Manchmal liegen überraschende Reiseziele fast vor der Haustür. Wie der Harz. Dem norddeutschen Mittelgebirge, das sich Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen teilen, haftet ja hartnäckig ein eher langweiliger Ruf an.

Doch es hat inzwischen weit mehr zu bieten als altbackene Hexen-Folklore, düstere Fichten-Monokulturen und fragwürdigen Windbeutel-Wahn. Es gibt zahlreiche auch familientaugliche Wanderrouten entlang munterer Bergflüsschen, altes Kulturerbe spannend aufbereitet und inzwischen auch immer mehr moderne Freizeitanlagen für Fun und Action.

Ilsetal: Auf den Spuren von Prinzessin Ilse

Am Fuß des Ilsenstein

Viel Grün, eine herrliche Landschaft und sagenhafte Ausblicke im Nationalpark Harz bietet das Ilsetal.

Oberhalb des Städtchens Ilsenburg am nördlichen Harzrand erstreckt sich das Tal weit gen Brocken. Wer mag, kann den höchsten Berg des Harzes von hier auf dem rund zwölf Kilometer langen Heinrich-Heine-Wanderweg erobern – die wohl schönste Brockenbesteigung. Denn ganz nebenbei begibt man sich beim Wandern automatisch auf die Spuren von Goethes Faust und Heines Harzreise. Einige Stempelstellen der Harzer Wandernadel gibt´s hier natürlich auch.

Doch auch eine kleinere Rundtour mit Einkehrmöglichkeit ist sehr zu empfehlen - vor allem, wenn Kinder mitwandern.

Darum gehört der Münchner Airport zur internationalen Elite.

Vorbei an der Prinzessin Ilse-Quelle, die an einem gemauerten Häuschen ihr Mineralwasser schüttet (oft aber auch trocken ist), geht es weiter stramm bergauf bis zum Ilsenstein. 130 bis 160 Meter hoch erhebt sich die langgestreckte Felsformation über dem Tal mit dem Flüsschen Ilse – wie steil und hoch es hier wirklich ist, sieht man erst später auf der Wanderung. Dann führt der Weg nämlich unten im Flusstal entlang und der Ilsestein thront mit seinem Gipfelkreuz ganz hoch oben.

Die namengebende Prinzessin Ilse soll, so erzählt es eine Sage von vielen, eine sanftmütige Fee gewesen sein, die Tiere und Pflanzen schützte. Von einem missgünstigen Jäger ihres machtvollen Schwertes beraubt, verwandelte sie sich in den Ilsenstein und steht so bis heute da.

Über den Ilsenstein lässt es sich klettern, am Ende der Felsen ist ein Kreuz mit der Jahreszahl 1814 aufgestellt. Gestiftet hat es Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode, um seiner in den Befreiungskriegen gefallenen Freunde zu gedenken. Von hier – es ist übrigens genau die Nationalparkgrenze – sieht man den höchsten Harzer Berg, den Brocken, schon gut.

Immer wieder steigt tief schwarzer Qualm aus dem Wald auf – die Schmalspurbahn zuckelt unermüdlich mit Besuchern hinauf und ist dabei oft heillos überfüllt. Eine Wanderung ist also definitiv die bessere Wahl. Der Ilsenstein ist auch ein literarischer Ort, den nicht nur Goethe im Faust erwähnt, auch Heine beschreibt in der "Harzreise" seine Wanderung durch das Ilsetal und die Besteigung der Felsen.

Weniger steil geht es weiter zum Waldgasthaus Plessenburg, das zur Rast einlädt. Von hier geht es anschließend in weiten Schleifen hinab zur Ilse. Munter sprudelt die hier in ihrem noch gänzlich unverbauten Oberlauf über dicke Steine. Sogar ein Wanderbus verkehrt auf einem geschotterten Fahrweg. Doch viel schöner ist es, am anderen Ufer der Ilse auf unbefestigten Wegen talabwärts zu laufen – nach einiger Zeit mit dem beeindruckenden Blick auf den Ilsestein und das Kreuz hoch oben.

Megazipline: Geschwindigkeitsrausch pur

Megazipline Start

Gerade starten wieder zwei Megazipline-Flieger mit lautem Schrei, nebeneinander angeseilt mit Helm und Schutzbrille. Immer noch jauchzend werden sie immer schneller, verlieren sich schließlich als kleine Punkte über dem Wasser der Rappbodetalsperre.

Dass der Harz inzwischen mehr zu bieten hat als Windbeutel und 60er-Jahre-Tourismus, ist spätestens jetzt klar: Seit 2012 sausen an Europas größter Doppelseilrutsche die Wagemutigen einen Kilometer lang und 120 Meter tief einen bewaldeten Hang hinab und über die Talsperre.

Vor dem Abenteuer heißt es sich auf der Buchungsliste abstreichen lassen, der Flugzeit wird schon vorab im Internet gebucht, dann geht es hinein in den Turm mit der Startrampe, bezahlen und – hm, wiegen. Muss sein, denn mindestens 40 und maximal 120 Kilo muss die Waage anzeigen, sonst darf die Person nicht fliegen. Kinder und andere Leichtgewichte bekommen neben dem Sicherungssystem zusätzlich Bleiwesten, damit sie nicht mangels Gewicht zu langsam werden. Angezogen wird alles eine Etage höher, anschließend geht es nochmal eine Treppe hinauf.

Behörden gehen gegen Reservieren am Strand mit Geldstrafen vor.

Und hier ist sie dann auch endlich, die Startrampe. Hier kann man zugucken, wie die nächsten Leute hinter einer Sperre in das Seilsystem eingehängt und gesichert werden. Die Aufregung wächst. Dann geht die Tür auf. Sichern, einhängen, die Anweisung, die Arme eng am Körper zu behalten hören, nochmal in die Kamera winken – und los. Steil bergab am Anfang, schnell nimmt man Fahrt auf und weiß, warum auf dem Kopf nicht nur ein Helm, sondern vor den Augen auch eine Skibrille sitzt… bis zu 85 km/h schnell kann die Fahrt werden.

Ein Jubelschrei, denn es ist großartig, fast wie fliegen. Viel zu bald gleitet man über den See aus und wird unten in der Auffangstation in Empfang genommen. Die Megazipline haben vor fünf Jahren zwei Brüder gegründet, ein Dachdecker und ein Tischler. Sie wollten in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt ein neues, frisches Tourismusangebot aufbauen, und das ist ihnen wirklich gelungen. Und dem Harz tun solche neuen Aktivitäten auch gut.

Rammelsberg: Weltkulturerbe und Erlebnisbergbau

Eine alte Lore steht in den Stollen.

Nicht nur mehrere beeindruckende Tropfsteinhöhlen, unter Tage auch Jahrhunderte an Bergwerksgeschichte hat der Harz zu bieten. Unbedingt einen Besuch wert ist das Goslarer Bergwerk Rammelsberg, das zusammen mit der Altstadt Goslars auf der Liste der Unesco-Weltkulturerbestätten steht.

Besucher können nicht nur die großen oberirdischen Hallen mit verschiedenen Ausstellungen besuchen, sondern auch in den Berg einfahren und so 800 Jahre Bergbaugeschichte erleben. Am spannendsten sind die Touren zu Fuß in den Roeder-Stollen und die Einfahrt mit der Grubenbahn, wo der Guide den Bergbau des 20. Jahrhunderts erklärt. Doch allen modernen Maschinen zum Trotz – hätte das Pferd von Ritter Ramm hier nicht vor tausend Jahren im Boden gescharrt und dabei etwas Glitzerndes freigelegt, gäbe es das Bergwerk gar nicht, so zumindest die Legende.

Vor dem Besuch der Stollen heißt es "Helm auf" in der großen Waschkaue, wo bis heute die Kleidung und Ausrüstung der Bergleute an eisernen Ketten in Körben hoch oben unter der Decke hängen. Ein paar Meter die Straße hinauf, geht es durch ein unscheinbares, schmiedeeisernes Tor zu ebener Erde hinein in den Roeder-Stollen, gelb behelmt die Großen, rot die Kinder vorneweg.

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Familienurlaub im Nationalpark Harz

Ein Familienurlaub in der sagenhaften Bergwildnis des Nationalparks Harz.

Kaum fällt die Außentür ins Schloss, ist die Kühle des Berges präsent, immer rund zehn Grad, erzählt der Guide. Modrig ist die Luft, der Boden rutschig und schlammig. Leise plätschert Wasser. An den Wänden leuchten knallblaue Kupfer-Auswaschungen. Bergvogt Roeder erfand Anfang des 19. Jahrhunderts das geniale vorindustrielle Antriebssystem aus vier hölzernen Wasserrädern, jedes bis zu zehn Meter hoch, das den abgebauten Stein zu heben half – damals eine bewunderte Ingenieursleistung und für die Bergleute eine riesige Erleichterung unter Tage.

Wer hingegen mit der gelben Grubenbahn in den Berg einfährt, wird erstmal ordentlich hin- und her gerüttelt. Nach wenigen Minuten, mehrere hundert Meter tief im Berg, ist Endstation. Feucht ist es auch hier und kühl. An den Rändern des Stollens stehen noch die alten Maschinen und Geräte, mit denen die Bergleute bis 1988 den erzhaltigen Stein abbauten, und der Guide nimmt nacheinander einige davon lautstark in Betrieb.

Wieder am Tageslicht, ist es ein Muss, den von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Erzwaggon in der alten Kraftzentrale zu besichtigen, der letzte, der am Tag der Bergwerks-Stilllegung am 30. Juni 1988 den Stollen verließ. Wer’s dann nach so viel klammer Unterwelt und Technik lieber etwas kuscheliger möchte, kehrt in ein Café in Goslars Fachwerk-Altstadt ein. Denn die ist wirklich sehenswert und gehört mit gutem Grund ebenfalls zum Weltkulturerbe.

Anke Benstem (Bild) gehört wie Silke Haas, Sandra Malt, Dörte Saße und Iris Schaper zum Bloggerteam Reisefeder. Die Journalistinnen und Reisebuchautorinnen schreiben über Reisen in alle Welt. Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit.