Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus steigen wieder an. Aber auch die Fahrgastzahlen bei der Deutschen Bahn nehmen wieder deutlich zu. Damit steigt die Infektionsgefahr. Dennoch lehnt die Bahn eine Reservierungspflicht im Fernverkehr ab. Sie verfolgt einen anderen Weg.

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Die Fahrgastzahlen in Fernverkehrszügen bei der Deutschen Bahn (DB) nehmen wieder zu. Waren die ICE- und IC-Züge zum Höhepunkt der Corona-Pandemie zeitweise nur zu rund 10 Prozent ausgelastet, stiegen die Buchungszahlen zuletzt auf aktuell rund 30 Prozent, wie die Bahn auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilte.

Was das Unternehmen aus wirtschaftlicher Sicht freut, bringt jedoch auch eine Gefahr für Fahrgäste und Angestellte mit sich: Abstand halten in vollen Zügen wird zunehmend schwieriger - die potenzielle Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, steigt.

FDP-Politiker spricht sich für Reservierungspflicht aus

Eine Lösung könnte eine Reservierungspflicht sein, sagt Christian Jung von der FDP gegenüber "tagesschau.de". So könne gesteuert werden, wie viele Menschen in einen Zug steigen. Die Deutsche Bahn lehnt das jedoch ab.

"Eine Reservierungspflicht und damit einhergehender Kapazitätsreduktion auf Maximalabstände in den Zügen der DB würde einen massiven Eingriff in die Mobilität in Deutschland bedeuten", begründet ein Bahnsprecher gegenüber unserer Redaktion den Schritt. "Unsere Züge könnten nur mit einer Kapazität von gut 20 Prozent ausgelastet werden. Damit bliebe eine Bahnfahrt vielen Menschen schlicht verwehrt."

Der Großteil der Fahrgäste schätze die Freiheit, jeden Zug zu nehmen und spontan reisen zu können, erklärt der Sprecher weiter. Dabei denkt der Konzern vor allem an seine treuesten Fahrer, die Bahncard-Kunden 50 und 100 sowie Pendler. "Eine Reservierungspflicht würde diese Angebote unattraktiv machen und unsere Stammkunden verärgern."

Deutsche Bahn zeigt Auslastung der Züge im Internet an

Wie aber gewährleistet die Deutsche Bahn einen bestmöglichen Corona-Schutz? Welche Maßnahmen werden ergriffen?

Laut Auskunft der Bahn achte man darauf, dass die Züge möglichst gleichmäßig ausgelastet seien und ausreichend Sitzplätze ohne Reservierungen zur Verfügung stünden. Man habe daher die Auslastungsanzeige angepasst: So sehen Kunden auf "bahn.de" und in der App, sobald ein Fernverkehrszug über Vorabbuchungen zu mehr als 50 Prozent ausgelastet ist. Zudem werde die Zahl der Reservierungen begrenzt.

Bei Zügen mit voraussichtlich sehr hoher Auslastung behalte sich die Bahn auch vor, den Ticketvorverkauf auszusetzen, so der Sprecher weiter. Hinzu komme, dass "Mitarbeiter die Kunden dabei unterstützen, sich innerhalb der Züge bestmöglich zu verteilen. Wir achten auf eine Verteilung unserer Kunden auf die gesamte Länge und alle Plätze eines Zuges."

Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter der Grünen, reicht das aber nicht. Er fordert, dass Fahrgäste automatisch auf Abstand platziert werden, wie er gegenüber "tagesschau.de" sagt. Und er geht noch weiter: Für Risikogruppen sollten sogar Wagen freigehalten werden. "Dort ist dann die Abstandsregelung auch gegebenenfalls analog durchzusetzen, indem einfach jede zweite Sitzreihe gesperrt wird."

Deutsche Bahn baut Fahrzeugflotte aus

Stichwort Abstand: Den hat die Bahn zumindest teilweise durch den Ausbau ihrer Fahrzeugflotte geschaffen. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Kapazität im Fernverkehr um rund 15.000 Sitzplätze erhöht, bis Ende 2020 sollen weitere rund 13.000 hinzukommen, wie die Bahn mitteilt: "Mehr Kapazität schafft zugleich Platz für Abstand und sicheres Reisen."

Die Reservierungsmöglichkeit von nebeneinander liegenden Sitzplätzen schränkt das Unternehmen aber nicht ein: "Unsere Kunden möchten weiterhin die Möglichkeit haben, gemeinsam zu reisen."

Das größte Risiko einer Corona-Ansteckung in Fernzügen besteht aber genau dann, wenn ein Reisender direkt neben einem Infizierten sitzt - dies ist zumindest das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie von chinesischen und britischen Forschern.

Demnach liegt die Ansteckungsrate bei durchschnittlich 3,5 Prozent. Das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, variiert aber auch je nach Fahrtdauer. Grundlage der Studie sind Daten von rund 2.300 mit dem Coronavirus infizierten Personen und etwa 72.000 Kontaktpersonen, die mit den Infizierten in China zusammen in Hochgeschwindigkeitszügen zwischen dem 19. Dezember 2019 und dem 6. März 2020 gefahren waren.

Grünen-Politiker fordert klare Zuständigkeit der Bundespolizei

Am offenen Buchungssystem will die Bahn also weiterhin festhalten. Und das befürwortet auch das Bundesverkehrsministerium und verweist ebenfalls auf die Auslastungsanzeige auf der Internetseite der Bahn.

Das Ministerium muss sich von Gastel deutliche Kritik gefallen lassen. Der Politiker fordert, dass die Maskenpflicht in Fernzügen konsequent durchgesetzt wird. Dafür müsse die Behörde aber den Spielraum der Bundespolizei anpassen - dass sie auf den Schienen kontrollieren und Bußgelder verhängen dürfe sowie den Ausschluss von der weiteren Fahrt durchsetzen könne, schreibt Gastel auf seiner Internetseite. Im bundesweiten Fernverkehr könne es kein "erfolgversprechender Ansatz sein", dass die Corona-Auflagen Ländersache seien.

In puncto Maskenpflicht sind sich der Politiker und die Bahn immerhin einig. In den Zügen - und auch Bussen - der Deutschen Bahn sind Reisende verpflichtet, Mund und Nase zu bedecken.

Verwendete Quellen:

  • Auskunft Deutsche Bahn
  • matthias-gastel.com: "Maskentragen im Fernverkehr der Bahn durchsetzen"
  • tagesschau.de: "Bahn will keine Reservierungspflicht"
  • academic.oup.com: "The risk of COVID-19 transmission in train passengers: an epidemiological and modelling study"