• Der ehemalige Formel-1-Pilot Marc Surer kritisiert die Formel 1 für die wenigen Tests vor dieser Saison.
  • Der Schweizer verrät, welche Teams ihn bislang überrascht haben und welche enttäuscht haben.
  • Außerdem prognostiziert Surer einen engen WM-Kampf, weil er bei Red Bull einen Unterschied ausgemacht hat.

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Herr Surer, es gab vor dieser Formel-1-Saison nur drei Testtage insgesamt. Wie schwierig ist es für die Fahrer, damit zurechtzukommen?

Marc Surer: Am schwierigsten ist es sicherlich für die jungen Fahrer. Auf ein neues Auto muss man sich "einschießen", gleichzeitig darf aber nur ein Auto eingesetzt werden. Also kann ein junger Fahrer maximal 1,5 Tage testen, bevor er zum ersten Mal bei einem Grand-Prix-Wochenende an den Start geht.

Das ist lächerlich und nicht auf Formel-1-Niveau, dass den jungen Piloten nicht mehr Möglichkeiten geboten werden. Da muss etwas passieren, das kann so nicht weitergehen. Für die arrivierten Fahrer genügen drei Tage, weil es kein neues Reglement in dieser Saison geben wird.

Wie bewerten Sie die Testergebnisse? Lassen sich daraus Erkenntnisse für den Saisonverlauf ziehen, obwohl die Strecke vielleicht nicht so viele Kurse miteinander vereint, wie es in Barcelona der Fall ist?

Die Aussagekraft ist in dem Sinne nicht schlecht, weil warme Temperaturen herrschten. Das war immer das Problem in Barcelona, das es oftmals kalt war. Beim ersten Rennen in wärmeren Gefilden mussten die Teams dann neue Kühlungsschlitze bauen, weil das bisherige Konzept nicht ausreichte.

Und auch die Reifen machten auf einmal Probleme, was bei den Tests nicht ersichtlich war. Der Vorteil in Barcelona sind aber die schnellen Kurven, die nach den Fahrten in Bahrain noch das Fragezeichen sind.

Testergebnisse zeigen, dass das Feld näher zusammengerückt ist

Blicken wir nun auf die Ergebnisse der Tests. Welches Team oder welcher Fahrer hat Sie dort positiv überrascht?

Als Schweizer muss ich natürlich Alfa Romeo erwähnen, die einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Die größte Überraschung bei den Topteams war für mich McLaren, die jetzt auch mit einem Mercedes-Motor fahren. Das Auto lief von Anfang an fehlerfrei.

Dass diese Umstellung so schnell vonstattenging und das Auto gleich wieder schnell ist - man hat das Gefühl, da steckt noch mehr drin. Das hat mich beeindruckt. Ansonsten zeichnet sich ab, dass das Feld näher zusammengerückt ist.

Und wer hat Sie negativ überrascht?

Bei Mercedes gab es einige Probleme, sogar technischer Natur. Das war bislang eher unüblich. Auch in der Abstimmung haben sie noch nicht das Optimum gefunden. Die größte Enttäuschung war aber Aston Martin.

Zu meiner Verwunderung hatten Sie jede Menge technische Probleme, aber fahren eigentlich das Auto vom letzten Jahr. McLaren musste einen neuen Motor einbauen, aber das Auto lief von Anfang an rund.

Für Sebastian Vettel, der von Ferrari zu Aston Martin wechselte, liefen die Tests nicht wirklich gut. Ein Fingerzeig für die Saison oder doch nur Startschwierigkeiten?

Die Tests darf man nicht überbewerten, solche Probleme tauchen immer auf bei den Testfahrten. Der Fehler ist dieses Mal, dass es nur drei Tage insgesamt gab. Vettel ist daher sehr wenig zum Fahren gekommen und konnte sich kaum an sein neues Auto gewöhnen.

Er muss versuchen, das Auto in seine Richtung abzustimmen. Das war eines der Probleme bei Ferrari, dass dort der Wagen eher zugunsten von Charles Leclerc gebaut wurde. Jetzt muss Vettel schauen, dass der Aston Martin auf ihn zugeschnitten wird.

Im Team hören sie wohl sehr auf ihn, aber wenn er nicht zum Fahren kommt … Insgesamt ist das schon ein bisschen dumm gelaufen. Das Auto ist aber nach wie vor ein gutes Auto von der Basis her.

Was trauen Sie Vettel in dieser Saison zu?

Im ersten Rennen darf man nicht allzu viel von ihm erwarten. Ein Startplatz unter den ersten Zehn wäre wohl zufriedenstellend. Die Steigerung wird kommen, wenn er sich im Team eingelebt und das Vertrauen in Mitarbeiter und Auto gewonnen hat. Das Potenzial im Auto für mehr ist auf jeden Fall da.

Ein Lernjahr für Mick Schumacher

Mit Mick Schumacher fährt in dieser Saison ein weiterer Deutscher mit. Er fährt für das Haas-Team. Wie sahen Sie ihn bei den Testfahrten und was erwarten Sie im Lauf der Saison von ihm?

Ich habe vor allem die Interviews von ihm gesehen. Er macht einen sehr positiven Eindruck, viel zu positiv dafür, dass er im langsamsten Auto sitzt. Das haben die Testfahrten gezeigt. Im Prinzip ist es wirklich nur ein Lehrjahr für ihn und natürlich darf man da nicht zu viel erwarten.

Natürlich erhoffen sich die Fans, dass er ab und zu Ausrufezeichen setzt, aber das kann er nicht. Möglicherweise gelingt es ihm bei einem Chaosrennen. Aber so wie sich das Kräfteverhältnis im Moment darstellt, wird er regelmäßig aus der letzten Startreihe starten müssen.

Wird dieser Status einen Einfluss auf Schumachers Motivation haben?

Ferrari hält die schützende Hand über ihn als Mitglied ihrer Nachwuchsakademie. Sie wissen genau, welche Voraussetzungen er hat. Es geht vor allem darum Rennerfahrung zu sammeln. Eine Chance ist immer da, aber es braucht besondere Umstände, die gibt es in der Formel relativ häufig.

Als junger Mann wird es an der Motivation nicht fehlen. Dabei zu sein in der Formel 1 und einen Konkurrenten zu überholen, das sind schon Highlights.

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton kann in dieser Saison zum alleinigen F1-Rekordweltmeister aufsteigen. Nach einem, für Außenstehende, langen Vertragspoker verlängerte er doch noch bei Mercedes. Warum hat er so lange gezögert?

Man hat gehört, dass er gemeinsam mit Mercedes eine Stiftung für mehr Diversität in der Gesellschaft gegründet hat. Er hat versucht, in seinen Vertrag möglichst viel reinzupacken, das nicht direkt mit dem Fahren zu tun hat. Er will seinen Namen und seine Beziehungen nutzen für die Zukunft, auch wenn diese möglicherweise mehr im politischen Bereich liegen wird.

Jetzt hat er wohl mehr oder weniger das bekommen, was er wollte. Ich glaube es ging mehr um diese Dinge, als dass er fahren wollte. Teamchef Toto Wolff und er haben ja oft betont, dass alles klar ist, aber diese Rahmenbedingungen waren ihm wohl sehr wichtig.

Red Bull bleibt größte Konkurrenz für Mercedes und Hamilton

Wird er nun auf der Strecke auch mehr gefordert werden, als in den Jahren zuvor, als er jeweils doch relativ unbedrängt den Titel holen konnte?

Es wird enger werden, das haben die Testfahrten gezeigt. Größter Konkurrent wird wohl erneut Red Bull sein. Die sind zum ersten Mal gut vorbereitet. In den vergangenen beiden Jahren hatten sie jeweils große Pläne, aber bei den Tests kamen Probleme auf. In diesem Jahr hat alles funktioniert. Ich glaube, dass die auf Augenhöhe sind mit Mercedes.

Wir wissen aber, Mercedes zeigt nie alles bei den Tests, ein Lewis Hamilton schon gar nicht. Zumeist ist dort Valtteri Bottas schneller, aber wenn dann die erste Qualifikation ansteht, kommt Hamilton mit drei Extra-Zehntel angefahren. Damit muss man rechnen, aber sie sind enger zusammen, es sind nicht mehr die Sekundenabstände wie vor einem Jahr.

Welcher Fahrer hat, aus Ihrer Sicht, die größte Chance zur Überraschung der Saison zu werden?

Ich denke, dass man auf Daniel Ricciardo im McLaren ein besonderes Auge werfen muss. Das könnte gut werden. Für mich ist der Australier einer der fünf besten Fahrer im Feld. Zwar war er noch nie Weltmeister, aber er weiß, wie man Rennen gewinnt. Wenn der McLaren so gut läuft, wie bei den Testfahrten, hat Ricciardo das größte Potenzial für eine Überraschung.

Abschließend noch die Frage zu Fernando Alonso, der mit 39 Jahren in die Formel 1 zurückgekehrt ist. Wie sehen Sie sein Comeback?

Er ist voll motiviert und will sich beweisen, nachdem er damals im McLaren mit Honda-Motor chancenlos war. Er weiß, dass es seine letzte Chance in der Formel 1 ist. Mit vollem Tank war er bei den Tests sehr gut unterwegs. Vor allem im Rennen könnte der Alpine sehr stark aufkommen.

Über den Experten: Marc Surer fuhr von 1979 bis 1986 selbst in der Formel 1 und war anschließend einige Jahre als TV-Experte, unter anderem für Sky, tätig. Ein Motorschaden verhinderte 1985 einen Podestplatz für den Schweizer.
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