Der Ort Fayzabad (es gibt etliche Schreibweisen) liegt auf der Landkarte von Afghanistan ganz oben rechts. Bis nach China sind es fast 400 Kilometer, bis zur pakistanischen Grenze etwa 120 und zur Grenze nach Tadschikistan keine 80.

In die Hauptstadt Kabul fährt man unter günstigen Umständen mindestens zehn Stunden. Im Winter kann es Tage dauern. Immerhin kann der Ort sich "Hauptstadt" nennen. Sie ist die Hauptstadt der Provinz Badakhshan.

Als ich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal hier war, lebten vielleicht 5.000 Menschen in dem Ort. Gezählt hat sie niemand. Jetzt, rund 40 Jahre später, sind es vermutlich rund 40.000.

Wirklich gezählt hat noch immer niemand. Rechts und links vom Fluss Kokcha gibt es ein paar kleine Märkte, überwiegend niedrige Häuser, zum Teil an die Berghänge geduckt, und eigentlich nur eine einzige Straße.

Sie kommt aus Richtung Westen, aus Kunduz und Mazar-E-Sharif und geht weiter nach Osten, hinein in den "Wakhan-Korridor" bis zur chinesischen Grenze. Einheimische sagen, dass man ein sehr zuverlässiges, geländegängiges Fahrzeug braucht und bis zur Grenze drei bis vier Tage Reisezeit einplanen müsse.

Das gilt nicht im Winter und zur Zeit der Schneeschmelze. Da muss es dann mindestens ein Unimog und eine Woche Zeit sein.

Leben ohne Elektrizität - auch im 21. Jahrhundert

Bei meinen ersten Besuchen in Fayzabad gab es in der Stadt keinen Strom. Wer es sich leisten konnte, hatte einen Generator - und erhebliche Probleme mit der Treibstoffversorgung.

So viel anders ist das heute nicht - nur dass der Generator heute der Stadt gehört, nach wie vor mit Diesel betrieben wird und nur am Abend für ein paar Stunden in Betrieb ist.

Auch im 21. Jahrhundert kann man hier offensichtlich weitgehend ohne elektrischen Strom leben.

Irgendwie war es mir gelungen, zwei Aufträge unmittelbar hintereinander zu legen. Zum einen sollte ich, zusammen mit einem Kollegen aus Deutschland, Journalisten aus Badakhshan unterrichten, zum anderen eine Fernsehdokumentation über die Trinkwasserversorgung in der Region produzieren.

Mindestens vier Wochen in der Stadt - aber dafür nicht zweimal An- und Abreise. In diesem Blog berichte ich über die ersten Tage dieses Aufenthaltes "am Ende der Welt" - in einem anderen vielleicht später über die Filmproduktion in und um Fayzabad.

Es gibt genau zwei Hotels, die von meinen Auftraggebern für relativ sicher gehalten werden. Wir entscheiden uns für das, welches fast am westlichen Rand der Stadt liegt, nur knapp 100 Meter von der Hauptstraße entfernt.

Der Vorteil: Über ein paar Hinterhöfe können wir das Gebäude mit unserem Unterrichtsraum in weniger als fünf Minuten zu Fuß erreichen.

Schon im Herbst kann es bitterkalt sein

Acht Zimmer und einen Speiseraum hat das "Wakhan Guesthouse". Sehr einfache Räume mit einem schmalen Bett, einem offenen Kleiderschrank, einem Tisch und einem Stuhl. Auf dem Flur sind Toilette und Dusche.

Winzig klein für die Damen - etwas größer für die Herren. Derzeit gibt es keinen weiblichen Gast. Im Zimmer steht ein Gasofen, der mit Propangas betrieben wird.

Es ist gut, dass es das Ding gibt. Wir sind hier in einem Tal des Hindukusch, einem Ausläufer des Himalaya. In einer Höhe von gut 1.200 Metern kann es im Herbst schon bitterkalt werden.

Es ist Donnerstag. Das islamische Wochenende hat angefangen. Morgen haben wir frei und am Samstag beginnt für uns die Arbeitswoche. Moheb, unser afghanischer Dolmetscher, geht mit uns zum Abendessen in ein rund zehn Minuten zu Fuß entferntes Restaurant.

Es heißt KFC (Kabul Fried Chicken) und hat auch genau nur das zu bieten: gegrillte Hühner. Die goldbraun über Holzkohle gerösteten Vögel sind ganz schön lecker. Und eines ist völlig sicher: Sie stammen nicht aus Massentierhaltung und wurden nicht mit Hormonen und Antibiotika behandelt.

Ich schaffe ein ganzes Huhn - dabei wollte ich hier "in der Wildnis" eigentlich ein bisschen abnehmen. Immerhin: Auf die Pommes verzichte ich.

Bier nur unter der Ladentheke

Auf dem Rückweg zum Guesthouse machen wir noch einen kurzen Abstecher in den "Supermarkt". Dieser ist eher ein Krämerladen: vollgestopft mit Regalen auf gut 30 Quadratmetern. Saft (aus Usbekistan) und einen Schokoriegel suche ich mir aus.

Seit 6.000 Jahren lodert hier in Australien ein unterirdisches Feuer.


Beim Saft kann ich mich nicht so recht entscheiden - immerhin gibt es ihn von Apfel, Birne, Pflaume, Kirsche und Erdbeere. Während ich noch unschlüssig vor den Regalen stehe, kommt der Händler, zieht mich an seine Theke und zaubert ein Sixpack Becks-Bier unter dem Ladentisch hervor.

Das hat er vor einiger Zeit deutschen Soldaten abgekauft. Ich könnte die Dose zum Sonderpreis von fünf Dollar bekommen. Dankend verzichte ich - und das nicht, weil Afghanistan per Gesetz ein alkoholfreies Land ist.

Im Dunklen tasten wir uns vorbei am Generatorhaus, von dem die ganze Stadt zwischen 18 und 22 Uhr mit Strom versorgt wird, zurück in unsere Unterkunft. Im Hotel gibt es tatsächlich WLAN.

Die Verbindung ins Internet ist stabil, wenn auch quälend langsam. Es ist eine Verbindung über Satellit. Die vier Meter große Schüssel steht auf dem Dach. Funktionieren tut das natürlich nur, wenn es Strom gibt - von 18 bis 22 Uhr also.

Und manchmal, wenn der kleine, hauseigene Generator angeworfen wird - aber auch nur mit Treibstoffkostenbeteiligung.

Samstag ist der erste Unterrichtstag. Unser Trainingsraum liegt über einer Autowerkstatt zwischen der Hauptstraße und einer kleineren, parallel verlaufenden Gasse. Da es bei diesem Lehrgang in erster Linie um Arbeit für den Hörfunk gehen wird, haben wir zehn Audiorekorder mitgebracht und zehn Handmikrophone.

Keine teuren Hightech-Geräte aber auch keine Rekorder, die technisch schon überholt wären. Aufgezeichnet wird auf digitalen Speicherkarten.

13 Männer und nur eine Frau

Die afghanischen Kollegen, die sich weiterbilden wollen, sitzen schon am großen Tisch in der Mitte des Raumes. 13 Männer und eine Frau. Die einzige weibliche Studentin trägt keine Burka, sondern nur ein Kopftuch.

Hier, im äußersten Nordosten des Landes, ist das durchaus bemerkenswert. Später, wenn sie sich auf den Heimweg macht, wird auch sie sich in eine Burka zwängen.

In letzter Minute schult Deutscher in Botsuana Reporter.


Mukhim ist der Vorsitzende des regionalen Zweigs der afghanischen Journalistenvereinigung. Er ist hier offiziell der Veranstalter und hat alles in die Wege geleitet und organisiert.

Mithilfe von Moheb, unserem Dolmetscher, erläutert er kurz, wie in den kommenden zwei Wochen der Tagesablauf sein wird. Um neun Uhr morgens geht es los, gegen halb eins gibt es Mittagessen für alle und ungefähr um 16 Uhr ist Schluss.

Unterricht von Samstag bis Mittwoch. Gas für die beiden Heizöfen müssen wir selbst bezahlen und Tee und Kekse würden ständig bereitstehen. Nicht schlecht für Fayzabad.

Da es tagsüber keinen Strom gibt, müssen die Akkus unserer Audiorekorder jede Nacht geladen werden. Anders als sonst üblich kann ich auch nicht mit einem Beamer arbeiten, sondern habe eine ganz klassische, dunkelgrüne Tafel an der Wand, an der ich versuchen werde, Fachbegriffe und Zusammenhänge zu erklären.

Ganz erstaunlich für Afghanistan: Die Teilnehmer haben sich bereit erklärt, während des Unterrichts nicht zu rauchen. Stattdessen machen wir am Vormittag und am Nachmittag jeweils eine Viertelstunde "Raucherpause".

"Qabuli Palaw" steht sicher überall auf der Speisekarte

Erfahrungsgemäß vergeht mindestens ein halber Tag mit der Vorstellung von Dozenten und Studenten. Das möglichst ausführlich zu machen hat sich als wichtig erwiesen, da es erheblich zum gegenseitigen Verständnis und Vertrauen beiträgt.

Gleich nebenan wird für uns gekocht. Zwei junge Frauen stehen in der Küche und schon in der ersten Raucherpause duftet es nach Gemüse, Knoblauch und Gewürzen.

Kurz nach 12 Uhr werden dann ein paar Töpfe in den Unterrichtsraum getragen, Teller und Besteck verteilt und ein Stapel Naan (Fladenbrot) auf den Tisch gelegt. Es gibt "Qabuli Palaw" (auch hier gibt es etliche Schreibweisen).

Gedämpfter Reis mit kleinen Lammfleischstückchen, Nüssen, Rosinen und geraspeltem Gemüse. Lecker! Und die Menge ist so groß, dass ich vermute, dass morgen nur aufgewärmt werden muss.

Eingeführte Tiere sollen getötet werden, weil sie Sorgen verursachen.


Der Bürgermeister kommt im Porsche

Mukhim ist ganz aufgeregt. Am Nachmittag will der Bürgermeister uns besuchen und offiziell willkommen heißen. Kurz nach 14 Uhr hält dann tatsächlich eine Wagenkolonne hinter dem Haus.

Vorne zwei Porsche Cayenne, dahinter zwei nagelneue Toyota Land Cruiser. Ich kann es kaum glauben. Dieser Ort hat höchstens 40.000 Einwohner und ist bettelarm.

Der örtliche Regierungschef ist groß und kräftig, verteilt Schulterklopfer, spricht keine mir verständliche Sprache, trinkt ausgiebig von unserem Tee und isst Kekse.

Nach zehn Minuten ist er wieder weg und alle sind völlig ergriffen. Später, wenn wir die Reportage zur Wasserversorgung drehen, werde ich ihm noch einmal begegnen.

Als er dann weg ist, will ich natürlich wissen, wie der Mann sich Autos für mindestens 300.000 Euro leisten kann. Betreten schauen die afghanischen Kollegen auf die Tischplatte.

Moheb spricht als Erster. "Afghanistan ist der größte Opiumproduzent der Welt,"erklärt er. Im Jahr 2016 sollen angeblich 8.000 Tonnen exportiert worden sein.

Und dann erzählt Moheb weiter, dass bis zu 80 Prozent der gesamten Produktion über die Nordostgrenzen das Land verlassen - und damit zwangsläufig durch Faizabad. Und Wegezoll zu verlangen sei eine alte afghanische Tradition.

Darüber müsste man mal eine Reportage machen können. Fortsetzung folgt.

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Fayzabad: Die bettelarme Stadt in Afghanistan

Die Menschen in der afghanischen Stadt Fayzabad haben nicht viel. Unser Blogger hat einige Eindrücke vor Ort festgehalten.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.