine Frage für den Sport als Ganzes, nicht für ihn persönlich. Das überraschte etwas, noch vor wenigen Wochen hatte er sich in der "New York Times" deutlicher geäußert. Das viele Geld, das die Formel 1 in Ländern wie Katar verdiene, sei "nicht besonders rein", sagte er unter anderem.

Im Freitags-Training unter Flutlicht gelang Vettel mit mehr als 0,8 Sekunden Rückstand auf Valtteri Bottas (1:23,148 Minuten) die neuntschnellste Zeit. Pierre Gasly im Alpha Tauri wurde Zweiter. WM-Spitzenreiter Max Verstappen belegte in seinem Red Bull den dritten Rang und verdrängte Hamilton im zweiten Silberpfeil um 0,072 Sekunden. Neuling Mick Schumacher musste sich in seinem unterlegenen Haas-Rennwagen als 19. einordnen.

Vor dem drittletzten Saisonrennen führt Verstappen in der WM-Gesamtwertung mit 14 Punkten vor Hamilton.

Katar ist ab 2023 dauerhaft im Formel-1-Kalender vertreten

Katar sprang als Austragungsort für das australische Melbourne ein. Dort kann aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie auch in diesem Jahr kein Grand Prix durchgeführt werden. Ab 2023 gehört Katar für mindestens zehn Jahre dauerhaft zum Rennkalender.

Experten zeichnen ein geteiltes Bild über den Einfluss, den Großevents auf das dortige politische und gesellschaftliche Systeme haben können. Katar wird im kommenden Jahr die Fußball-WM ausrichten, und seit 2017 gebe es in Katar in der Tat "Bewegung in Sachen Menschenrechte", sagte Katja Müller-Fahlbusch dem SID. Die Expertin für die Region Naher Osten bei Amnesty International sieht die Reformen als "auf dem Papier substanziell".

So sei Katar das einzige Land in der Region, das sich an Veränderungen des Kafala-Systems, welches auch das Arbeitsrecht regelt und einseitige Abhängigkeitsverhältnisse schafft, heranwage.

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Auch Frauen, homosexuelle Paare und die Presse haben es in Katar schwer

Doch der tatsächliche Fortschritt stagniere, ohnehin würden Änderungen vor allem im Schlaglicht der Fußball-WM umgesetzt: Für "98 Prozent der ausländischen Arbeitskräfte" habe sich nicht viel geändert. Auch mit Blick auf Frauenrechte, gleichgeschlechtliche Handlungen sowie Meinungs- und Pressefreiheit bleibe die Lage in Katar "schwierig".

Menschenrechte, so die Expertin, müssten daher vor der Vergabe von Sportveranstaltungen eine Rolle spielen "und nicht erst danach". Sonst bleibe oft nur die Möglichkeit, "die Scherben aufzusammeln. Und das Beste daraus zu machen." Lewis Hamilton hat das wenigstens versucht. (SID/dpa/hau)

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