Dass das vietnamesische Fernsehen sich wieder bei mir gemeldet hat, hat einen sehr speziellen Grund - und es ist ein hochpolitischer. Vorsicht ist angebracht in meiner Funktion als Ausbilder beziehungsweise Trainer für Journalisten, denn ich will mich auf keinen Fall vor einen politischen Karren spannen lassen.

Bei "VTV" (Vietnam TV) habe ich schon zuvor mehrfach unterrichtet. Immer war es wichtig, sachlich und fachlich zu bleiben und dabei trotzdem "westliche Werte" zu vermitteln. Ganz einfach war das nie - immerhin ist Vietnam eine sozialistische Einparteien-Republik und die Medien, allen voran das Fernsehen, sind staatliche Betriebe.

Zensur kommt vor, wenn auch nicht mehr sehr häufig. Viele Redakteure haben natürlich noch immer "die Schere im Kopf", andere orientieren sich eher an Werten der freien, demokratischen Presse und können das bisher auch weitgehend ungehindert umsetzten.

Vergessen sollte man nicht, dass Vietnam auf der Liste der Pressefreiheit zu den Schlusslichtern gehört. Platz 175 von 180 ist wahrlich eine Position, die die Verantwortlichen beschämen sollte.

Weit entfernt von freiem Journalismus

Die Vermittlung und Verbreitung der Werte einer freien Presse ist es, weswegen Leute wie ich in Ländern wie Turkmenistan, China, Laos, Aserbaidschan, Bangladesch, Südsudan, Sri Lanka, Myanmar und ähnlichen Ländern arbeiten.

Und ich kann Ihnen versichern: Einfach ist die Vermittlung unserer Freiheitswerte nur selten und eine Gratwanderung zwischen "Möchten" und "Dürfen" ist es fast immer.

Diesmal ist der Grund meiner Reise nach Hanoi sehr speziell: Vietnam fühlt sich militärisch von China bedroht. Schon vor rund 30 Jahren haben die beiden Staaten einen kurzen Grenzkrieg geführt.

Danach trat Ruhe ein, die Beziehungen wurden wesentlich besser: Bis die Volksrepublik China vor gut zwei Jahren in aller Welt verkündete, dass man ab sofort die Paracel- und die Spratly-Inseln als eigenes Hoheitsgebiet betrachten, dort Siedlungen bauen und Rohstoffe ausbeuten würde.

Das Problem: Neben China erheben auch Vietnam, Taiwan, die Philippinen, Malaysia und Brunei Ansprüche auf alle oder einen Teil dieser Inseln.

Steiniger Weg zur Pressefreiheit: Deutscher schult Medien in Mongolei.

Krieg gegen eine Armee, die mindestens fünfmal stärker ist

Während sich die Regierungen der anderen Länder relativ ruhig verhalten, droht die Administration in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi zeitweilig sogar unverhohlen mit Krieg. Ja, Vietnam gegen China. Eine Armee mit rund 450.000 Soldaten gegen die mit 2,5 Millionen Soldaten größte Streitkraft der Welt.

Journalisten von VTV sollten sich darauf vorbereiten, aus möglichen Spannungs- oder Kriegsgebieten berichten zu müssen, deshalb also meine Reise nach Hanoi und DaNang.

Bei dieser Unterrichtseinheit soll es also nur am Rande um Kameraeinstellungen, Mikrofontypen, Fragetechniken, Beleuchtung und Filmschnitt gehen, sondern vor allem darum, wie man sich um persönlichen Schutz kümmert, wie man sein Videomaterial sichert und wie man bedrohliche Situation sowie heimtückische Waffen erkennt.

Krieg als Abenteuer, was für ein tödlicher Unsinn

Sehr schnell wird klar, dass viele der Reporter und Kameraleute in meinem Unterricht Kriegsberichterstattung für ein großes Abenteuer halten und ebenso schnell ist mir klar, dass ich ihnen genau diesen Zahn ziehen muss. Immer wieder versuche ich zu vermitteln, dass die eigene Sicherheit grundsätzlich einen höheren Stellenwert hat, als dramatische Bilder und spannende Reportagen.

"Versucht nicht, Helden zu sein. Vergesst nicht, dass die meisten Helden, die wir kennen, tot sind." Diese Sätze haben sie sich bis zum Ende der Unterrichtswoche eingeprägt. Zum Glück. Ich hoffe, dass sich die vietnamesischen Kolleginnen und Kollegen im Ernstfall daran erinnern.

Ohne die Motorroller wäre Verkehr in Hanoi undenkbar

Auf den Straßen von Hanoi ist einiges los.

Wir diskutieren über die Gefahr von Minen, Scharfschützen und Hinterhalten und versuchen zu erarbeiten, wie man sich verhalten sollte, wenn man (von der einen oder anderen Seite) gefangen genommen werden sollte. Ein bisschen kann ich aus Erfahrung sprechen.

Immerhin war ich eine Weile im Knast der afghanischen Taliban, wurde vom türkischen Geheimdienst mehrfach festgenommen und "durfte" ein paar Tage bei der Polizei im ehemaligen Zaire verbringen. Alles, weil ich meine Arbeit als Journalist gemacht habe. Vor allem aber wurde ich bei meiner Spezialausbildung für die Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten mehrere Tage auf eine mögliche Geiselnahme vorbereitet.

Warum sind Menschen oft nicht intelligent genug, Probleme auf diplomatischem Weg zu lösen?

Was die Reporter und Kameraleute in Vietnam angeht, so habe ich nach Abschluss meines Unterrichts kein wirklich gutes Gefühl. Unter einigen der Kolleginnen und Kollegen herrscht so etwas wie "Kriegseuphorie" - ein Empfinden, das in gefährlichen Situationen tödlich sein kann.

Meine Hoffnung ist, dass die Regierungen in Peking und in Hanoi Ruhe bewahren und miteinander Reden. Es geht schließlich "nur" um einen Haufen winziger Inselchen mit insgesamt weniger als 2.000 Bewohnern. Die meisten davon sind wohl Soldaten der Staaten, die das Territorium beanspruchen.

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Vietnam: Ein einzigartiges Land mit einer gefährlichen Euphorie

Das Land ist weit entfernt von echtem Journalismus. Und doch sollen die Menschen lernen, wie sie im Kriegsfall gute Berichte liefern und dabei vor allem sicher bleiben.
Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.