8844 Meter - die magische Grenze. Dort liegt der höchste Punkt der Erde: der Mount Everest. Ihn zu bezwingen übt seit je eine Faszination auf den Menschen aus. War es am Anfang noch ein gewisser Pioniergeist, der die Bergsteiger beseelte, ist es heute zunehmend der Wunsch, seine eigenen Grenzen auszuloten, der die Menschen auf den Gipfel treibt. Aus welchem Grund auch immer sie sich auf die Gipfeljagd begeben, ein ständiger Begleiter weicht den Bergsteigern nie von der Seite: der Tod.

Die Ersten auf dem "Dach der Welt"

Es war der 29. Mai 1953, als zwei Menschen wussten, dass sie alle anderen hinter sich gelassen hatten. Oder besser: unter sich. Der Neuseeländer Edmund Hillary und sein Sherpa Tenzing Norgay standen auf dem Mount Everest, beinahe neun Kilometer über dem Meeresspiegel. (Lange Zeit galten 8848 Meter als die korrekte Höhe, GPS-Messungen im Mai 1999 ergaben 8850 Meter, und die neueste Messung aus dem Mai 2005 kam zum Ergebnis 8844 Meter.) Sie waren die Ersten, die den Gipfel erklommen hatten, aber sie waren bei weitem nicht die Ersten, die es versucht hatten.

Bereits in den 1920er Jahren setzte der Brite George Mallory alles daran, den Everest zu besiegen - und zwar, "weil er da ist". Er ließ sich auch von einer Katastrophe bei der ersten Mission im Jahr 1922 nicht abschrecken, als eine Lawine sieben Sherpas und den Traum vom Gipfelsturm unter sich begrub.

Ungeachtet dessen kehrte Mallory zwei Jahre später zum Everest zurück, und er sollte seine Besessenheit mit dem Leben bezahlen. Er und sein Begleiter Andrew Irvine machten sich am 8. Juni 1924 auf den Weg zum Gipfel und kehrten nie wieder zurück. Mallorys Leiche wurde am 1. Mai 1999 in einer Höhe von etwa 8150 Metern gefunden, die von Irvine ist bis heute verschollen. Dass die beiden den Gipfel gemeistert haben, gilt als unwahrscheinlich.

In den folgenden Jahrzehnte scheiterten alle Expeditionen an dem Berg, den die Nepalesen ehrfurchtsvoll Sagarmatha ("Himmelsgöttin") und die Tibeter Chomolungma ("Göttin der Mutter Erde" ist eine der gängigen Übersetzungen) nennen und den die Sherpas als heilig verehren. Sie kamen dem Gipfel jedoch immer näher, erschlossen neue Routen und ebneten damit den Weg für Hillary und Norgay.

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In eisige Höhen

Nachdem der Titel "erster Mensch auf dem Gipfel des Everest" nun vergeben war, suchten die Bergsteiger nach immer neuen Wegen, um aus dem Gipfelerfolg noch etwas Besonderes zu machen - mit bisweilen skurrilen Rekordversuchen, wie wir später sehen werden. Zunächst einmal muss man sich jedoch vor Augen führen, mit welchen Strapazen der Aufstieg in Höhen über 7500 Meter immer verbunden ist.

In dieser Höhe beginnt die so genannte "Todeszone", in der der Sauerstoffgehalt der Luft auf etwa ein Drittel der normalen Sättigung sinkt. Dementsprechend wird der Körper nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt, und der Mensch muss zu künstlichem Sauerstoff greifen.

Der sinkende Sauerstoffgehalt der Luft ist schon ab Höhen von 2.500 Metern deutlich spürbar. Der Körper holt sich den fehlenden Sauerstoff durch schnelleres Atmen und gesteigerte Herzfrequenz zurück, wodurch der Bergsteiger jedoch auch schneller erschöpft ist - ein Teufelskreis. Je höher man kommt, desto mehr muss sich der Körper an die veränderten Bedingungen anpassen.

Dabei wird die Zahl der roten Blutkörperchen erhöht, um eine bessere Sauerstoffversorgung der Zellen zu gewährleisten. Allerdings ist der Körper nur bis zu einem gewissen Grad anpassungsfähig. Je höher man steigt, desto mehr steigt das Risiko der Höhenkrankheit. Gerade in der Todeszone wird der Zustand lebensbedrohlich: Der Bergsteiger muss nicht nur in extrem dünner Luft eine sportliche Höchstleistung vollbringen, er leidet zudem noch an schweren Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit und Orientierungslosigkeit.

Jeder einzelne Schritt wird zur Qual und kostet Überwindung. Ganz zu schweigen von Erfrierungen, die beispielsweise Reinhold Messner 1970 am Nanga Parbat beinahe alle Zehen kosteten.

Da die Bergsteiger in dieser Höhe also nur extrem langsam vorankommen, muss das letzte Lager vor dem Gipfel des Everest in einer Höhe von 8300 Metern liegen - von einer tiefer gelegenen Stelle würde es schlicht und einfach zu lange dauern, den Gipfel zu erklimmen und auch noch wieder abzusteigen. Ein derart hoch gelegenes Lager, in dem die Bergsteiger mindestens eine Nacht verbringen müssen, ist für den Körper und die Psyche gleichermaßen eine hohe Belastung. Daher ist im Grunde jede Besteigung eines Achttausenders eine besondere Leistung. Und dennoch gibt es immer wieder Menschen, denen das nicht genug ist.

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Auf der verzweifelten Jagd nach Rekorden

Obwohl die meisten Bergsteiger in den Höhen über 8000 Metern ohne künstlichen Sauerstoff kaum überleben können, ist es immer wieder Menschen mit außergewöhnlicher Konstitution gelungen, diese Höhen ohne Hilfsmittel zu meistern. Die Ersten, die den Everest ohne künstlichen Sauerstoff bezwangen, waren Reinhold Messner und Peter Habeler im Jahr 1978.

Zwei Jahre später ging Messner noch einen Schritt weiter, als er den Berg als Erster ohne Sauerstoff im Alleingang bestieg. Mit der Besteigung des Lhotse und des Makalu im Jahr 1986 war es auch der Südtiroler, der als erster Mensch alle vierzehn Achttausender dieser Welt bezwungen hatte.

In der Folgezeit begann die Rekordjagd auf dem Everest jedoch erst so richtig. Jeder wollte der oder die Erste bei irgendetwas sein, sei es, um sich selbst oder der Welt etwas zu beweisen. So war es am 27. Mai 1998 der beinamputierte Tom Whittaker, der als erster Behinderter auf dem Gipfel des Everest stand. Drei Jahre später tat es ihm Erik Weihenmayer nach - als erster Blinder.

Der jüngste Gipfelstürmer war am 22. Mai 2001 der erst 16-jährige Temba Tsheri. Dieser ließ sich dabei auch davon nicht abschrecken, dass er im Jahr zuvor bei seinem ersten Versuch drei Finger der rechten Hand und zwei der linken verloren hatte. Und auch am anderen Ende des Altersspektrums ist ein Wettkampf ausgebrochen: Hielt bis zum Mai 2007 ein 70-jähriger Japaner den Rekord für den ältesten Bezwinger, ist seit diesem Jahr das Maß aller Altersdinge 71 Lenze - und der nächste 72-Jährige trainiert bestimmt schon.

Doch nicht nur menschliche Grenzen wurden immer weiter nach oben geschoben. Im Jahr 2005 schaffte der französische Testpilot Didier Desalle, was bis dahin als unmöglich galt: Er landete mit einem Hubschrauber auf dem "Dach der Welt". Rettungsaktionen sind dadurch aber dennoch nicht möglich, weil zusätzlicher Ballast das Manöver unmöglich machen würde. Profi-Bergsteiger kritisierten die Aktion - einer von ihnen, Hans Kammerlander, äußerte die Befürchtung, das Bergsteigen könne zu einer "Sightseeing-Tour für Millionäre" verkommen.

Und es ist auch nicht nur der Aufstieg, der mit prestigeträchtigen Rekorden lockt. Auch der Weg nach unten kann für diese Zwecke benutzt werden. So fuhr der slowenische Skilehrer Davo Karnicar im Jahr 2000 auf Skiern den Everest komplett hinunter. Der Zusatz "komplett" ist wichtig, denn er war nicht der Erste, der dieses Wagnis einging: Der Südtiroler Hans Kammerlander - eben jener vorhin erwähnte - war bereits im Jahr 1996 vom Gipfel abgefahren.

Auch die erste Snowboard-Abfahrt ließ dann nicht mehr allzu lange auf sich warten: Diese Ehre konnte der Österreicher Stefan Gatt für sich verbuchen, im Jahr 2001. Im selben Jahr sprang das französische Paar Claire und Bernier Roche mit einem Tandem-Paraglider hinterher.

Wie sehr die Rekordjäger Einzelkämpfer sind und bisweilen von ihren Obsession benebelt (zusätzlich zu den bereits angesprochenen Strapazen, die der Aufstieg ohnehin mit sich bringt), zeigt der Fall von Mark Inglis, der im Jahr 2006 als erster doppelt Beinamputierter den Everest besteigen wollte. Auf dem Weg zum Gipfel traf er auf David Sharp, der offensichtlich in großen Schwierigkeiten war. Inglis entschied sich dafür, seinen Rekordversuch fortzusetzen - Sharp starb kurze Zeit später. Inglis verteidigte sich damit, dass der Expeditionsleiter die Entscheidung getroffen habe, dieser widersprach dieser Darstellung jedoch vehement.

Dass aber auch Höhenjäger bisweilen zur Vernunft kommen und nicht alles den Rekorden unterordnen, zeigt der nun schon mehrfach erwähnte Hans Kammerlander. Der Südtiroler war im Mai 1991 mit Friedl Mutschlechner und Karl Großrubatscher auf dem Weg zum Gipfel des Manaslu. Beide Begleiter sollten den Aufstieg nicht überleben, Großrubatscher brach sich das Genick und Mutschlechner wurde vor den Augen Kammerlanders vom Blitz erschlagen. Kammerlander ist seitdem nicht zum Manaslu zurückgekehrt - obwohl es der einzige Achttausender ist, der ihm noch in seiner Sammlung fehlt.

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Tödliche Kommerzialisierung

Angespornt durch die Erfolge der Profis wollten immer mehr Amateur-Bergsteiger auf dem höchsten Gipfel stehen. Kommerzielle Anbieter packten die Gelegenheit beim Schopfe und boten den Selbsterfahrungstrip für mehrere zehntausend Euro respektive Dollar feil.

Daraufhin warnten eben jene Profis, die mit ihren Höchstleistungen und anschließender Vermarktung ihrer Erlebnisse den Ehrgeiz der Laien geweckt hatten, vor einer Kommerzialisierung "ihrer" Berge - die Unmengen Müll, den die Gipfeltouristen produzieren und auf dem Berg zurücklassen, gibt ihnen Recht.

In diesem Zusammenhang könnte man auch von einer Trivialisierung des Berges sprechen, wenn an einem einzigen Tag 89 Menschen auf den Gipfel steigen wollen - so geschehen 2001 - und man sich quasi erst einmal hinten in der Schlange anstellen muss.

Zudem verwiesen die Profis auf die Gefahren, die solch eine Unternehmung birgt und denen Amateure aufgrund ihrer Unerfahrenheit im Hochgebirge weniger versiert entgegentreten können als Profis. Schließlich kommt es auch bei professionellen Touren immer wieder zu Unglücken, wie beispielsweise Reinhold Messner 1970 am Nanga Parbat schmerzlich erfahren musste: Beim Abstieg kam sein Bruder Günther ums Leben.

Um diesen Vorfall entspann sich eine bis heute andauernde Kontroverse, da Messner stets vorgeworfen wurde, er habe seinen Bruder zurückgelassen. Messner widerspricht den Vorwürfen bis heute auf das Schärfste und präsentierte im Jahr 2005 den Schuh seines verunglückten Bruders, der an einer Stelle gefunden wurde, die Messners Version der Geschichte zu stützen scheint. Letzte Zweifel bei seinen Kritikern bestehen jedoch bis heute.

Unwägbarkeiten am Berg wie Höhenstürme, Lawinen und Steinschläge sind objektive Gefahren, der auch erfahrene Bergsteiger nichts entgegenzusetzen haben. Doch es sind die subjektiven Faktoren wie Selbstüberschätzung, falsche Einschätzung der Wetterlage und unzureichende psychische Stabilität im Angesicht der Anstrengung und der Gefahr, die die Teilnehmer kommerzieller Touren immer wieder ins Verderben stürzen.

Dass auch die Anwesenheit professioneller Bergführer solche Defizite nur bedingt aufwiegen kann, führte das Unglück 1996 am Mount Everest, als insgesamt acht Teilnehmer zweier Touren ihr Leben lassen mussten, vor Augen. (In der gesamten Saison kamen 15 Menschen ums Leben - das tödlichste Jahr am Everest.) Die Katastrophe wurde von einem der Teilnehmer, dem Journalisten Jon Krakauer, in einem Buch verarbeitet ("Into Thin Air", deutscher Titel "In eisige Höhen"). Das Buch wurde ein Bestseller und gab der Diskussion um den Sinn und Unsinn kommerzieller Touren am höchsten Berg der Welt neuen Zündstoff.

Aus welchen Gründen auch immer der Einzelne den Everest bezwingen will - bis heute haben schon mehr als 200 von ihnen den - zuweilen unerfüllten - Traum vom Gipfel mit dem Leben bezahlt.